Der gute E. Für einen Chorherrn und Professbruder war es unüblich, ja fast schon unschicklich, auf die Kutsche beim Reisen zu verzichten und selbst ein Pferd zu besteigen. Er hatte aber die zwei Reittiere, eines für sich und eines für seinen Lübecker Schüler und Bediensteten, tapfer erstritten von der Herrin von Verre, die, wie er noch immer hoffte, seine Mäzenin werden und ihm ein unbeschwerteres Leben in den kommenden Jahren sichern sollte. Für den Weg von Paris zu ihrem Schloss südlich von Calais hatte sie ihm aber zuerst ein so geringes Reisegeld zukommen lassen, dass es nicht einmal für einen Fussmarsch gereicht hätte. Dazu kam ihr Bote mit nur einem Reittier an, einem ehemaligen Mietpferd, das sie unverschämt billig hatte kaufen lassen. Es lahmte und sein struppiges Fell zeugte von jahrelanger schlechter Behandlung. E weigerte sich unter diesen Umständen, dem Ruf der Fürstin Folge zu leisten und bat seinen Freund Batt, der ihr als Sekretärin diente, für den Antritt seines Dienstes mehr zu fordern. Mit angemessenem Reisegeld und zwei akzeptablen Pferden machte sich E schliesslich im Januar 1499 mit seinem jugendlichen Begleiter auf den Weg nach Norden. Dass er auf seiner ersten längeren Reise zu Pferd in die schlimmsten Winterstürme seit Menschengedenken geraten würde, wusste er zu Beginn der kommenden vier Tage nicht. An seinen Freund Montjoy schrieb er später:
Endlich sind wir da! Und dazu mit heiler Haut, obwohl sich alle Götter des Himmels und der Unterwelt gegen uns verschworen hatten. Was für eine grässliche Reise, die Taten von Herkules und Odysseus waren ein Dreck dagegen! Juno hat den Windgott gegen uns aufgehetzt – sie hasst die Dichter wirklich! – und der wütete gegen uns mit allem, was ihm zur Verfügung stand: schneidende Kälte, Schnee, Hagel, wolkenbruchartiger Regen, Nebel. Kurz: mit geballter Gewalt! In der ersten Nacht machte nach langem Regen ein plötzlich einsetzender Frost die Wege ganz holperig. Eine Unmenge Schnee kam dazu, dann Hagel, dann Regen, der sofort zu Eis wurde, sobald er den Boden, die Pflanzen oder unsere Kleider berührte. Unsre Mäntel wurden steif wie Baumrinde. Die Erde wurde von einer dicken Eiskruste überzogen, die aber nicht glatt war, sondern nur so starrte von scharfen Spitzen und Buckeln. Die Bäume waren dick glasiert. Sie bogen sich unter dem Gewicht, vielen wurden die Äste abgerissen, die Stämme gespalten oder sie lagen gar ganz entwurzelt da. Wir trafen alte Bauersleute, die schworen, so etwas in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen zu haben. Unsere Pferde mussten sich durch tiefe Schneemassen kämpfen, dann wieder durch vereistes Gebüsch. Der Boden unter ihren Hufen war bösartig und gefährlich. Bald rutschen sie unversehens nach irgendeiner Seite aus, bald brachen sie durch die scharfkantige Oberfläche und holten sich blutende Wunden an den Fesseln.
Wie meine Stimmung dabei war? Die eines verdatterten Reiters auf einem verdatterten Pferd! An der Bewegung der Ohren erkannte ich seine Angst, die sich auf mich übertrug und mir das Herz puppern liess. Ich musste an Bellerophon denken, wie er von Pegasus abgeworfen worden war, und verwünschte meine Vermessenheit, mit der ich mich und meine ganze Wissenschaft einem armen stummen Tier anvertraut hatte.
Sed audi quiddam, quod tu credes ex veris Luciani narrationibus petitum, ni mihi ipsi Batto teste accidisset. – Aber höre nun etwas, von dem du glauben würdest, es sei direkt den «Wahren Geschichten» Lucians entnommen, wenn es mir – Batt ist mein Zeuge! – nicht selbst passiert wäre.
Wir stellen uns also vor: eine Filmszene. Eine Mischung aus Fellini, Tarkowski und Angelopoulos. Zuerst White out, die ganze Leinwand weiss, dazu das Heulen und Sausen des Sturmwinds. Als man sich schon fragt, ob nichts weiter passiere, kollert von links ein abgerissener schwarzer Ast ins Bild, bleibt zitternd hängen, bis ihn der Wind kippt und er wieder aus dem Bild gefegt wird. Da wieder alles weiss ist, merkt man zuerst nicht, dass die Kamera ganz langsam nach oben schwenkt und sich eine Art Horizont vom oberen Bildrand gelöst hat, gegenläufig zur Kamerabewegung nach unten sinkend. Eine Hügellinie, über der es – man fragt sich, wie es möglich ist – noch weisser ist. Darauf ein paar schwarze Brosamen. Nichts geschieht, dann Schnitt. Die Brosamen sind zu schwarzen Fetzen geworden, die sich langsam voneinander lösen und sich nun als zwei Pferde und zwei Menschen erkennen lassen. Die Reiter tragen weite schwarze Mäntel, die wie Fahnen im Wind ausschlagen. Die Männer sind offenbar abgestiegen und versuchen sich mit Gesten zu verständigen. Der Lärm des Sturms ist noch lauter geworden. Die Pferde haben sich dicht aneinandergedrängt und dem Wind ihre Hinterteile zugedreht. Schnitt. Nahaufnahme des Gesichts des einen Reiters, von dem man aber nur die zusammengekniffenen Augen und die spitze Nase sieht. Er trägt eine Mütze mit Ohrenklappen, die er tief in die Stirne gezogen hat, der Mund ist von einem Schal bedeckt. Ein Fausthandschuh schiebt sich von unten ins Bild, der Mann zieht sich den Schal nach unten und bewegt den Mund. Man hört, dass er seinem Begleiter etwas zurufen will, die Worte sind aber abgerissen und unverständlich. Die Kamera schwenkt und folgt seinem Arm, den er ausstreckt und mit dem er auf etwas zeigt. Erst jetzt lässt sich die Topografie der Umgebung lesen. Die Männer stehen auf einer Hügelkuppe, davor senkt sich eine weite Mulde. Weit entfernt ist im Nebel ein Schloss in der Senke zu erkennen, seitlich führt eine Pappelallee darauf zu, dahinter, als dunkler verschwommener Streifen, ein Wald. Schnitt. Man sieht den Mann, der versucht hat, sich verständlich zu machen, aus Sicht des Begleiters, dessen Kopf und Schultern im verlorenen Profil von links ins Bild ragen. Der Blick der Kamera geht über die Kuppe des einen Pferdes hinweg. Der Mann mit der Kappe hat uns den Rücken zugedreht. Man sieht, wie er unter den Sturmböen schwankt und Halt sucht, indem er sich mit seiner Rechten auf einen krummen Stock stützt. Mit der anderen Hand zeigt er auf das Schloss, dreht dem Begleiter nun den Kopf zu und versucht wieder, etwas zu sagen. Wegen der Drehung rutscht er plötzlich aus und verschwindet nach unten aus dem Bild. Schnitt. Der Mann sitzt auf seinem Hintern, den Mantel wie eine Schleppe um sich ausgebreitet. Jetzt wird er vom Wind erfasst und den Hang hinunter davongetrieben. Man hört einen Schrei. Ist er Ausdrucks seines Schreckens, oder ein Jauchzer? Er wird schnell kleiner und kleiner, aber man erkennt noch, dass er den Stock nun mit beiden Händen hält und als Steuerruder und Bremse benutzt. Dann ist er so klein geworden, dass man ihn nicht mehr sieht.
16.5.25
2.2.25
Schlussfeiern
In den letzten zwei Tagen vor den Frühlingferien, am Ende des Schuljahrs, das für mich zum Ende meiner Schulzeit werden sollte, war an einen geordneten Unterricht nicht mehr zu denken. Damals begrüsste ich das ausbrechende Chaos, es passte zu den Umständen, in die ich mich gebracht hatte. Die vier Abschlussklassen zogen durch die Schulgebäude, die maturi, wie sie von manchen Lehrern der Anstalt genannt wurden. Singend und gröhlend, als wilde Horden brachen sie in die Klassenzimmer ein, grotesk verkleidete Jünglinge, die sich demonstrativ an keine Regel mehr hielten. Die eingesteckte weisse Nelke schien sie dazu zu berechtigen. Einige hatten die Hochzeitsfräcke ihrer Väter ausgegraben – ich meinte, Mottenkugeln zu riechen –, die Nadelstreifenhosen waren um den Bauch zu weit oder endeten eine Handbreit über den Knöcheln. Zylinder und Melonen standen den einen erstaunlich gut und machten sie zu Gentlemen, die sie vielleicht schon bald sein würden. Andere sahen aus wie trottelige Figuren aus den Slapstick-Stummfilmen. Es gab auch solche, die mit dieser altbackenen Tradition nichts zu tun haben wollten. Die daherkamen wie sonst, in Jeans und Pulli. Oder sich als Hippies gebärdeten. Einen sah ich, mit dunklen, halblangen Haaren und Schnurrbart, der trug auch einen Zylinder, über den Schultern aber einen Poncho, wie ihn peruanische Hirten tragen. Darunter eine weite Manchester-Hose, deren Enden nachlässig in Lederstiefel gestopft waren. Wie ein mexikanischer Wegelagerer aus einem Westernfilm sah er aus. Aber alle, so schien mir, strahlten diese unerschütterliche Genugtuung aus, etwas Bedeutsames erreicht zu haben. Und ich kann mich gut erinnern, wie ich, als einer dieser Haufen kostümierter Jungmänner sich für die Darbietung eines Liedes vor uns Viertklässler aufstellte, mich so klar als nicht dazugehörig empfand, dass sich in meinen Kummer ein trotziger Stolz mischte. Ja, ich war wieder durchgefallen und würde diese uraltehrwürdige Schule verlassen, an der man den Schülern – Schülerinnen gab es erst in einer Klasse eine Handvoll – mit schöner Regelmässigkeit einredete, dass sie dereinst zur Elite der Gesellschaft gehören würden. Ich wollte Fotograf werden, eine Lehre beginnen.
Später, im Pausenhof, verfolgte ich wie alle den abschliessenden Höhepunkt des Rituals. Von der hölzernen Terrasse eines kleinen barocken Wirtschaftsgebäudes, das quer zum Schulhaus der Unterstufe stand und den südlichen vom nördlichen Teil des Hofs trennte, warfen die Maturanden ihre Hefte und Schulbücher hinunter. Einige hatten vorgesorgt und die Lehrmittel bereits in Einzelblätter zerlegt, andere zerrissen sie theatralisch erst jetzt, angefeuert von den Jubelrufen der unter ihnen herumwuselnden Unterstufenschüler, die versuchten, die herabschaukelnden Fetzen aufzufangen. Wenn eine Abschlussklasse keine Munition mehr hatte, war die nächste dran, die meist schon ungeduldig darauf wartete, die schmale Holtreppe hochzustürmen und die Belege ihrer über Jahre angesammelten Gelehrsamkeit in einer grossen Geste der Verachtung in den Schulhof regnen zu lassen. Ich weiss noch, wie ich mich fragte, ob sie denn nun alles im Kopf gespeichert hätten, was auf dem zerknüllten und zerrissenen Papier stand, das die Pflastersteine knöcheltief bedeckte. Ich bückte mich nach einem lateinischen Wörterbuch, an dessen zäher Bindung der frühere Besitzer offenbar gescheitert war und es deshalb am Stück hinuntergeworfen hatte. Da es noch fast unversehrt war, steckte ich es in die Schultasche, denn ich hatte mein Exemplar beim Austritt abgeben müssen. Und Latein war das einzige Fach gewesen, das ich zum Schluss noch mochte – wegen des Lehrers.
Ein anderer, der Mathelehrer, trat in dem Moment hinter mich und stupste mich an. Ich erschrak, weil ich meinte, er würde mich wegen des Buches zur Rede stellen. Aber er wollte sich nur von mir verabschieden, auf seine grobe Art. Trotzdem war ich fast ein wenig gerührt, als er sagte:
«Ich wünsche dir alles Gute. Schade, du bist ein intelligenter Kerl, warst aber immer ein fauler Siech. Wenn du eine Lehre machen willst, wirst du an die Säcke müssen. Ich hoffe, du packst das!»
Weil das Gymnasium keine genügend grosse Aula besass um die gesamte Schule einschliesslich der Angehörigen der maturi zu beherbergen, wurde die offizielle Schlussfeier in der nahen St. Martinskirche abgehalten. Wieder abgehalten, muss man sagen. Denn zwei Jahre lang hatte man diese grosse Feier ausgesetzt und stattdessen einen schlichten Anlass im engen Rahmen abgehalten, weil die antiautoritäre Stimmung nach 1968 auch auf die Schüler des Humanistischen Gymnasiums übergeschwappt war und dazu geführt hatte, dass die Rede des Rektors mehrfach durch ironischen Applaus und durch Zwischenrufe unterbrochen worden war, und von der Empore verdächtig würzige Gerüche in den Kirchenraum geweht waren. Ein Skandal! In dem Jahr, als ich die Schule verliess, war diese Feier wieder in geordnete Bahnen zurückgelenkt worden, und ich hätte sie eigentlich auslassen können. Ich ging aber trotzdem hin und hörte mir die Reden, die Musik und die Liste mit den Studienrichtungen an, welche die Maturanden einzuschlagen gedachten. Medizin und Jura standen zuvorderst, gefolgt von Geschichte, Germanistik, Theologie, solches Zeug. Mich interessierten die wenigen Abweichler, die zum Schluss kamen: einer wollte Zeichenlehrer werden, ein anderer zum Film, immerhin.
Später, im Pausenhof, verfolgte ich wie alle den abschliessenden Höhepunkt des Rituals. Von der hölzernen Terrasse eines kleinen barocken Wirtschaftsgebäudes, das quer zum Schulhaus der Unterstufe stand und den südlichen vom nördlichen Teil des Hofs trennte, warfen die Maturanden ihre Hefte und Schulbücher hinunter. Einige hatten vorgesorgt und die Lehrmittel bereits in Einzelblätter zerlegt, andere zerrissen sie theatralisch erst jetzt, angefeuert von den Jubelrufen der unter ihnen herumwuselnden Unterstufenschüler, die versuchten, die herabschaukelnden Fetzen aufzufangen. Wenn eine Abschlussklasse keine Munition mehr hatte, war die nächste dran, die meist schon ungeduldig darauf wartete, die schmale Holtreppe hochzustürmen und die Belege ihrer über Jahre angesammelten Gelehrsamkeit in einer grossen Geste der Verachtung in den Schulhof regnen zu lassen. Ich weiss noch, wie ich mich fragte, ob sie denn nun alles im Kopf gespeichert hätten, was auf dem zerknüllten und zerrissenen Papier stand, das die Pflastersteine knöcheltief bedeckte. Ich bückte mich nach einem lateinischen Wörterbuch, an dessen zäher Bindung der frühere Besitzer offenbar gescheitert war und es deshalb am Stück hinuntergeworfen hatte. Da es noch fast unversehrt war, steckte ich es in die Schultasche, denn ich hatte mein Exemplar beim Austritt abgeben müssen. Und Latein war das einzige Fach gewesen, das ich zum Schluss noch mochte – wegen des Lehrers.
Ein anderer, der Mathelehrer, trat in dem Moment hinter mich und stupste mich an. Ich erschrak, weil ich meinte, er würde mich wegen des Buches zur Rede stellen. Aber er wollte sich nur von mir verabschieden, auf seine grobe Art. Trotzdem war ich fast ein wenig gerührt, als er sagte:
«Ich wünsche dir alles Gute. Schade, du bist ein intelligenter Kerl, warst aber immer ein fauler Siech. Wenn du eine Lehre machen willst, wirst du an die Säcke müssen. Ich hoffe, du packst das!»
Weil das Gymnasium keine genügend grosse Aula besass um die gesamte Schule einschliesslich der Angehörigen der maturi zu beherbergen, wurde die offizielle Schlussfeier in der nahen St. Martinskirche abgehalten. Wieder abgehalten, muss man sagen. Denn zwei Jahre lang hatte man diese grosse Feier ausgesetzt und stattdessen einen schlichten Anlass im engen Rahmen abgehalten, weil die antiautoritäre Stimmung nach 1968 auch auf die Schüler des Humanistischen Gymnasiums übergeschwappt war und dazu geführt hatte, dass die Rede des Rektors mehrfach durch ironischen Applaus und durch Zwischenrufe unterbrochen worden war, und von der Empore verdächtig würzige Gerüche in den Kirchenraum geweht waren. Ein Skandal! In dem Jahr, als ich die Schule verliess, war diese Feier wieder in geordnete Bahnen zurückgelenkt worden, und ich hätte sie eigentlich auslassen können. Ich ging aber trotzdem hin und hörte mir die Reden, die Musik und die Liste mit den Studienrichtungen an, welche die Maturanden einzuschlagen gedachten. Medizin und Jura standen zuvorderst, gefolgt von Geschichte, Germanistik, Theologie, solches Zeug. Mich interessierten die wenigen Abweichler, die zum Schluss kamen: einer wollte Zeichenlehrer werden, ein anderer zum Film, immerhin.
29.10.24
Zeitvertreib auf der Reise
Der Mann auf dem Pferd lehnt sich weit nach vorne. Ächzend versucht er, sein rechtes Bein über den Hinterzwiesel des Sattels zu schieben. Die Müdigkeit liess den Schwung zu früh enden, sodass er einen Moment in grotesker Stellung am heissen Tierleib hängt. Nun setzt sich das Pferd auch noch in Bewegung, was der ordinario aber zum Glück gesehen hat. Der Reiseführer stellt sich dem Tier in den Weg und packt es dicht neben dem Maul am Zaumzeug. So kann sich der Mann heruntergleiten lassen. Als er seinen rechten Fuss auf den Boden gesetzt hat, muss ihm dabei geholfen werden, den andern aus dem Steigbügel herauszudrehen.
«Gratias!»
Der Dank tönt, als werde er mit dem letzten Schnauf ausgestossen. Dazu hebt der Mann die Schultern und lässt sie resigniert wieder fallen, begleitet die Geste mit einem entschuldigenden Lächeln hin zu seinem Helfer. Der beobachtet ihn ungerührt, ordnet dann aber eine Pause an.
Nachdem der Mann etwas getrunken und gegessen hat, kommt er zur Ruhe und kann nachdenken.
«More, Morus ... Moria! Mori encomion ... Moriae encomion, id est: Mori laus, stultitiae laus. Das Lob des Morus, das Lob der Torheit! Wir hätte beide unsere Freude daran! Wen die Verspieltheit des Vorhabens stört, soll daran erinnert werden, dass ich damit an Vorbilder grosser Autoren anschliesse. Hat nicht Homer in grauer Vorzeit seine «Batracho-Myo-Machia», seinen «Froschmäusekrieg» geschrieben, Vergil seine «Mücke» und Ovid die «Nuss»? Von Glaukon gibt es ein «Lob der Ungerechtigkeit», von Favorinus eines «des viertägigen Fiebers». Synesus hat die Glatzköpfigkeit auf das Podest gehoben, Lukian die Fliegen und andere Schmarozer. Von Seneca gibt es gar eine «Koloquinte» auf den Kaiser Claudius, was nichts weniger meint als dessen Verwandlung in einen Kürbis, anstatt, wie in einer ordentlichen Apotheose üblich, in einen Gott. Lukian und Apuleius haben Eselsromane geschrieben – letzerer einen ziemlich gewagten – und irgendwer, den Hieronymus erwähnt, das «Testament des Schweines Grunnius Corocotta». Also bitte, werft mir nicht vor, ich würde nur Schachfiguren auf dem Brett hin- und herschieben, oder mein Steckenpferdchen reiten. Nein, mein Spiel soll ernsthafte Einsichten vermitteln, jedoch ohne den geneigten Leser zu langweilen. Und so könnten wir beginnen:
Die Dummheit stellt sich vor.
Ihr Vater ist der Reichtum, ihre Mutter die Nymphe Jugend. Geboren wurde sie auf der Insel der Glückseligen, als Säugling gestillt von zwei Nymphen-Ammen, von der Bacchus-Tochter Methe, was Trunkenheit bedeutet, sowie von der Pan-Tochter Apaedia, welche die Beschränktheit verkörpert.
Die Dummheit, oder Torheit, hat ständige Begleiter, eigentliche Trabanten, die da sind:
Philautía, die Eigenliebe,
Kolakía, die Schmeichelei,
Léthe, das Vergessen,
Misoponía, die Vermeidung von Anstrengung,
Hedoné, das Vergnügen,
Ánoia, der Wahnsinn.
Dazu gesellen sich noch zwei «Götterknaben»:
Kõmon, die Ausgelassenheit, und
Négreton Hypnon, der Tiefschlaf.
Auf der Reise von Italien nach England, im Sommer 1509, sei ihm die Idee zum «Lob der Torheit» gekommen, schreibt Erasmus in seinem Vorwort, das eine Widmung an Thomas More enthält und diesen wie in einem Brief direkt anspricht. Der Freund habe zwar mit der Dummheit nicht das Geringste zu tun, aber die Vorfreude auf das Zusammentreffen mit ihm sowie die Nähe seines Namens zur griechischen Bezeichnung der Dummheit, Moría, habe ihn, Erasmus, dazu inspiriert ein Lob auf diese menschliche Hauptschwäche zu schreiben. Dabei solle sie, die Dummheit, ausführlich zu Wort kommen, ihre Vorzüge also gleich selbst anpreisen.
Erasmus reiste zu Pferd, was bei seiner immer prekären Gesundheit – er neigte zu Nierensteinen, die ihn plagten – und der eher zarten Konstitution erstaunt. Er kam nach mehrjährigem Italienaufenthalt von Rom, wo er das verlockende Angebot eines Kardinals, für ihn zu arbeiten und bei ihm in Luxus zu wohnen, mit einiger Mühe ausschlug. Seine englischen Freunde hatten ihn nach London gerufen, weil Heinrich VII. im Frühling dieses Jahres gestorben war und sie für ihn im Umfeld des neuen, jungen Königs Heinrich VIII. glanzvolle Karrieremöglichkeiten sahen. Erasmus reiste über Mailand nach Como. Es könnte sein, dass er sich dort einem der regelmässig zwischen Mailand und Lindau verkehrenden «Ordinari» des Transportdienstes der «Lindauer Boten» anschloss und ihn als Reiseführer bezahlt hat, denn dass er ganz alleine reiste, ist angesichts der damit verbundenen Gefahren unwahrscheinlich. Die Reise von Mailand nach Lindau, über eine Strecke von dreihundertfünfundzwanzig Kilometer, dauerte wohl etwa zwei Wochen, die für ihn sehr anstrengend waren. In Como wurde ein Schiff bestiegen, das bei günstigem Wind rund einen Tag brauchte um den Comersee der Länge nach von Süden nach Norden zu durchsegeln. Ins nördliche Seeende mündet die Mera, deren unterer Teil noch gegen leichte Strömung schiffbar ist und sich bald wieder zu einem kleinen See öffnet, dem Lago die Mezzola. An dessen oberem Ende erst setzte man die Reise zu Pferd fort. Durch das Tal der Mera führte sie zum Städtchen Chiavenna. Von da an stieg der Weg kontinuierlich um achtzehnhundert Höhenmeter, auf einer Strecke von knapp vierzig Kilometern, bis zur Passhöhe des Splügen. Der Abstieg auf der anderen Seite führte durch die Viamalaschlucht. «Schlechte Strasse» war sie wegen ihres zunehmenden Verfalls seit dem dreizehnten Jahrhundert genannt worden. Der Bischof von Chur hatte weiter östlich mit der «Oberen Strasse» über den Septimerpass eine kürzere Konkurrenzroute favorisiert und in einem Machtpoker mit den regionalen Kräften immer mehr ausgebaut. Als Erasmus über den Splügenpass ritt, war aber diese Variante, die so genannte «Untere Strasse», seit gut einer Generation wieder zu Hauptroute geworden. Die Gemeinden Thusis, Masein und Cazis hatten sich 1473 zusammengetan, um den Einfluss des Churer Bischofs einzudämmen. Sie liessen den alten Römerweg über den Splügen erneuern und bauten in der Viamalaschlucht eine imposante steinerne Brücke mit zwei Jochen, die «Punt da Tgiern». Sie steht heute nicht mehr.
Über Chur gelangte Erasmus dann nach Fussach, zur Mündung des Rheins in den Bodensee, wo er sich vom Lindauer Boten trennte, der über den See sein Ziel Lindau per Schiff erreichte. Erasmus zog auf der linken Seeseite weiter, immer auf Pferderücken, nach Konstanz und von dort quer durch den Schwarzwald nach Strassburg. Rheinabwärts führte ihn seine Weiterreise in die Niederlande. Man könnte sich vorstellen, dass er dazu auf einem grossen Floss als Passagier mitfuhr. Wo er den Rhein verliess, ist unklar. Jedenfalls machte er noch kurz Halt in Antwerpen und Löwen, wo er Verleger und alte Freunde traf, bevor er dann über den Kanal nach England übersetzte. Ende August 1509 erreichte er London, von wo er drei Jahre zuvor nach Italien abgereist war. Nach ermüdenden sechs bis sieben Wochen, von denen er einen grossen Teil im Sattel verbracht hatte, konnte er sich erholen und die Gastfreundschaft von Thomas More und dessen Familie geniessen. Er machte sich sogleich daran, den unterwegs konzipierten ironischen Text aufzuschreiben: Moriae encomium – Das Lob der Torheit.
«Gratias!»
Der Dank tönt, als werde er mit dem letzten Schnauf ausgestossen. Dazu hebt der Mann die Schultern und lässt sie resigniert wieder fallen, begleitet die Geste mit einem entschuldigenden Lächeln hin zu seinem Helfer. Der beobachtet ihn ungerührt, ordnet dann aber eine Pause an.
Nachdem der Mann etwas getrunken und gegessen hat, kommt er zur Ruhe und kann nachdenken.
«More, Morus ... Moria! Mori encomion ... Moriae encomion, id est: Mori laus, stultitiae laus. Das Lob des Morus, das Lob der Torheit! Wir hätte beide unsere Freude daran! Wen die Verspieltheit des Vorhabens stört, soll daran erinnert werden, dass ich damit an Vorbilder grosser Autoren anschliesse. Hat nicht Homer in grauer Vorzeit seine «Batracho-Myo-Machia», seinen «Froschmäusekrieg» geschrieben, Vergil seine «Mücke» und Ovid die «Nuss»? Von Glaukon gibt es ein «Lob der Ungerechtigkeit», von Favorinus eines «des viertägigen Fiebers». Synesus hat die Glatzköpfigkeit auf das Podest gehoben, Lukian die Fliegen und andere Schmarozer. Von Seneca gibt es gar eine «Koloquinte» auf den Kaiser Claudius, was nichts weniger meint als dessen Verwandlung in einen Kürbis, anstatt, wie in einer ordentlichen Apotheose üblich, in einen Gott. Lukian und Apuleius haben Eselsromane geschrieben – letzerer einen ziemlich gewagten – und irgendwer, den Hieronymus erwähnt, das «Testament des Schweines Grunnius Corocotta». Also bitte, werft mir nicht vor, ich würde nur Schachfiguren auf dem Brett hin- und herschieben, oder mein Steckenpferdchen reiten. Nein, mein Spiel soll ernsthafte Einsichten vermitteln, jedoch ohne den geneigten Leser zu langweilen. Und so könnten wir beginnen:
Die Dummheit stellt sich vor.
Ihr Vater ist der Reichtum, ihre Mutter die Nymphe Jugend. Geboren wurde sie auf der Insel der Glückseligen, als Säugling gestillt von zwei Nymphen-Ammen, von der Bacchus-Tochter Methe, was Trunkenheit bedeutet, sowie von der Pan-Tochter Apaedia, welche die Beschränktheit verkörpert.
Die Dummheit, oder Torheit, hat ständige Begleiter, eigentliche Trabanten, die da sind:
Philautía, die Eigenliebe,
Kolakía, die Schmeichelei,
Léthe, das Vergessen,
Misoponía, die Vermeidung von Anstrengung,
Hedoné, das Vergnügen,
Ánoia, der Wahnsinn.
Dazu gesellen sich noch zwei «Götterknaben»:
Kõmon, die Ausgelassenheit, und
Négreton Hypnon, der Tiefschlaf.
Auf der Reise von Italien nach England, im Sommer 1509, sei ihm die Idee zum «Lob der Torheit» gekommen, schreibt Erasmus in seinem Vorwort, das eine Widmung an Thomas More enthält und diesen wie in einem Brief direkt anspricht. Der Freund habe zwar mit der Dummheit nicht das Geringste zu tun, aber die Vorfreude auf das Zusammentreffen mit ihm sowie die Nähe seines Namens zur griechischen Bezeichnung der Dummheit, Moría, habe ihn, Erasmus, dazu inspiriert ein Lob auf diese menschliche Hauptschwäche zu schreiben. Dabei solle sie, die Dummheit, ausführlich zu Wort kommen, ihre Vorzüge also gleich selbst anpreisen.
Erasmus reiste zu Pferd, was bei seiner immer prekären Gesundheit – er neigte zu Nierensteinen, die ihn plagten – und der eher zarten Konstitution erstaunt. Er kam nach mehrjährigem Italienaufenthalt von Rom, wo er das verlockende Angebot eines Kardinals, für ihn zu arbeiten und bei ihm in Luxus zu wohnen, mit einiger Mühe ausschlug. Seine englischen Freunde hatten ihn nach London gerufen, weil Heinrich VII. im Frühling dieses Jahres gestorben war und sie für ihn im Umfeld des neuen, jungen Königs Heinrich VIII. glanzvolle Karrieremöglichkeiten sahen. Erasmus reiste über Mailand nach Como. Es könnte sein, dass er sich dort einem der regelmässig zwischen Mailand und Lindau verkehrenden «Ordinari» des Transportdienstes der «Lindauer Boten» anschloss und ihn als Reiseführer bezahlt hat, denn dass er ganz alleine reiste, ist angesichts der damit verbundenen Gefahren unwahrscheinlich. Die Reise von Mailand nach Lindau, über eine Strecke von dreihundertfünfundzwanzig Kilometer, dauerte wohl etwa zwei Wochen, die für ihn sehr anstrengend waren. In Como wurde ein Schiff bestiegen, das bei günstigem Wind rund einen Tag brauchte um den Comersee der Länge nach von Süden nach Norden zu durchsegeln. Ins nördliche Seeende mündet die Mera, deren unterer Teil noch gegen leichte Strömung schiffbar ist und sich bald wieder zu einem kleinen See öffnet, dem Lago die Mezzola. An dessen oberem Ende erst setzte man die Reise zu Pferd fort. Durch das Tal der Mera führte sie zum Städtchen Chiavenna. Von da an stieg der Weg kontinuierlich um achtzehnhundert Höhenmeter, auf einer Strecke von knapp vierzig Kilometern, bis zur Passhöhe des Splügen. Der Abstieg auf der anderen Seite führte durch die Viamalaschlucht. «Schlechte Strasse» war sie wegen ihres zunehmenden Verfalls seit dem dreizehnten Jahrhundert genannt worden. Der Bischof von Chur hatte weiter östlich mit der «Oberen Strasse» über den Septimerpass eine kürzere Konkurrenzroute favorisiert und in einem Machtpoker mit den regionalen Kräften immer mehr ausgebaut. Als Erasmus über den Splügenpass ritt, war aber diese Variante, die so genannte «Untere Strasse», seit gut einer Generation wieder zu Hauptroute geworden. Die Gemeinden Thusis, Masein und Cazis hatten sich 1473 zusammengetan, um den Einfluss des Churer Bischofs einzudämmen. Sie liessen den alten Römerweg über den Splügen erneuern und bauten in der Viamalaschlucht eine imposante steinerne Brücke mit zwei Jochen, die «Punt da Tgiern». Sie steht heute nicht mehr.
Über Chur gelangte Erasmus dann nach Fussach, zur Mündung des Rheins in den Bodensee, wo er sich vom Lindauer Boten trennte, der über den See sein Ziel Lindau per Schiff erreichte. Erasmus zog auf der linken Seeseite weiter, immer auf Pferderücken, nach Konstanz und von dort quer durch den Schwarzwald nach Strassburg. Rheinabwärts führte ihn seine Weiterreise in die Niederlande. Man könnte sich vorstellen, dass er dazu auf einem grossen Floss als Passagier mitfuhr. Wo er den Rhein verliess, ist unklar. Jedenfalls machte er noch kurz Halt in Antwerpen und Löwen, wo er Verleger und alte Freunde traf, bevor er dann über den Kanal nach England übersetzte. Ende August 1509 erreichte er London, von wo er drei Jahre zuvor nach Italien abgereist war. Nach ermüdenden sechs bis sieben Wochen, von denen er einen grossen Teil im Sattel verbracht hatte, konnte er sich erholen und die Gastfreundschaft von Thomas More und dessen Familie geniessen. Er machte sich sogleich daran, den unterwegs konzipierten ironischen Text aufzuschreiben: Moriae encomium – Das Lob der Torheit.
30.5.24
Pfirsiche
SOFIA – Papas Besuch war schwierig für mich. Ihn so zu sehen, fand ich wirklich hart. Es war so sichtbar, dass es ihm schlecht ging, dass ich automatisch in der coolen Ecke landete. Dabei bin ich noch gar nicht so stabil, wie ich mich ihm gegenüber geben musste. Sein Mitgefühl tut schon gut, aber wenn er ins Jammern gerät und eigentlich vor allem sich selbst leidtut, das kann ich nicht brauchen, nicht im Moment jedenfalls. Das finanzielle Desaster, das ich mir mit meinen illegalen Aktionen eingebrockt habe, belastet mich sehr. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich das stemmen soll. Es kommen harte Jahre auf mich zu. Ich besuche einen Kurs zu solchen Themen, berufliche Wiedereingliederung und Neuorientierung, unter erschwerten Bedingungen, so ungefähr. Das wird geleitet von einem Mann und einer Frau, sie aus der Wirtschaft, er Psychologe und Coach, glaube ich. Bis jetzt passt mit das, sie machen es gut, finde ich. Sehr harte und direkte Ansagen, aber viel Erfahrung und gute Connections. Aber ich habe noch immer starke Symptome vom Entzug, ich schlafe schlecht, habe sehr oft Kopf- und Gliederschmerzen. Kommt dazu, dass meine Co-Inmate Gloria mich stark herausfordert. Sie ist an sich lieb, aber eine dieser sich selbst bemitleidenden Frauen, von denen ich Papa erzählt habe. Sie behauptet, sie könne nichts für die Scheisse, die sie zusammen mit einem Cousin ihrer Grossmutter angetan hat. Sie um alles Geld betrogen, und ihr Kumpel hat die alte Frau dann noch fast totgeschlagen. Ich habe ihr gesagt, ich wolle von dieser Geschichte nichts mehr hören. Obwohl sie gut erzählen kann, oft sind ihre Geschichten zum Kugeln. Sie holt mich ganz schön aus meiner Bubble mit ihrer Art und mit dem, was sie mir sonst noch so alles berichtet. Auch sie war auf Drogen und versucht den Entzug, mit manifesting, diesem «Ganz-fest-dran-glauben-dann-wird-es-wahr-Unsinn. Aber sie kommt nun auch mit mir zusammen in die Gesprächsgruppe. Nachts ist sie eine Nervensäge. Zuerst quasselt sie endlos, und dann, wenn sie meint, ich schlafe, macht sie geräuschvoll an sich rum, mühsam. Aber was will man, es gibt sicher Schlimmere, und ich habe mich ja selbst in diese Situation gebracht.
Was mir nach Papas Besuch total eingefahren ist: ich habe plötzlich realisiert, dass er gar nicht wissen kann, ob sie ihn wirklich rausgeschmissen haben. Ich musste sofort Bruno schreiben deswegen. Ich bat ihn, mit Papa zu reden, weil er näher dran ist. Geografisch und auch von der Erfahrung her mit solchen Kunstinstitutionen. Ich vermute, Papa könnte kämpfen. Das heisst, falls ihm überhaupt gekündigt wurde. Diese Prüfungssituationen, bei denen er abgebrochen hat oder davongelaufen ist, waren wohl nicht über alle Zweifel erhaben, wenn auch nur schon die Hälfte so ablief, wie er das erlebt und erzählt hat. Er könnte sicher rekurrieren gegen seinen Rauswurf. Ich weiss nicht, wann er das nächste Mal hier auftauchen wird. Hoffentlich kann ihn Bruno umstimmen und vielleicht auch unterstützen.
Härris Lebensgeister und damit auch die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, kehrten langsam und auf merkwürdigen Pfaden zurück. Weil er sich bemühte, gesund zu essen, hielt er in den Lebensmittelläden der Lower Eastside ständig Ausschau nach Obst und Gemüse. Dabei entdeckte er die ersten Pfirsiche aus Florida. Pfirsiche waren seine Lieblingsfrüchte, also kaufte er sich eine grosse Tüte voll und verteilte sie zuhause auf zwei tönerne Schalen, die sein Freund auf einem Schaft stehen hatte, wahrscheinlich in Mexiko gekauft, wie Härri vermutete. Die Früchte sahen so schön aus, dass er Lust bekam, sie zu malen. Er fand zwei alte englische Aquarellkästchen im Atelier und machte sich ans Werk. Es war sehr schwierig, das Spiel zwischen Rot- und Grüntönen, dazu die Bandbreite zwischen Licht und Schatten ohne Brechung und Eintrübung der Farben zu erreichen. Als es ihm zum ersten Mal gelang, sahen die Pfirsiche eher wie Äpfel aus, weil der Glanz des feinen Samts auf der Haut der Früchte noch fehlte. Auf dem Netz suchte er nach «Pfirsichen in der Malerei». Von Cézanne fand er eines, dessen Titel von Pfirsichen sprach, aber die Früchte sahen aus wie alle anderen Äpfel des Meisters. Weil er sich das so angewöhnt hatte in seiner Arbeit am Institut, suchte er gezielt nach weiblichen Künstlerinnen, die Pfirsiche gemalt hatten, und gab ein: «peaches women artists painters». Und auf einmal wurde es so aufregend, dass er alle seine Sorgen vergass. Aus einem Gemälde, das ihm unter den vielen Bildern ins Auge sprang, und zwar gleich in mehrfacher Ausführung, blickte ihm Sofia als Zehnjährige entgegen. «Girl with Peaches» hiess es, und war, wie er gleich bemerkte, wegen seines Inhalts in die Auswahl geraten. Gemalt hatte es 1887 der russische Maler Valentin Aleksandrovich Serov. Härri hatte ihn nicht gekannt. Das Bild mit der kleinen Sofia – in Wirklichkeit hatte das Mädchen Vera Mamontova geheissen – wurde in Kommentaren als Serovs bestes Werk bezeichnet, was Härri durchaus bestätigen konnte. Er schickte es sofort mit einem Gruss an seine Tochter. Für seine Arbeit taugten die Pfirsiche nicht als Vorbilder. Sehr schön gemachte gab es bei der italienischen Malerin Fede Galizia, die um Sechzehnhundert einige Stillleben mit den gesuchten Früchten geschaffen hatte. Und schliesslich fand er das Bild, das ihm für seine weiteren Ideen am meisten brachte: «Peach Packing, Spartanburg County», 1938 gemalt von einer Malerin aus den Südstaaten, Wenonah Bell. Darauf waren einige stark abstrahierte Frauenfiguren mit dem Abpacken von Pfirsichen beschäftigt. Härri hatte in der Zwischenzeit eine Episode aus dem chinesischen Roman gesucht und wieder gelesen, in der Sun Wukong von den unsterblich machenden himmlischen Pfirsichen nascht. Diese Szene wollte er in eines seiner grossen Bilder einbauen und dazu musste er eine Menge Pfirsiche darstellen können, die auf dem Gemälde recht klein und trotzdem überzeugend zu malen waren. Bell war das mit sparsamen Mitteln sehr gut gelungen, wie er anerkennend feststellte. Er fertigte eine Serie von Skizzen an und vergass völlig die Zeit darüber, bis sein Laptop sich mit Signaltönen meldete. Es war Bruno, via Skype. Härri zögerte einen Moment, dann drückte er den grünen Knopf.
«Hallo, Papa», begrüsste ihn sein Sohn. Er trug einen gepflegten Bart, darunter sah Härri ein fein blau-weiss gestreiftes Hemd. Bruno hatte seinen Stil gewechselt.
«Grüss’ dich, Bruno», sagte Härri. «Gut siehst du aus.»
Bruno ging nicht darauf ein, sondern legte gleich los in unüberhörbar vorwurfsvollem Ton.
«Sag’ mal, was machst denn du für Sachen? Sofia hat mir geschrieben, du seist wieder in New York. Abgehauen, weggelaufen von deinem Institut, weil es dort irgendwelche Schwierigkeiten gab? Und niemand wisse, wo du bist, nicht mal Mama, hat sie geschrieben.»
Härri hatte keine Lust, sich seinem Sohn gegenüber zu rechtfertigen. Trotzdem erzählte er ihm in groben Zügen, was passiert war und weshalb er nach New York gegangen sei.
«Sie haben mir gekündigt, und ich muss mich jetzt neu orientieren. Zudem wollte ich in Sofias Nähe sein.»
Bruno gab sich mit seinen Erklärungen nicht zufrieden.
«Sofia hat mir von deinem Besuch berichtet. Das tönte nicht danach, als ob du ihr viel hättest helfen können, ehrlich gesagt. Sie muss jetzt zuerst einmal freikommen vom Gift, dazu kannst du kaum beitragen.»
«Aber sie hat sich gefreut, dass ich sie besucht habe», entgegnete Härri trotzig.
«Ja, sicher. Aber sie hat auch gesagt, sie sei erschrocken gewesen, wie schlecht du ausgesehen hättest. Und dass sie Angst gehabt habe, du würdest im Selbstmitleid absaufen.»
Härri schluckte.
«Ich weiss. Sie hat mich in den Hintern getreten deswegen. Hat sie auch recht damit. Aber ich gebe mir Mühe, habe mich wieder etwas gefangen. Glaub’ ich jedenfalls. Ich trinke nicht. Und ich zeichne wieder.»
«Das ist sicher mal was», antwortete Bruno. «Aber jetzt der Reihe nach. Du sagst, dir sei gekündigt worden. Hat man dir das so gesagt? Hast du das schriftlich? Sofia hat geschrieben, du seist nach dem Abbruch der Prüfungsveranstaltung gleich weggelaufen, ohne noch mit jemandem zu reden. Und du würdest auch alle Kontaktversuche deiner Chefin wegdrücken. Stimmt das?» Härri nickte.
«Warum kämpfst du nicht, weshalb rennst du weg?», fragte Bruno.
Härri dachte nach, dann begann er eine längere Rede.
Zuerst sei da nur der Impuls gewesen, wegzurennen, das stimme. Das Institut mit seinen Ritualen, die Entwicklung, die es genommen habe, seine Abhängigkeit, die ihm durch die Anwesenheit der zwei Inspektoren so überdeutlich vor Augen geführt worden sei, und dann dieses Getue seiner Kolleginnen und der Studienanwärter, die um Aufmerksamkeit buhlten, dies alles sei ihm auf einmal so zuwider gewesen, dass er einen unkontrollierten Wutanfall habe befürchten müssen. Es stimme auch, dass er nicht sicher wisse, ob ihm gekündigt worden sei. Er gehe aber davon aus, dass seine Chefin und die Direktorin genug von ihm hätten. Dass er ihnen zu viel Ärger und Aufwand verursache im Verhältnis zu dem, was er mit seiner Malerei beitragen könne zu «Art Gender Planet». Und er habe ja unter einem klaren Ultimatum gestanden: dass er sich nicht mehr querstellen dürfe gegen Anordnungen der Leitung. Das aber habe er mit seinem Verhalten eindeutig wieder getan, und auch zusätzlichen Aufwand verursacht im ohnehin schon anspruchsvollen Programm der Aufnahmeverfahren. Er nehme aber seinen Rauswurf zum Anlass, über seine Rückkehr zur Kunst, zur ausschliesslichen Arbeit an der eigenen Kunst, nachzudenken. Darum habe er den Kontakt zum Institut blockiert, und eigentlich überhaupt zu allen ausser Sofia.
Bruno zeigte Verständnis, ermunterte ihn aber dennoch, sich den Leuten am Institut zu stellen, schon nur, um die Geschichte abzuschliessen.
«Das hindert dich doch nicht, deinen Entschluss durchzuziehen und wieder ganz in die Kunst zu gehen, oder? Und vielleicht könntest du in Zukunft als Gast-Künstler Workshops oder Artists-Talks am Institut machen, ohne in dieser Abhängigkeit zu stecken, die dich so stört. Ich würde mich an deiner Stelle melden bei dieser ... wie heisst sie? ... Da-ra Baeck, genau.»
Nachdem Härri versprochen hatte, darüber nachzudenken, fragte er seinen Sohn über Hamburg und seine Firma aus. Bruno erzählte begeistert von der Zusammenarbeit in seinem Team, das mit einer Ausnahme, einem Physiker in Härris Alter, sehr jung sei. Viel und zunehmend zu reden gebe bei ihnen die rasche Entwicklung im Bereich der CO2-Abscheidung und anschliessenden Speicherung in unterirdischen oder unterseeischen geologischen Formationen. Und die damit verbundene Frage, ob die Firma an ihrer Spezialisierung auf die Pyrolyse festhalten solle. Härri konnte zu dem Thema wenig sagen. Er staunte, wie viel Bruno schon darüber zu wissen schien. Aber dann kam ihm die Zeitverschiebung in den Sinn und dass sein Sohn sicher längst hätte schlafen gehen sollen. Sie verabschiedeten sich, und Härri kehrte zurück zu seinen Pfirsichen.
Bruno hatte mit seinem Rat, Härri solle mit Da-ra Baeck Kontakt aufnehmen, einen Haken in sein Fleisch gebohrt, den er nicht mehr loswurde. Am nächsten Morgen rechnete er aus, wann Da-ra nach dem Arbeitstag noch in ihrem Büro sein müsste, bevor sie nach Hause ging. Zur gegebenen Zeit schickte er ihr eine Anfrage für ein Video-Telefonat, mit wild klopfendem Herzen. Zurück kam eine kurze schriftliche Nachricht.
«Gerne! In ca. einer Stunde?»
Also wollte sie von zuhause aus anrufen. Er schrieb «OK» zurück.
Schreibt man «Gerne», mit einem Ausrufezeichen, wenn man mit einem Angestellten das Kündigungsgespräch vereinbart? Eine schwer zu beantwortende Frage, auch wenn man eine Stunde Zeit hat dafür. Aber gelten in einem Chatraum dieselben Regeln bezüglich des formellen schriftlichen Austauschs wie beim Schreiben von Mails oder betriebsbezogenen Mitteilungen? Wie konnte man sich auf ein Gespräch vorbereiten, dessen Gegenstand die eigene Kündigung durch die Arbeitgeberin sein würde, ohne vorher zu wissen, ob das Verdikt überhaupt beabsichtigt oder schon beschlossen war? Die eigene Ohnmacht wurde einem so vor Augen geführt, man war gezwungen, die Voraussetzungen des Gesprächs zuerst durch eigenes Fragen abzutasten. Oder dann darauf zu warten, von der anderen Seite darüber belehrt zu werden, wie es um die eigene berufliche Existenz stand. Von diesem Gegenüber, dessen Macht und Anziehungskraft man sich mit soviel Anstrengung vom Leibe halten wollte. Durch Rationalisierung und Abstraktion. Aber es half alles nichts, immer wieder brach durch alle Abschrankungen, was und wer dieses Gegenüber war: eine Frau, die man begehrte. Da ... ra! Die man nicht begehren, nicht lieben sollte, weil man in einem hierarchischen Arbeitsverhältnis zu ihr stand. Weil sie die gefeierte, erfolgreiche Künstlerin war, während man selbst künstlerisch in einer Sackgasse steckte. Und weil sie nach einer ersten stürmischen Vereinigung gesagt hatte, es solle die letzte bleiben, wenigstens vorläufig. Konnte man aus dem Gespräch etwas ganz anderes machen als die Beendigung des Arbeitsverhältnisses durch seine Chefin, oder – sehr unwahrscheinlich – dessen Neuausrichtung? Den Spiess umdrehen und seinerseits kündigen? Seine Liebe, sein Begehren erklären? Einem Gesicht auf dem Bildschirm?
Er duschte, bürstete sich die Haare und zog frische Kleider an. Kam sich dabei lächerlich vor. Als der Signalton zu hören war, zwang er sich, einen Moment mit dem Antippen des virtuellen Knopfes zu warten. Als sie dann erschien, war sie mehr als ein Gesicht. Er wusste sofort, wo sie sass. Sie hatte sich einen Sessel in die Nähe der geöffneten Terrassentür gestellt. Sie trug eine weisse Bluse und hatte Gel in den Haaren. Härri blieben die geplanten Worte im Hals stecken.
«Lukas! Ich bin froh, dich zu sehen», sagte sie, und es klang ehrlich. «Wo bist du? – Nein, sag’ nichts! ... »
Sie suchte mit den Augen seine Umgebung ab.
«Du bist in New York! Ich habe es mir halb gedacht ...»
Wahrscheinlich hatte sie das Wasserreservoir auf einem der Dächer gesehen, durch das Fenster in seinem Rücken.
Härri brachte noch immer kein Wort heraus. Dann holte er tief Luft und sagte:
«Da-ra ... Jetzt wo ich nicht mehr am Institut bin, wo ihr mir gekündigt habt, meine ich, kann ich es dir ja sagen ...»
Er dachte mit aller Kraft an ihr Badekleid, an ihren Körper im letzten Sommer, und als er sah, dass sie den Mund öffnete, wollte er sagen: Ich liebe dich, Da-ra. Ich will dich, Da-ra.
Aber er brachte nur heraus:
«Ich wünschte, du wärst hier ...» Es klang heiser und er musste husten.
Da-ra hatte den Mund wieder zugeklappt und sah ihn mit grossen Augen an.
Sie schob ihr Gesicht näher an die Kamera, wodurch es verzerrt wurde. Daran konnte er sich noch immer nicht gewöhnen. Was würde sie sagen?
Staunend sah er zu, wie sie zu lächeln begann, und dann in ein Lachen ausbrach, das immer lauter, befreiter wurde. Sie steckte ihn an damit. Zuerst lachte er verlegen, weil er nicht sicher war, ob sie sich über ihn lustig machte. Dann war es ihm gleichgütig. Wann hatte er das letzte Mal gelacht?
Plötzlich hörte Da-ra auf und setzte sich gerade hin. In ihren Augen glitzerte es, und er wusste nicht, ob es vom Lachen kam.
«Lukas, Lukas ...» murmelte sie. «Wer bist du?»
Dann war ihre Stimme wieder laut und klar zu hören.
«Hör mir zu! Ich habe dir nicht gekündigt, niemand hat das. Du bist im Urlaub.»
Sie blickte ihn an und wartete auf seine Reaktion. Härri verschwand aus ihrem Blickfeld, weil er aufstehen musste. Er atmete schwer und in seinen Ohren rauschte es. Da-ra wartete geduldig.
Härri ging in die Küche und öffnete den Eisschrank. Weil er nicht mehr wusste, was er hatte herausnehmen wollen, stand er solange davor, bis das Warnsignal ertönte. Erst dann griff er nach der Wasserflasche und einem der Pfirsiche, von denen er zu viele gekauft hatte. Das Da-ra noch auf ihn wartete, hatte er vergessen.
Die Strasse war schon in blauen Schatten getaucht und nur die Dachaufbauten in der Nachbarschaft wurden noch durch rotes Licht der untergehenden Sonne gestreift, als Härri wieder bei seinem aufgeklappten Laptop vorbeikam. Was hatte er in der Zwischenzeit gemacht? Was war in seinem Kopf vorgegangen? Er wusste es nicht mehr. Einmal hatte er im Badezimmer die Tabletten gegen den Bluthochdruck gesucht und eine genommen. Dann sich hingelegt, daran konnte er sich erinnern. Er sah, dass ihm Da-ra eine lange Textnachricht hinterlassen hatte, aber er fand noch nicht die Kraft, sie zu lesen. Er ging ins Atelier und setzte sich an den Tisch, auf dem seine Zeichnungen und Aquarelle lagen, in unterschiedlich hohen Stapeln sortiert. Den mit dem Pfirsichdieb-Motiv zog er zu sich und blätterte ihn langsam durch. Zwei Arbeiten zerriss er und warf die Papierstücke in die Kiste mit dem Altpapier. Die andern stellte er als Reihe auf, indem er sie an verschiedene Objekte anlehnte, die auf dem Tisch herumstanden, Flaschen, Büchsen, Schachteln, eine kleine Bronzefigur. Er nahm ein leeres Blatt und begann zu zeichnen. Da-ra als Boddhisatva Guanyin. Morgen lese ich deine Botschaft, versprach er.
«Hallo Lukas! Ich habe sicher noch eine Viertelstunde gewartet, aber dann musste ich gehen. Und du hast offenbar Zeit gebraucht, um die Nachricht zu verdauen. Wenn du wirklich geglaubt hast, dass wir dir gekündigt hätten, kann ich das verstehen. Jetzt kannst du selber entscheiden, was du machen willst. Ob du wieder ins Institut zurückkehren willst und wie bisher weiter arbeiten mit uns. Aber vielleicht willst du dich ja wieder ganz der Malerei widmen. Ich merke selber, wie schwer es ist, die beiden Welten zusammenzubekommen. Nicht nur wegen der zeitlichen Belastung, es sind auch zwei Arten des Arbeitens, auch des Denkens und Fühlens, die oft nicht zusammenpassen. Ich weiss noch nicht, wie lange ich das so weitermachen werde (das unter uns ;-). Du hast etwas gesagt, worüber ich noch am Nachdenken bin: «Ich wünschte, du wärst hier.» So, wie du es gesagt hast, tönte es, als hättest du noch mehr sagen wollen. Dass du mich liebst? Oder mich willst – mich begehrst, sagt man so? Oder beides? Natürlich willst du jetzt wissen, wie es bei mir steht, umgekehrt. Als du plötzlich verschwunden warst, habe ich gemerkt, dass du sehr fehlst. Es ging aber eine Weile, bis ich zugeben konnte (natürlich, mir gegenüber, ich habe mit niemandem darüber gesprochen!), dass du mir fehlst, und nicht «dem Institut». Seit ich dich damals im Sommer «überfallen» habe und wir so sehr (!) Liebe machten, habe ich mir einfach verboten, mich in dich zu verlieben. Und auch dir habe ich das untersagt, als ob ich auch über deine Gefühle Chefin wäre. Das kommt mir jetzt so lächerlich vor! Also, jetzt ganz «offiziell», auch wenn das ein blöde Form ist, so in einem Chat: Ich liebe dich, Lukas! Ich will dich, ich begehre dich (so ein komisches Wort, aber in der Kunst ist es ja sehr wichtig, das «Begehren» ;-)
Und, das Beste kommt erst: Ich komme bald, in etwa drei Wochen, nach New York!! Ich hoffe jetzt ganz fest, dass du dann noch dort sein wirst!? Ich kann eine Ausstellung machen in meiner dortigen Galerie. Nichts Riesiges, aber ich freue mich darauf. Und wenn du solange im Big Apple ausharren könntest, wäre das supergrossartig! (Der Urlaub ist leider unbezahlt, da konnte ich nichts machen, und ob das noch in deine Aufenthaltsbewilligung passt ... Hast du 90 Tage?)
So, ich glaube, eine so lange Nachricht habe ich noch nie geschrieben in einem Chat. Ich grüsse dich, mein lieber Lukas, mein liebster Härri. Vielleicht kündigst du nun ja mir, aber ich hoffe, nur als Mitarbeiter. Und vielleicht machen wir in Zukunft auch mal ein Kunstprojekt zusammen, wer weiss? Bitte rufe mich bald wieder an, oder ich versuche es einfach auch in den nächsten Tagen. Wir haben so viel zu erzählen!
Ich umarme dich, bleib gesund!
Deine Da-ra
Was mir nach Papas Besuch total eingefahren ist: ich habe plötzlich realisiert, dass er gar nicht wissen kann, ob sie ihn wirklich rausgeschmissen haben. Ich musste sofort Bruno schreiben deswegen. Ich bat ihn, mit Papa zu reden, weil er näher dran ist. Geografisch und auch von der Erfahrung her mit solchen Kunstinstitutionen. Ich vermute, Papa könnte kämpfen. Das heisst, falls ihm überhaupt gekündigt wurde. Diese Prüfungssituationen, bei denen er abgebrochen hat oder davongelaufen ist, waren wohl nicht über alle Zweifel erhaben, wenn auch nur schon die Hälfte so ablief, wie er das erlebt und erzählt hat. Er könnte sicher rekurrieren gegen seinen Rauswurf. Ich weiss nicht, wann er das nächste Mal hier auftauchen wird. Hoffentlich kann ihn Bruno umstimmen und vielleicht auch unterstützen.
Härris Lebensgeister und damit auch die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, kehrten langsam und auf merkwürdigen Pfaden zurück. Weil er sich bemühte, gesund zu essen, hielt er in den Lebensmittelläden der Lower Eastside ständig Ausschau nach Obst und Gemüse. Dabei entdeckte er die ersten Pfirsiche aus Florida. Pfirsiche waren seine Lieblingsfrüchte, also kaufte er sich eine grosse Tüte voll und verteilte sie zuhause auf zwei tönerne Schalen, die sein Freund auf einem Schaft stehen hatte, wahrscheinlich in Mexiko gekauft, wie Härri vermutete. Die Früchte sahen so schön aus, dass er Lust bekam, sie zu malen. Er fand zwei alte englische Aquarellkästchen im Atelier und machte sich ans Werk. Es war sehr schwierig, das Spiel zwischen Rot- und Grüntönen, dazu die Bandbreite zwischen Licht und Schatten ohne Brechung und Eintrübung der Farben zu erreichen. Als es ihm zum ersten Mal gelang, sahen die Pfirsiche eher wie Äpfel aus, weil der Glanz des feinen Samts auf der Haut der Früchte noch fehlte. Auf dem Netz suchte er nach «Pfirsichen in der Malerei». Von Cézanne fand er eines, dessen Titel von Pfirsichen sprach, aber die Früchte sahen aus wie alle anderen Äpfel des Meisters. Weil er sich das so angewöhnt hatte in seiner Arbeit am Institut, suchte er gezielt nach weiblichen Künstlerinnen, die Pfirsiche gemalt hatten, und gab ein: «peaches women artists painters». Und auf einmal wurde es so aufregend, dass er alle seine Sorgen vergass. Aus einem Gemälde, das ihm unter den vielen Bildern ins Auge sprang, und zwar gleich in mehrfacher Ausführung, blickte ihm Sofia als Zehnjährige entgegen. «Girl with Peaches» hiess es, und war, wie er gleich bemerkte, wegen seines Inhalts in die Auswahl geraten. Gemalt hatte es 1887 der russische Maler Valentin Aleksandrovich Serov. Härri hatte ihn nicht gekannt. Das Bild mit der kleinen Sofia – in Wirklichkeit hatte das Mädchen Vera Mamontova geheissen – wurde in Kommentaren als Serovs bestes Werk bezeichnet, was Härri durchaus bestätigen konnte. Er schickte es sofort mit einem Gruss an seine Tochter. Für seine Arbeit taugten die Pfirsiche nicht als Vorbilder. Sehr schön gemachte gab es bei der italienischen Malerin Fede Galizia, die um Sechzehnhundert einige Stillleben mit den gesuchten Früchten geschaffen hatte. Und schliesslich fand er das Bild, das ihm für seine weiteren Ideen am meisten brachte: «Peach Packing, Spartanburg County», 1938 gemalt von einer Malerin aus den Südstaaten, Wenonah Bell. Darauf waren einige stark abstrahierte Frauenfiguren mit dem Abpacken von Pfirsichen beschäftigt. Härri hatte in der Zwischenzeit eine Episode aus dem chinesischen Roman gesucht und wieder gelesen, in der Sun Wukong von den unsterblich machenden himmlischen Pfirsichen nascht. Diese Szene wollte er in eines seiner grossen Bilder einbauen und dazu musste er eine Menge Pfirsiche darstellen können, die auf dem Gemälde recht klein und trotzdem überzeugend zu malen waren. Bell war das mit sparsamen Mitteln sehr gut gelungen, wie er anerkennend feststellte. Er fertigte eine Serie von Skizzen an und vergass völlig die Zeit darüber, bis sein Laptop sich mit Signaltönen meldete. Es war Bruno, via Skype. Härri zögerte einen Moment, dann drückte er den grünen Knopf.
«Hallo, Papa», begrüsste ihn sein Sohn. Er trug einen gepflegten Bart, darunter sah Härri ein fein blau-weiss gestreiftes Hemd. Bruno hatte seinen Stil gewechselt.
«Grüss’ dich, Bruno», sagte Härri. «Gut siehst du aus.»
Bruno ging nicht darauf ein, sondern legte gleich los in unüberhörbar vorwurfsvollem Ton.
«Sag’ mal, was machst denn du für Sachen? Sofia hat mir geschrieben, du seist wieder in New York. Abgehauen, weggelaufen von deinem Institut, weil es dort irgendwelche Schwierigkeiten gab? Und niemand wisse, wo du bist, nicht mal Mama, hat sie geschrieben.»
Härri hatte keine Lust, sich seinem Sohn gegenüber zu rechtfertigen. Trotzdem erzählte er ihm in groben Zügen, was passiert war und weshalb er nach New York gegangen sei.
«Sie haben mir gekündigt, und ich muss mich jetzt neu orientieren. Zudem wollte ich in Sofias Nähe sein.»
Bruno gab sich mit seinen Erklärungen nicht zufrieden.
«Sofia hat mir von deinem Besuch berichtet. Das tönte nicht danach, als ob du ihr viel hättest helfen können, ehrlich gesagt. Sie muss jetzt zuerst einmal freikommen vom Gift, dazu kannst du kaum beitragen.»
«Aber sie hat sich gefreut, dass ich sie besucht habe», entgegnete Härri trotzig.
«Ja, sicher. Aber sie hat auch gesagt, sie sei erschrocken gewesen, wie schlecht du ausgesehen hättest. Und dass sie Angst gehabt habe, du würdest im Selbstmitleid absaufen.»
Härri schluckte.
«Ich weiss. Sie hat mich in den Hintern getreten deswegen. Hat sie auch recht damit. Aber ich gebe mir Mühe, habe mich wieder etwas gefangen. Glaub’ ich jedenfalls. Ich trinke nicht. Und ich zeichne wieder.»
«Das ist sicher mal was», antwortete Bruno. «Aber jetzt der Reihe nach. Du sagst, dir sei gekündigt worden. Hat man dir das so gesagt? Hast du das schriftlich? Sofia hat geschrieben, du seist nach dem Abbruch der Prüfungsveranstaltung gleich weggelaufen, ohne noch mit jemandem zu reden. Und du würdest auch alle Kontaktversuche deiner Chefin wegdrücken. Stimmt das?» Härri nickte.
«Warum kämpfst du nicht, weshalb rennst du weg?», fragte Bruno.
Härri dachte nach, dann begann er eine längere Rede.
Zuerst sei da nur der Impuls gewesen, wegzurennen, das stimme. Das Institut mit seinen Ritualen, die Entwicklung, die es genommen habe, seine Abhängigkeit, die ihm durch die Anwesenheit der zwei Inspektoren so überdeutlich vor Augen geführt worden sei, und dann dieses Getue seiner Kolleginnen und der Studienanwärter, die um Aufmerksamkeit buhlten, dies alles sei ihm auf einmal so zuwider gewesen, dass er einen unkontrollierten Wutanfall habe befürchten müssen. Es stimme auch, dass er nicht sicher wisse, ob ihm gekündigt worden sei. Er gehe aber davon aus, dass seine Chefin und die Direktorin genug von ihm hätten. Dass er ihnen zu viel Ärger und Aufwand verursache im Verhältnis zu dem, was er mit seiner Malerei beitragen könne zu «Art Gender Planet». Und er habe ja unter einem klaren Ultimatum gestanden: dass er sich nicht mehr querstellen dürfe gegen Anordnungen der Leitung. Das aber habe er mit seinem Verhalten eindeutig wieder getan, und auch zusätzlichen Aufwand verursacht im ohnehin schon anspruchsvollen Programm der Aufnahmeverfahren. Er nehme aber seinen Rauswurf zum Anlass, über seine Rückkehr zur Kunst, zur ausschliesslichen Arbeit an der eigenen Kunst, nachzudenken. Darum habe er den Kontakt zum Institut blockiert, und eigentlich überhaupt zu allen ausser Sofia.
Bruno zeigte Verständnis, ermunterte ihn aber dennoch, sich den Leuten am Institut zu stellen, schon nur, um die Geschichte abzuschliessen.
«Das hindert dich doch nicht, deinen Entschluss durchzuziehen und wieder ganz in die Kunst zu gehen, oder? Und vielleicht könntest du in Zukunft als Gast-Künstler Workshops oder Artists-Talks am Institut machen, ohne in dieser Abhängigkeit zu stecken, die dich so stört. Ich würde mich an deiner Stelle melden bei dieser ... wie heisst sie? ... Da-ra Baeck, genau.»
Nachdem Härri versprochen hatte, darüber nachzudenken, fragte er seinen Sohn über Hamburg und seine Firma aus. Bruno erzählte begeistert von der Zusammenarbeit in seinem Team, das mit einer Ausnahme, einem Physiker in Härris Alter, sehr jung sei. Viel und zunehmend zu reden gebe bei ihnen die rasche Entwicklung im Bereich der CO2-Abscheidung und anschliessenden Speicherung in unterirdischen oder unterseeischen geologischen Formationen. Und die damit verbundene Frage, ob die Firma an ihrer Spezialisierung auf die Pyrolyse festhalten solle. Härri konnte zu dem Thema wenig sagen. Er staunte, wie viel Bruno schon darüber zu wissen schien. Aber dann kam ihm die Zeitverschiebung in den Sinn und dass sein Sohn sicher längst hätte schlafen gehen sollen. Sie verabschiedeten sich, und Härri kehrte zurück zu seinen Pfirsichen.
Bruno hatte mit seinem Rat, Härri solle mit Da-ra Baeck Kontakt aufnehmen, einen Haken in sein Fleisch gebohrt, den er nicht mehr loswurde. Am nächsten Morgen rechnete er aus, wann Da-ra nach dem Arbeitstag noch in ihrem Büro sein müsste, bevor sie nach Hause ging. Zur gegebenen Zeit schickte er ihr eine Anfrage für ein Video-Telefonat, mit wild klopfendem Herzen. Zurück kam eine kurze schriftliche Nachricht.
«Gerne! In ca. einer Stunde?»
Also wollte sie von zuhause aus anrufen. Er schrieb «OK» zurück.
Schreibt man «Gerne», mit einem Ausrufezeichen, wenn man mit einem Angestellten das Kündigungsgespräch vereinbart? Eine schwer zu beantwortende Frage, auch wenn man eine Stunde Zeit hat dafür. Aber gelten in einem Chatraum dieselben Regeln bezüglich des formellen schriftlichen Austauschs wie beim Schreiben von Mails oder betriebsbezogenen Mitteilungen? Wie konnte man sich auf ein Gespräch vorbereiten, dessen Gegenstand die eigene Kündigung durch die Arbeitgeberin sein würde, ohne vorher zu wissen, ob das Verdikt überhaupt beabsichtigt oder schon beschlossen war? Die eigene Ohnmacht wurde einem so vor Augen geführt, man war gezwungen, die Voraussetzungen des Gesprächs zuerst durch eigenes Fragen abzutasten. Oder dann darauf zu warten, von der anderen Seite darüber belehrt zu werden, wie es um die eigene berufliche Existenz stand. Von diesem Gegenüber, dessen Macht und Anziehungskraft man sich mit soviel Anstrengung vom Leibe halten wollte. Durch Rationalisierung und Abstraktion. Aber es half alles nichts, immer wieder brach durch alle Abschrankungen, was und wer dieses Gegenüber war: eine Frau, die man begehrte. Da ... ra! Die man nicht begehren, nicht lieben sollte, weil man in einem hierarchischen Arbeitsverhältnis zu ihr stand. Weil sie die gefeierte, erfolgreiche Künstlerin war, während man selbst künstlerisch in einer Sackgasse steckte. Und weil sie nach einer ersten stürmischen Vereinigung gesagt hatte, es solle die letzte bleiben, wenigstens vorläufig. Konnte man aus dem Gespräch etwas ganz anderes machen als die Beendigung des Arbeitsverhältnisses durch seine Chefin, oder – sehr unwahrscheinlich – dessen Neuausrichtung? Den Spiess umdrehen und seinerseits kündigen? Seine Liebe, sein Begehren erklären? Einem Gesicht auf dem Bildschirm?
Er duschte, bürstete sich die Haare und zog frische Kleider an. Kam sich dabei lächerlich vor. Als der Signalton zu hören war, zwang er sich, einen Moment mit dem Antippen des virtuellen Knopfes zu warten. Als sie dann erschien, war sie mehr als ein Gesicht. Er wusste sofort, wo sie sass. Sie hatte sich einen Sessel in die Nähe der geöffneten Terrassentür gestellt. Sie trug eine weisse Bluse und hatte Gel in den Haaren. Härri blieben die geplanten Worte im Hals stecken.
«Lukas! Ich bin froh, dich zu sehen», sagte sie, und es klang ehrlich. «Wo bist du? – Nein, sag’ nichts! ... »
Sie suchte mit den Augen seine Umgebung ab.
«Du bist in New York! Ich habe es mir halb gedacht ...»
Wahrscheinlich hatte sie das Wasserreservoir auf einem der Dächer gesehen, durch das Fenster in seinem Rücken.
Härri brachte noch immer kein Wort heraus. Dann holte er tief Luft und sagte:
«Da-ra ... Jetzt wo ich nicht mehr am Institut bin, wo ihr mir gekündigt habt, meine ich, kann ich es dir ja sagen ...»
Er dachte mit aller Kraft an ihr Badekleid, an ihren Körper im letzten Sommer, und als er sah, dass sie den Mund öffnete, wollte er sagen: Ich liebe dich, Da-ra. Ich will dich, Da-ra.
Aber er brachte nur heraus:
«Ich wünschte, du wärst hier ...» Es klang heiser und er musste husten.
Da-ra hatte den Mund wieder zugeklappt und sah ihn mit grossen Augen an.
Sie schob ihr Gesicht näher an die Kamera, wodurch es verzerrt wurde. Daran konnte er sich noch immer nicht gewöhnen. Was würde sie sagen?
Staunend sah er zu, wie sie zu lächeln begann, und dann in ein Lachen ausbrach, das immer lauter, befreiter wurde. Sie steckte ihn an damit. Zuerst lachte er verlegen, weil er nicht sicher war, ob sie sich über ihn lustig machte. Dann war es ihm gleichgütig. Wann hatte er das letzte Mal gelacht?
Plötzlich hörte Da-ra auf und setzte sich gerade hin. In ihren Augen glitzerte es, und er wusste nicht, ob es vom Lachen kam.
«Lukas, Lukas ...» murmelte sie. «Wer bist du?»
Dann war ihre Stimme wieder laut und klar zu hören.
«Hör mir zu! Ich habe dir nicht gekündigt, niemand hat das. Du bist im Urlaub.»
Sie blickte ihn an und wartete auf seine Reaktion. Härri verschwand aus ihrem Blickfeld, weil er aufstehen musste. Er atmete schwer und in seinen Ohren rauschte es. Da-ra wartete geduldig.
Härri ging in die Küche und öffnete den Eisschrank. Weil er nicht mehr wusste, was er hatte herausnehmen wollen, stand er solange davor, bis das Warnsignal ertönte. Erst dann griff er nach der Wasserflasche und einem der Pfirsiche, von denen er zu viele gekauft hatte. Das Da-ra noch auf ihn wartete, hatte er vergessen.
Die Strasse war schon in blauen Schatten getaucht und nur die Dachaufbauten in der Nachbarschaft wurden noch durch rotes Licht der untergehenden Sonne gestreift, als Härri wieder bei seinem aufgeklappten Laptop vorbeikam. Was hatte er in der Zwischenzeit gemacht? Was war in seinem Kopf vorgegangen? Er wusste es nicht mehr. Einmal hatte er im Badezimmer die Tabletten gegen den Bluthochdruck gesucht und eine genommen. Dann sich hingelegt, daran konnte er sich erinnern. Er sah, dass ihm Da-ra eine lange Textnachricht hinterlassen hatte, aber er fand noch nicht die Kraft, sie zu lesen. Er ging ins Atelier und setzte sich an den Tisch, auf dem seine Zeichnungen und Aquarelle lagen, in unterschiedlich hohen Stapeln sortiert. Den mit dem Pfirsichdieb-Motiv zog er zu sich und blätterte ihn langsam durch. Zwei Arbeiten zerriss er und warf die Papierstücke in die Kiste mit dem Altpapier. Die andern stellte er als Reihe auf, indem er sie an verschiedene Objekte anlehnte, die auf dem Tisch herumstanden, Flaschen, Büchsen, Schachteln, eine kleine Bronzefigur. Er nahm ein leeres Blatt und begann zu zeichnen. Da-ra als Boddhisatva Guanyin. Morgen lese ich deine Botschaft, versprach er.
«Hallo Lukas! Ich habe sicher noch eine Viertelstunde gewartet, aber dann musste ich gehen. Und du hast offenbar Zeit gebraucht, um die Nachricht zu verdauen. Wenn du wirklich geglaubt hast, dass wir dir gekündigt hätten, kann ich das verstehen. Jetzt kannst du selber entscheiden, was du machen willst. Ob du wieder ins Institut zurückkehren willst und wie bisher weiter arbeiten mit uns. Aber vielleicht willst du dich ja wieder ganz der Malerei widmen. Ich merke selber, wie schwer es ist, die beiden Welten zusammenzubekommen. Nicht nur wegen der zeitlichen Belastung, es sind auch zwei Arten des Arbeitens, auch des Denkens und Fühlens, die oft nicht zusammenpassen. Ich weiss noch nicht, wie lange ich das so weitermachen werde (das unter uns ;-). Du hast etwas gesagt, worüber ich noch am Nachdenken bin: «Ich wünschte, du wärst hier.» So, wie du es gesagt hast, tönte es, als hättest du noch mehr sagen wollen. Dass du mich liebst? Oder mich willst – mich begehrst, sagt man so? Oder beides? Natürlich willst du jetzt wissen, wie es bei mir steht, umgekehrt. Als du plötzlich verschwunden warst, habe ich gemerkt, dass du sehr fehlst. Es ging aber eine Weile, bis ich zugeben konnte (natürlich, mir gegenüber, ich habe mit niemandem darüber gesprochen!), dass du mir fehlst, und nicht «dem Institut». Seit ich dich damals im Sommer «überfallen» habe und wir so sehr (!) Liebe machten, habe ich mir einfach verboten, mich in dich zu verlieben. Und auch dir habe ich das untersagt, als ob ich auch über deine Gefühle Chefin wäre. Das kommt mir jetzt so lächerlich vor! Also, jetzt ganz «offiziell», auch wenn das ein blöde Form ist, so in einem Chat: Ich liebe dich, Lukas! Ich will dich, ich begehre dich (so ein komisches Wort, aber in der Kunst ist es ja sehr wichtig, das «Begehren» ;-)
Und, das Beste kommt erst: Ich komme bald, in etwa drei Wochen, nach New York!! Ich hoffe jetzt ganz fest, dass du dann noch dort sein wirst!? Ich kann eine Ausstellung machen in meiner dortigen Galerie. Nichts Riesiges, aber ich freue mich darauf. Und wenn du solange im Big Apple ausharren könntest, wäre das supergrossartig! (Der Urlaub ist leider unbezahlt, da konnte ich nichts machen, und ob das noch in deine Aufenthaltsbewilligung passt ... Hast du 90 Tage?)
So, ich glaube, eine so lange Nachricht habe ich noch nie geschrieben in einem Chat. Ich grüsse dich, mein lieber Lukas, mein liebster Härri. Vielleicht kündigst du nun ja mir, aber ich hoffe, nur als Mitarbeiter. Und vielleicht machen wir in Zukunft auch mal ein Kunstprojekt zusammen, wer weiss? Bitte rufe mich bald wieder an, oder ich versuche es einfach auch in den nächsten Tagen. Wir haben so viel zu erzählen!
Ich umarme dich, bleib gesund!
Deine Da-ra
26.5.24
Standversuche
«Hey, watch where you’re goin’, dude!»
Der Obdachlose rieb sich die Stelle am Bein, wo er vom Schuh des schnell dahingehenden Mannes getroffen worden war. Dieser wurde durch den Schmerzensruf aus seiner Versenkung gerissen und hielt inne, ohne sich umzudrehen. Ein weisser, wirrer Haarschopf über dem hochgeschlagenen Kragen der Jacke, die Hände in deren Taschen vergraben. Er stand und schwankte leicht vor und zurück, wie wenn er überlegen würde, ob er umkehren sollte. Der Obdachlose bekam es mit der Angst zu tun.
«Oh, oh, oh, I didn’t say nothin’, it’s okay, man!»
Jetzt drehte sich der Mann tatsächlich um. Der Obdachlose zog panisch die mageren Beine an sich und umklammerte seine Knie mit beiden Armen. Er riss die Augen auf und suchte im Gesicht des Mannes, was er zu erwarten habe. Zu seinem Erstaunen sah er keinen Angreifer vor sich. Der Ausdruck des Mannes war schmerzverzerrt, als ob er einen noch viel gewaltigeren Tritt bekommen hätte. Seine Wangen waren feucht. Hatte er geweint? Nun rang er sich ein Lächeln ab und kam näher. Der Obdachlose bleib in seiner Haltung sitzen, voller Misstrauen.
«Sorry ... sorry ... sorry ...», murmelte der Mann vor sich hin, kramte dann aus seiner Hosentasche einen zerknüllten Zwanzig-Dollar-Schein und hielt ihn dem am Boden Sitzenden hin.
Härri war seit ein paar Tagen wieder in New York. Auf die Frage, wann genau er angekommen war, hätte er überlegen müssen, weil sein Tag-Nacht-Rhythmus völlig aufgelöst war. Nach der Ankunft hatte er sich so schlecht gefühlt, dass er in einer Apotheke um Rat fragte. Eine freundliche junge Frau mass seinen Blutdruck und stellte eine mässige Erhöhung fest. Er solle zum Arzt gehen, meinte sie. Dazu wenig Salz essen, keinen Alkohol trinken und sich viel bewegen. Was er nun tat. Er hatte keinen Plan, wohin er gehen wollte, sondern liess sich von den Bewegungen seiner Füsse leiten. Die führten ihn von der Orchard Street durch Chinatown in Richtung Süden. Widerwillen packte ihn, als er wieder über die mit kindisch bunten Farben bemalten Asphaltflächen ging. Auch in Augst gab es das, ein verdammter Irrtum! Es zog ihn ans Wasser, zum East River Greenway, der, wie er wusste, alles andere als grün war. Eine lärmige Galerie unter dem FDR Drive, aber mit tollen Ausblicken auf die beiden Hängebrücken. Und mit einer Menge Menschen, die sich in diesem merkwürdigen städtischen Raum auf vielerlei Weisen vergnügten. Spielend, lesend, musizierend, tanzend. Es gab einen Prediger mit spärlichem Publikum, und gleich daneben ein Openair-Gym mit Dutzenden von Geräten, die von schwitzenden, in glänzende Outfits gehüllten Menschen in Bewegung gehalten wurden. Der Frühling war weit fortgeschritten und die Sonne heizte die Stadt auf den Tag über, aber hier im Schatten war es angenehm. Die Betriebsamkeit um ihn herum und seine schnelle Gangart hielten Härri davon ab, zu lange an einem Gedanken hängenzubleiben.
Nach seinem Weggang vom Institut hatte er schon auf der Heimfahrt beschlossen, wieder nach New York zu gehen. In der Nähe von Sofia zu sein, erschien ihm als das einzig Sinnvolle, was ihm im Moment einfiel. Er hatte zuhause nachgeschaut, ob er mit seiner Aufenthaltsbewilligung nochmals einreisen könne. Soviel er verstand, sprach nichts gegen einen erneuten Aufenthalt von bis zu neunzig Tagen, also buchte er einen einfachen Last-Minute-Flug für den übernächsten Tag. Erst danach und ohne Hoffnung erkundigte er sich bei seinem Freund, ob die Wohnung an der Orchard Street noch immer frei sei. Zu seiner Überraschung war sie es. Er sagte niemandem, was er vorhatte. Noah war misstrauisch, versprach aber, wieder zum Haus zu schauen.
Er packte, dann musste er warten. Der Kater spürte seine Unruhe und suchte Nähe, was er nur mit Mühe ertrug. Er las keinerlei Nachrichten und hoffte, dass niemand vom Institut auf die Idee käme, ihn aufzusuchen. Es kam niemand, was ihn wiederum enttäuschte und wütend machte. Er stellte sich vor, wie Da-ra mit Aurelia und Xenjia sprechen, dann mit der Direktorin und den zwei Inspektoren zusammensitzen würde. Wie man seine Kündigung beschloss, verschriftlichte und ihm zusandte. Er realisierte, dass er diese Möglichkeit im vergangenen Jahr fast vollständig ausgeschlossen hatte. Wenn er daran gedacht hatte, spielte er die Folgen herunter. Die kaum planbare, prekäre wirtschaftliche Lage, die er von früher kannte. Das Hoffen auf Aufträge und Verkäufe, die Suche noch Sponsoren. Die Angst vor Ideenmangel und Flauten in der Schaffenskraft. Die Einsamkeit im Atelier. Und die mangelhafte Altersvorsorge, alles Dinge, die sich mit dem ausschliesslichen Künstlerdasein verbanden. Am meisten schmerzte ihn der Gedanke, den Kontakt zu den Studierenden zu verlieren. Nun, wo es passiert war, griffen die Sorgen mit spitzen Krallen nach seinem Geist. Sie jagten ihn hin und her zwischen Trauer über den Verlust und einem unbändigen Zorn, wenn er daran dachte, wem dafür die Schuld zu geben war. Er erinnerte sich an Beschimpfungen und Drohungen in zotiger Sprache, die er einst auf der Bühne herausgeschrien hatte und ertappte sich bei Phantasien, in denen er in einer nächtlichen Aktion das Institut anzündete. Er träumte, er sei ein zottiges Ungeheuer, das mit Riesenschritten durch die Stadt stampfte und alles unter seinen Füssen zermalmte. Dann wieder wurde er von eisernen Ringen gequält, die sich um seine Glieder und seine Stirn schlossen und durch fremden Zauber immer enger wurden. So erwachte er vor seiner Abreise mit rasenden Kopfschmerzen.
Als er in der New Yorker Wohnung angekommen war, nahm er über die App Kontakt zu Sofia auf. Per Mail teilte er ihr mit, er sei wieder im Land. Wann er sie besuchen könne. Es vergingen Tage, bis die Antwort kam. Diese war aber freundlich und sehr ausführlich. Härris Gemüt heiterte sich zum ersten Mal seit «den Vorfällen» wieder auf. Er könne sie nur an Feiertagen oder samstags und sonntags besuchen, jeweils zwischen halb neun Uhr morgens und drei Uhr nachmittags. Er dürfe ihr absolut nichts mitbringen. Es sei lediglich möglich, bis zu dreissig Dollars Cash in den Besuchsraum zu bringen und damit etwas aus den Automaten zu kaufen, die dort aufgestellt seien. Seine Wertsachen müsse er in einem Schliessfach lassen. Er dürfe keine khakifarbene Kleidung tragen, und umarmen oder sonstwie berühren dürften sie sich nur am Anfang und Ende des Besuchs. Ansonsten ginge es ihr den Umständen entsprechend gut. Sie führe den Entzug weiter, jetzt unter regelmässiger Überwachung durch eine Ärztin. Und sie habe sich für verschiedene Kurse angemeldet, unter anderem für Yoga, was ihr sehr helfe.
Härri musste warten mit seinem Besuch bis zum nächsten Wochenende. Ausser seinen ausgedehnten Spaziergängen hatte er nichts vor und auch keine Idee, was er mit sich und seiner Zeit anfangen könnte. Er verspürte nicht die geringste Lust, in ein Museum zu gehen oder irgendeine Sehenswürdigkeit für Touristen zu besuchen. Im Atelierraum seines Freundes versuchte er es wieder mit Zeichnen, aber es erwies sich als unmöglich. Er ertrug sein Gekritzel nicht und konnte sich nicht einmal zurückhalten, gleich zu zerreissen, was auf dem Papier sichtbar wurde. Er durchforstete die Bibliothek, zog wahllos Bücher heraus ohne dabei auf Titel oder Autor zu achten. Schlug sie irgendwo in der Mitte auf und begann zu lesen, brach oft gleich wieder ab, weil irgendein Satz oder ein Wort seinen Widerwillen hervorrief. Bei einem blieb er länger hängen, weil die Geschichte von einem Künstler handelte, der sich «Harry» nannte. Als er merkte, dass dieser in Wirklichkeit eine Frau war, die eigentlich Harriet hiess, war er enttäuscht. Er las noch einige Seiten weiter. Die Künstlerin brachte mehrere Männer dazu, ihre Werke in deren Namen zu vermarkten. Er versuchte sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn Da-ras Installationen damals in der Ausstellung in Bregenz unter seiner, Härris, Autorschaft gezeigt worden wären. Wenn er im Rampenlicht gestanden hätte, aber wegen ihrer Arbeiten. Was eine Frau, eine Künstlerin von so einem Arrangement haben sollte, begriff er nicht. Er klappte das Buch zu und schob es zurück zwischen die anderen. Erst jetzt las er den Namen der Autorin und den Titel: Siri Hustvedt: The Blazing World.
Er kam bei seinen Ausflügen mehrfach beim Trainingsraum einer Taiji-Schule vorbei. Einmal war es bereits gegen sechs Uhr abends und er sah, dass die Eingangstüre offenstand. Ohne zu überlegen trat er ein und ging die zwei Treppen hoch, wo er zu einer kleinen Empfangsloge kam. Einem jungen Chinesen mit hellblond gebleichten Haaren, der hinter der Theke sass, erklärte er, dass er zwar seit Jahren Taiji ausübe, aber nach einer längeren Pause wieder ein paar Instruktionen brauche. Die Einzelstunde beim Meister koste dreihundert Dollar, sagte der junge Mann trocken. Als Härri antwortete, er wolle es sich überlegen, wurde ihm gesagt, dass der Meister auf mehrere Wochen ausgebucht sei. Er habe aber eben eine Absage bekommen und so gebe es diese Woche einen freien Termin. Donnerstagabend, 8:00 PM. Härri glaubte ihm nicht, sagte aber trotzdem zu.
Der Meister war anders als alle, die Härri bisher kennengelernt hatte. Ein sehr sanfter, etwas schwabbelig-weicher älterer Herr aus Südchina, der ebenso sprach, wie er aussah. Sobald er aber Härri zu korrigieren begann und ihm Übungsteile vormachte, wurde unter der Weichheit des Mannes die Körperspannung eines wilden Tiers sichtbar. Härri konnte kaum etwas machen, da wurde er schon unterbrochen.
«Man sieht, dass sich Ihr Körper erinnern will an die Formen, die er gekannt hat. Aber Ihr Geist ist verwirrt durch tausend Gedanken. Das ist schlecht für Taiji, und auch für Ihre Gesundheit.»
Härri ahnte, was jetzt kommen würde. Eine Lektion «stehender Pfahl». Aber er durfte gegen Schluss auch wieder Bewegungsfolgen ausführen und kam mit Hilfe des freundlichen Alten zur Ruhe. Es gelang ihm, die Schwere der letzten Zeit auf die Gravitationskräfte schrumpfen zu lassen, die seinen Körper über Beine und Füsse am Boden festhielten. Die Daueranspannung in seinen Rücken- und Nackenmuskeln, die der Meister als «Schildkrötenpanzer» karikierte, wurde Übung für Übung mehr aufgeweicht. Zurück blieben am Schluss Wärme und eine wohlige Müdigkeit.
Auf dem Heimweg ass er in einer kleinen Bude einen Salat und trank dazu einen halben Liter Grüntee. Zuhause angelangt, duschte er lange und schlief, trotz dem Tee, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein paar Stunden am Stück, tief, fest und traumlos.
Der Tag seines Besuchs im Gefängnis war näher gerückt. Zur Sicherheit ging er am Morgen des Vortags zum Grand Central Terminal, studierte den Fahrplan der Metro-North Railroad und kaufte das Ticket. Danach war für diesen Tag nichts mehr zu tun. Es war schon wieder frühsommerlich warm, entsprechend waren die Menschen angezogen, mit kurzärmeligen T-Shirts, kurzen Sommerhosen, Schildmützen gegen die Sonne, alles grellbunt und verziert mit Sprüchen und Logos in grotesken Schriftzügen. Härri entschied sich spontan zu einem Spaziergang über die Manhattan Bridge nach Brooklyn, wo er besonders viele Graffitis zu sehen hoffte. Er bestieg die Metro an der Midtown-Station und fuhr bis zum East Broadway. Als er den Fusspfad auf der Rampe zur Brücke betrat, sah er, dass etwas im Gange sein musste. Überall waren Polizeibeamte, auf der Fahrbahn solche mit Motorrädern, auf dem Fussweg die Fahrradabteilung und die martialisch Ausgerüsteten, mit Schildern, Helmen und gepanzerten Anzügen. Härri fragte eine schwarze Frau, die zuschaute und die er für eine Einheimische hielt, nach dem Grund für den Aufmarsch.
«Sie demonstrieren wieder für Palästina», sagte diese. «Die Behörden haben nach den letzten Krawallen versprochen, sich in Zukunft zurückzuhalten und verhältnismässig zu reagieren. Jetzt wollen wir mal sehen ...»
Was sie meine, ob er über die Brücke auf die andere Seite nach Brooklyn gehen könne, wollte Härri wissen.
«Dann würde ich mich aber sputen, Sir. Gleich wird es hier eng werden, man hört sie schon kommen.»
Tatsächlich konnte man nun die rhythmischen Rufe der Demonstranten hören, dazwischen eine plärrende Megaphon-Stimme. Zu verstehen war nichts. Härri machte sich auf den Weg nach drüben.
Er war früh aufgestanden am nächsten Morgen, um den Zug kurz nach acht Uhr nicht zu verpassen. Er kam mit leichter Verspätung in Norwalk an, so dass den Anschluss nach Dunbury gerade noch erwischte. Am Bahnhof nahm er ein Taxi, das ihn zur Federal Correctional Institution brachte. Als er vor dem Hauptportal ausstieg, überfiel ihn die Erinnerung an den Tag, als er Sofia mit Ashleys Hilfe hierhergebracht hatte, noch mitten im Winter. Sein Herz klopfte wild, als er durch die Drehtür ging. Er musste sich zuerst einen Becher Wasser von einem der Spender holen, bevor er sich beim Empfang melden konnte. Es lag ein Geruch nach Kantine-Küche in der Luft, von dem ihm übel wurde.
Man war auf ihn vorbereitet. «You’re the father?», fragte die dunkelhäutige Beamtin hinter der Theke, als er Sofias Namen genannt hatte. Dann begann ein Verfahren, das an die Abfertigung an einem internationalen Flughafen erinnerte. Er musste seine Sachen in eine Plastikschale legen und in einem Schliessfach zurücklassen, wobei er freundlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er dreissig Dollars in bar für den Konsum aus den Automaten mitnehmen dürfe. Nach dem Durchschreiten eines Detektorportals wurde er abgetastet. Man informierte ihn mündlich und durch Abgabe eines Merkblatts über die Regeln während seines Besuchs. «Handshaking, embracing and kissing will be permitted ONLY at the beginning and at the end of the visit.»
Dann wurde er in den Besuchsraum geführt, in dem sich schon einige Besucher und Insassen an Tischen gegenübersassen. Noch bevor er sich setzen konnte, sah er, wie Sofia von einer Wächterin hereingeführt wurde und sich auf ihn zu bewegte. Sie hatte die Haare sehr kurz geschnitten und trug die khakifarbene Anstaltskluft, Hose und Jacke, beides etwas zu gross. An den Füssen Gummi-Clogs in gleicher Farbe. Nun stand sie vor ihm, und er hatte weiche Knie.
«Hallo, Papa», sagte sie mit fester, klarer Stimme. «Ist dir nicht gut? Komm, setz dich.»
Sie fasste ihn am Arm und wollte ihn zu seinem Stuhl führen wie einen alten Mann. Er riss sich zusammen, stellte sich ihr in den Weg und breitete die Arme aus. Ohne ein Wort zu sagen, umarmten sie sich. Sofia roch nach einem billigen Dusch-Gel.
Als sie sich gegenübersassen, hatte er sich wieder in der Hand. Und wenn er sie nun so sah und sprechen hörte – ruhig und gefasst, selbstsicher –, schämte er sich für seine Schwäche, die sie ihm offenbar ansah.
«Du siehst müde aus. Warst du krank? Schaust du zu dir?»
«Sie haben mich rausgeschmissen ...», brachte er heraus.
Sofia konnte es nicht glauben.
«Was? Wo? Aus der Akademie?»
Er erzählte ihr die ganze Geschichte ohne Punkt und Komma, es musste aus ihm heraus. Als er allzu eifrig wurde, kam ein Beamter in ihre Nähe.
«Would you please speak more quietly, Sir?»
Erst nach mehr als einer Stunde merkte Härri, dass er Sofia noch gar nicht gefragt hatte, wie es ihr gehe. Ja, dass er sie noch nicht einmal richtig angeschaut hatte. Er wollte ihre Hände ergreifen, aber sie zog sie zurück.
«Das dürfen wir nicht, Papa.», sagte sie sanft. Sie sprach wie zu einem Kind.
«Du lässt dich hängen, ich habe dich noch nie so gesehen. Was ist es? Trauerst du wirklich deinem Job als Lehrer nach? Damit hast du doch immer wieder gehadert. Vielleicht hättest du nie mehr den Mut gefunden, wieder ganz auf die Kunst zu setzen Jetzt musst du, oder?»
Härri gab zu, dass da was dran war.
«Du scheinst eine Riesenwut auf diese Frau zu haben», fuhr Sofia fort. «Aus ihrer Sicht hat sie aber sicher recht und musste dich entlassen. Du hast es ihr einfach gemacht, indem du abgehauen bist.»
Härri schluckte und schaute zum Fenster.
«Ich musste», sagte er dann. «Ich hätte sonst etwas Dummes angestellt. Ich hänge an ihr ...
Der letzte Satz war ihm herausgerutscht.
Sofia hielt den Kopf schräg und musterte ihn aufmerksam.
«Was heisst das: Du hängst an ihr?», fragte sie. «Bist du verliebt in sie? Ich habe gemeint, du hasst sie?
«Ja, ich ... Nein! Ich weiss es nicht, es ist kompliziert. Und es tut mir so weh, dich hier zu wissen, und ...»
Sein Ton war klagend. Sofia unterbrach ihn.
«Entschuldige, Papa, aber ich brauche dein Mitleid nicht. Du kannst mich da nicht herausholen, und Mitgefühl zu zeigen, ohne dass man für den anderen etwas tun kann, ohne dass man Macht hat, schadet mehr als dass es hilft. Ich erlebe hier viele Frauen, die sich selbst bedauern. Wenn man sie fragt, warum sie hier seien, sind alle unschuldig verurteilt worden, grässlich! Oder ihr Lover war schuld, die schlimme Kindheit. Selbst wenn es stimmen würde, es bringt nichts, weil du dich so zum Opfer machst. Ich will kein verdammtes Opfer sein, Papa! Ich habe Scheisse gebaut und stehe dazu. Jetzt will ich was aus dieser Erfahrung machen. Der Sinn steckt nicht von selbst im Leben drin, den muss man hineinkneten.»
Härri sperrte Augen und Ohren auf. Wie redete sein Kind mit ihm?
«Ich hole mir einen Caffè Latte vom Automaten. Nimmst du auch einen?», sagte sie und erhob sich. Er gab ihr Geld und sah ihr dann nach. Ihr Gang war völlig anders als während der Zeit der Schlussverhandlung.
«Bist du schon ganz freigekommen von dem ganzen Zeug, das du genommen hast?», fragte er, als sie zurückkam und die Becher abstellte.
«Medizinisch gesehen, ja. Wobei ich noch zwei Medikamente nehmen muss, die jetzt langsam heruntergefahren werden. Aber im Körper steckt diese Erinnerung, die wird noch lange bleiben, vielleicht für immer. Es ist wie bei den Alkis, nur so ein bisschen trocken geht nicht. Ich werde mich fernhalten müssen von Situationen, auch von Menschen, die das Bedürfnis triggern. Yoga ist super!»
Die Wächterin, welche Sofia hergebracht hatte, stand plötzlich neben ihrem Tisch. Es seien bald zwei Stunden um, sagte sie. Ob Sofia den Besuch verlängern wolle. Das habe aber weitere zwei Besuchspunkte zur Folge.
«Ich glaube, es ist gut, oder?» sagte Sofia und sah dabei ihren Vater fragend an.
Härri nickte. Beide tranken ihre Becher leer und standen auf.
«Jetzt dürfen wir nochmal, oder?» fragte Härri und als Sofia ihn anlachte, nahm er sie in die Arme.
Als der Zug in der Abendsonne dem Long Island Sound entlangschaukelte, dachte Härri beschämt an ihren Satz zurück: «Ich brauche dein Mitleid nicht!» Er ergänzte, was sie vielleicht gedacht, aber nicht ausgesprochen hatte: « ... und dein Selbstmitleid schon gar nicht!» Er versuchte sich an das zu erinnern, was Sofia über Mitgefühl gesagt hatte, wenn man keine Macht darüber habe, etwas zu verändern. Ein Satz aus seiner Schulzeit kam ihm in den Sinn:
«Jedes Ding hat zwei Griffe. An dem einen kann man es tragen, an dem andern nicht.»
Er wusste nicht mehr, von welchem antiken Philosophen dieser Satz stammte und auch nicht, wie er auf seine Situation anzuwenden war. Er hatte keine Lust, auf dem kleinen Bildschirm seines Handys nachzuschauen und verschob es auf später. Er schloss die Augen und holte das Bild hervor, wie Sofia zum Automaten gegangen war. Daran wollte er sich halten.
Der Obdachlose rieb sich die Stelle am Bein, wo er vom Schuh des schnell dahingehenden Mannes getroffen worden war. Dieser wurde durch den Schmerzensruf aus seiner Versenkung gerissen und hielt inne, ohne sich umzudrehen. Ein weisser, wirrer Haarschopf über dem hochgeschlagenen Kragen der Jacke, die Hände in deren Taschen vergraben. Er stand und schwankte leicht vor und zurück, wie wenn er überlegen würde, ob er umkehren sollte. Der Obdachlose bekam es mit der Angst zu tun.
«Oh, oh, oh, I didn’t say nothin’, it’s okay, man!»
Jetzt drehte sich der Mann tatsächlich um. Der Obdachlose zog panisch die mageren Beine an sich und umklammerte seine Knie mit beiden Armen. Er riss die Augen auf und suchte im Gesicht des Mannes, was er zu erwarten habe. Zu seinem Erstaunen sah er keinen Angreifer vor sich. Der Ausdruck des Mannes war schmerzverzerrt, als ob er einen noch viel gewaltigeren Tritt bekommen hätte. Seine Wangen waren feucht. Hatte er geweint? Nun rang er sich ein Lächeln ab und kam näher. Der Obdachlose bleib in seiner Haltung sitzen, voller Misstrauen.
«Sorry ... sorry ... sorry ...», murmelte der Mann vor sich hin, kramte dann aus seiner Hosentasche einen zerknüllten Zwanzig-Dollar-Schein und hielt ihn dem am Boden Sitzenden hin.
Härri war seit ein paar Tagen wieder in New York. Auf die Frage, wann genau er angekommen war, hätte er überlegen müssen, weil sein Tag-Nacht-Rhythmus völlig aufgelöst war. Nach der Ankunft hatte er sich so schlecht gefühlt, dass er in einer Apotheke um Rat fragte. Eine freundliche junge Frau mass seinen Blutdruck und stellte eine mässige Erhöhung fest. Er solle zum Arzt gehen, meinte sie. Dazu wenig Salz essen, keinen Alkohol trinken und sich viel bewegen. Was er nun tat. Er hatte keinen Plan, wohin er gehen wollte, sondern liess sich von den Bewegungen seiner Füsse leiten. Die führten ihn von der Orchard Street durch Chinatown in Richtung Süden. Widerwillen packte ihn, als er wieder über die mit kindisch bunten Farben bemalten Asphaltflächen ging. Auch in Augst gab es das, ein verdammter Irrtum! Es zog ihn ans Wasser, zum East River Greenway, der, wie er wusste, alles andere als grün war. Eine lärmige Galerie unter dem FDR Drive, aber mit tollen Ausblicken auf die beiden Hängebrücken. Und mit einer Menge Menschen, die sich in diesem merkwürdigen städtischen Raum auf vielerlei Weisen vergnügten. Spielend, lesend, musizierend, tanzend. Es gab einen Prediger mit spärlichem Publikum, und gleich daneben ein Openair-Gym mit Dutzenden von Geräten, die von schwitzenden, in glänzende Outfits gehüllten Menschen in Bewegung gehalten wurden. Der Frühling war weit fortgeschritten und die Sonne heizte die Stadt auf den Tag über, aber hier im Schatten war es angenehm. Die Betriebsamkeit um ihn herum und seine schnelle Gangart hielten Härri davon ab, zu lange an einem Gedanken hängenzubleiben.
Nach seinem Weggang vom Institut hatte er schon auf der Heimfahrt beschlossen, wieder nach New York zu gehen. In der Nähe von Sofia zu sein, erschien ihm als das einzig Sinnvolle, was ihm im Moment einfiel. Er hatte zuhause nachgeschaut, ob er mit seiner Aufenthaltsbewilligung nochmals einreisen könne. Soviel er verstand, sprach nichts gegen einen erneuten Aufenthalt von bis zu neunzig Tagen, also buchte er einen einfachen Last-Minute-Flug für den übernächsten Tag. Erst danach und ohne Hoffnung erkundigte er sich bei seinem Freund, ob die Wohnung an der Orchard Street noch immer frei sei. Zu seiner Überraschung war sie es. Er sagte niemandem, was er vorhatte. Noah war misstrauisch, versprach aber, wieder zum Haus zu schauen.
Er packte, dann musste er warten. Der Kater spürte seine Unruhe und suchte Nähe, was er nur mit Mühe ertrug. Er las keinerlei Nachrichten und hoffte, dass niemand vom Institut auf die Idee käme, ihn aufzusuchen. Es kam niemand, was ihn wiederum enttäuschte und wütend machte. Er stellte sich vor, wie Da-ra mit Aurelia und Xenjia sprechen, dann mit der Direktorin und den zwei Inspektoren zusammensitzen würde. Wie man seine Kündigung beschloss, verschriftlichte und ihm zusandte. Er realisierte, dass er diese Möglichkeit im vergangenen Jahr fast vollständig ausgeschlossen hatte. Wenn er daran gedacht hatte, spielte er die Folgen herunter. Die kaum planbare, prekäre wirtschaftliche Lage, die er von früher kannte. Das Hoffen auf Aufträge und Verkäufe, die Suche noch Sponsoren. Die Angst vor Ideenmangel und Flauten in der Schaffenskraft. Die Einsamkeit im Atelier. Und die mangelhafte Altersvorsorge, alles Dinge, die sich mit dem ausschliesslichen Künstlerdasein verbanden. Am meisten schmerzte ihn der Gedanke, den Kontakt zu den Studierenden zu verlieren. Nun, wo es passiert war, griffen die Sorgen mit spitzen Krallen nach seinem Geist. Sie jagten ihn hin und her zwischen Trauer über den Verlust und einem unbändigen Zorn, wenn er daran dachte, wem dafür die Schuld zu geben war. Er erinnerte sich an Beschimpfungen und Drohungen in zotiger Sprache, die er einst auf der Bühne herausgeschrien hatte und ertappte sich bei Phantasien, in denen er in einer nächtlichen Aktion das Institut anzündete. Er träumte, er sei ein zottiges Ungeheuer, das mit Riesenschritten durch die Stadt stampfte und alles unter seinen Füssen zermalmte. Dann wieder wurde er von eisernen Ringen gequält, die sich um seine Glieder und seine Stirn schlossen und durch fremden Zauber immer enger wurden. So erwachte er vor seiner Abreise mit rasenden Kopfschmerzen.
Als er in der New Yorker Wohnung angekommen war, nahm er über die App Kontakt zu Sofia auf. Per Mail teilte er ihr mit, er sei wieder im Land. Wann er sie besuchen könne. Es vergingen Tage, bis die Antwort kam. Diese war aber freundlich und sehr ausführlich. Härris Gemüt heiterte sich zum ersten Mal seit «den Vorfällen» wieder auf. Er könne sie nur an Feiertagen oder samstags und sonntags besuchen, jeweils zwischen halb neun Uhr morgens und drei Uhr nachmittags. Er dürfe ihr absolut nichts mitbringen. Es sei lediglich möglich, bis zu dreissig Dollars Cash in den Besuchsraum zu bringen und damit etwas aus den Automaten zu kaufen, die dort aufgestellt seien. Seine Wertsachen müsse er in einem Schliessfach lassen. Er dürfe keine khakifarbene Kleidung tragen, und umarmen oder sonstwie berühren dürften sie sich nur am Anfang und Ende des Besuchs. Ansonsten ginge es ihr den Umständen entsprechend gut. Sie führe den Entzug weiter, jetzt unter regelmässiger Überwachung durch eine Ärztin. Und sie habe sich für verschiedene Kurse angemeldet, unter anderem für Yoga, was ihr sehr helfe.
Härri musste warten mit seinem Besuch bis zum nächsten Wochenende. Ausser seinen ausgedehnten Spaziergängen hatte er nichts vor und auch keine Idee, was er mit sich und seiner Zeit anfangen könnte. Er verspürte nicht die geringste Lust, in ein Museum zu gehen oder irgendeine Sehenswürdigkeit für Touristen zu besuchen. Im Atelierraum seines Freundes versuchte er es wieder mit Zeichnen, aber es erwies sich als unmöglich. Er ertrug sein Gekritzel nicht und konnte sich nicht einmal zurückhalten, gleich zu zerreissen, was auf dem Papier sichtbar wurde. Er durchforstete die Bibliothek, zog wahllos Bücher heraus ohne dabei auf Titel oder Autor zu achten. Schlug sie irgendwo in der Mitte auf und begann zu lesen, brach oft gleich wieder ab, weil irgendein Satz oder ein Wort seinen Widerwillen hervorrief. Bei einem blieb er länger hängen, weil die Geschichte von einem Künstler handelte, der sich «Harry» nannte. Als er merkte, dass dieser in Wirklichkeit eine Frau war, die eigentlich Harriet hiess, war er enttäuscht. Er las noch einige Seiten weiter. Die Künstlerin brachte mehrere Männer dazu, ihre Werke in deren Namen zu vermarkten. Er versuchte sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn Da-ras Installationen damals in der Ausstellung in Bregenz unter seiner, Härris, Autorschaft gezeigt worden wären. Wenn er im Rampenlicht gestanden hätte, aber wegen ihrer Arbeiten. Was eine Frau, eine Künstlerin von so einem Arrangement haben sollte, begriff er nicht. Er klappte das Buch zu und schob es zurück zwischen die anderen. Erst jetzt las er den Namen der Autorin und den Titel: Siri Hustvedt: The Blazing World.
Er kam bei seinen Ausflügen mehrfach beim Trainingsraum einer Taiji-Schule vorbei. Einmal war es bereits gegen sechs Uhr abends und er sah, dass die Eingangstüre offenstand. Ohne zu überlegen trat er ein und ging die zwei Treppen hoch, wo er zu einer kleinen Empfangsloge kam. Einem jungen Chinesen mit hellblond gebleichten Haaren, der hinter der Theke sass, erklärte er, dass er zwar seit Jahren Taiji ausübe, aber nach einer längeren Pause wieder ein paar Instruktionen brauche. Die Einzelstunde beim Meister koste dreihundert Dollar, sagte der junge Mann trocken. Als Härri antwortete, er wolle es sich überlegen, wurde ihm gesagt, dass der Meister auf mehrere Wochen ausgebucht sei. Er habe aber eben eine Absage bekommen und so gebe es diese Woche einen freien Termin. Donnerstagabend, 8:00 PM. Härri glaubte ihm nicht, sagte aber trotzdem zu.
Der Meister war anders als alle, die Härri bisher kennengelernt hatte. Ein sehr sanfter, etwas schwabbelig-weicher älterer Herr aus Südchina, der ebenso sprach, wie er aussah. Sobald er aber Härri zu korrigieren begann und ihm Übungsteile vormachte, wurde unter der Weichheit des Mannes die Körperspannung eines wilden Tiers sichtbar. Härri konnte kaum etwas machen, da wurde er schon unterbrochen.
«Man sieht, dass sich Ihr Körper erinnern will an die Formen, die er gekannt hat. Aber Ihr Geist ist verwirrt durch tausend Gedanken. Das ist schlecht für Taiji, und auch für Ihre Gesundheit.»
Härri ahnte, was jetzt kommen würde. Eine Lektion «stehender Pfahl». Aber er durfte gegen Schluss auch wieder Bewegungsfolgen ausführen und kam mit Hilfe des freundlichen Alten zur Ruhe. Es gelang ihm, die Schwere der letzten Zeit auf die Gravitationskräfte schrumpfen zu lassen, die seinen Körper über Beine und Füsse am Boden festhielten. Die Daueranspannung in seinen Rücken- und Nackenmuskeln, die der Meister als «Schildkrötenpanzer» karikierte, wurde Übung für Übung mehr aufgeweicht. Zurück blieben am Schluss Wärme und eine wohlige Müdigkeit.
Auf dem Heimweg ass er in einer kleinen Bude einen Salat und trank dazu einen halben Liter Grüntee. Zuhause angelangt, duschte er lange und schlief, trotz dem Tee, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein paar Stunden am Stück, tief, fest und traumlos.
Der Tag seines Besuchs im Gefängnis war näher gerückt. Zur Sicherheit ging er am Morgen des Vortags zum Grand Central Terminal, studierte den Fahrplan der Metro-North Railroad und kaufte das Ticket. Danach war für diesen Tag nichts mehr zu tun. Es war schon wieder frühsommerlich warm, entsprechend waren die Menschen angezogen, mit kurzärmeligen T-Shirts, kurzen Sommerhosen, Schildmützen gegen die Sonne, alles grellbunt und verziert mit Sprüchen und Logos in grotesken Schriftzügen. Härri entschied sich spontan zu einem Spaziergang über die Manhattan Bridge nach Brooklyn, wo er besonders viele Graffitis zu sehen hoffte. Er bestieg die Metro an der Midtown-Station und fuhr bis zum East Broadway. Als er den Fusspfad auf der Rampe zur Brücke betrat, sah er, dass etwas im Gange sein musste. Überall waren Polizeibeamte, auf der Fahrbahn solche mit Motorrädern, auf dem Fussweg die Fahrradabteilung und die martialisch Ausgerüsteten, mit Schildern, Helmen und gepanzerten Anzügen. Härri fragte eine schwarze Frau, die zuschaute und die er für eine Einheimische hielt, nach dem Grund für den Aufmarsch.
«Sie demonstrieren wieder für Palästina», sagte diese. «Die Behörden haben nach den letzten Krawallen versprochen, sich in Zukunft zurückzuhalten und verhältnismässig zu reagieren. Jetzt wollen wir mal sehen ...»
Was sie meine, ob er über die Brücke auf die andere Seite nach Brooklyn gehen könne, wollte Härri wissen.
«Dann würde ich mich aber sputen, Sir. Gleich wird es hier eng werden, man hört sie schon kommen.»
Tatsächlich konnte man nun die rhythmischen Rufe der Demonstranten hören, dazwischen eine plärrende Megaphon-Stimme. Zu verstehen war nichts. Härri machte sich auf den Weg nach drüben.
Er war früh aufgestanden am nächsten Morgen, um den Zug kurz nach acht Uhr nicht zu verpassen. Er kam mit leichter Verspätung in Norwalk an, so dass den Anschluss nach Dunbury gerade noch erwischte. Am Bahnhof nahm er ein Taxi, das ihn zur Federal Correctional Institution brachte. Als er vor dem Hauptportal ausstieg, überfiel ihn die Erinnerung an den Tag, als er Sofia mit Ashleys Hilfe hierhergebracht hatte, noch mitten im Winter. Sein Herz klopfte wild, als er durch die Drehtür ging. Er musste sich zuerst einen Becher Wasser von einem der Spender holen, bevor er sich beim Empfang melden konnte. Es lag ein Geruch nach Kantine-Küche in der Luft, von dem ihm übel wurde.
Man war auf ihn vorbereitet. «You’re the father?», fragte die dunkelhäutige Beamtin hinter der Theke, als er Sofias Namen genannt hatte. Dann begann ein Verfahren, das an die Abfertigung an einem internationalen Flughafen erinnerte. Er musste seine Sachen in eine Plastikschale legen und in einem Schliessfach zurücklassen, wobei er freundlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er dreissig Dollars in bar für den Konsum aus den Automaten mitnehmen dürfe. Nach dem Durchschreiten eines Detektorportals wurde er abgetastet. Man informierte ihn mündlich und durch Abgabe eines Merkblatts über die Regeln während seines Besuchs. «Handshaking, embracing and kissing will be permitted ONLY at the beginning and at the end of the visit.»
Dann wurde er in den Besuchsraum geführt, in dem sich schon einige Besucher und Insassen an Tischen gegenübersassen. Noch bevor er sich setzen konnte, sah er, wie Sofia von einer Wächterin hereingeführt wurde und sich auf ihn zu bewegte. Sie hatte die Haare sehr kurz geschnitten und trug die khakifarbene Anstaltskluft, Hose und Jacke, beides etwas zu gross. An den Füssen Gummi-Clogs in gleicher Farbe. Nun stand sie vor ihm, und er hatte weiche Knie.
«Hallo, Papa», sagte sie mit fester, klarer Stimme. «Ist dir nicht gut? Komm, setz dich.»
Sie fasste ihn am Arm und wollte ihn zu seinem Stuhl führen wie einen alten Mann. Er riss sich zusammen, stellte sich ihr in den Weg und breitete die Arme aus. Ohne ein Wort zu sagen, umarmten sie sich. Sofia roch nach einem billigen Dusch-Gel.
Als sie sich gegenübersassen, hatte er sich wieder in der Hand. Und wenn er sie nun so sah und sprechen hörte – ruhig und gefasst, selbstsicher –, schämte er sich für seine Schwäche, die sie ihm offenbar ansah.
«Du siehst müde aus. Warst du krank? Schaust du zu dir?»
«Sie haben mich rausgeschmissen ...», brachte er heraus.
Sofia konnte es nicht glauben.
«Was? Wo? Aus der Akademie?»
Er erzählte ihr die ganze Geschichte ohne Punkt und Komma, es musste aus ihm heraus. Als er allzu eifrig wurde, kam ein Beamter in ihre Nähe.
«Would you please speak more quietly, Sir?»
Erst nach mehr als einer Stunde merkte Härri, dass er Sofia noch gar nicht gefragt hatte, wie es ihr gehe. Ja, dass er sie noch nicht einmal richtig angeschaut hatte. Er wollte ihre Hände ergreifen, aber sie zog sie zurück.
«Das dürfen wir nicht, Papa.», sagte sie sanft. Sie sprach wie zu einem Kind.
«Du lässt dich hängen, ich habe dich noch nie so gesehen. Was ist es? Trauerst du wirklich deinem Job als Lehrer nach? Damit hast du doch immer wieder gehadert. Vielleicht hättest du nie mehr den Mut gefunden, wieder ganz auf die Kunst zu setzen Jetzt musst du, oder?»
Härri gab zu, dass da was dran war.
«Du scheinst eine Riesenwut auf diese Frau zu haben», fuhr Sofia fort. «Aus ihrer Sicht hat sie aber sicher recht und musste dich entlassen. Du hast es ihr einfach gemacht, indem du abgehauen bist.»
Härri schluckte und schaute zum Fenster.
«Ich musste», sagte er dann. «Ich hätte sonst etwas Dummes angestellt. Ich hänge an ihr ...
Der letzte Satz war ihm herausgerutscht.
Sofia hielt den Kopf schräg und musterte ihn aufmerksam.
«Was heisst das: Du hängst an ihr?», fragte sie. «Bist du verliebt in sie? Ich habe gemeint, du hasst sie?
«Ja, ich ... Nein! Ich weiss es nicht, es ist kompliziert. Und es tut mir so weh, dich hier zu wissen, und ...»
Sein Ton war klagend. Sofia unterbrach ihn.
«Entschuldige, Papa, aber ich brauche dein Mitleid nicht. Du kannst mich da nicht herausholen, und Mitgefühl zu zeigen, ohne dass man für den anderen etwas tun kann, ohne dass man Macht hat, schadet mehr als dass es hilft. Ich erlebe hier viele Frauen, die sich selbst bedauern. Wenn man sie fragt, warum sie hier seien, sind alle unschuldig verurteilt worden, grässlich! Oder ihr Lover war schuld, die schlimme Kindheit. Selbst wenn es stimmen würde, es bringt nichts, weil du dich so zum Opfer machst. Ich will kein verdammtes Opfer sein, Papa! Ich habe Scheisse gebaut und stehe dazu. Jetzt will ich was aus dieser Erfahrung machen. Der Sinn steckt nicht von selbst im Leben drin, den muss man hineinkneten.»
Härri sperrte Augen und Ohren auf. Wie redete sein Kind mit ihm?
«Ich hole mir einen Caffè Latte vom Automaten. Nimmst du auch einen?», sagte sie und erhob sich. Er gab ihr Geld und sah ihr dann nach. Ihr Gang war völlig anders als während der Zeit der Schlussverhandlung.
«Bist du schon ganz freigekommen von dem ganzen Zeug, das du genommen hast?», fragte er, als sie zurückkam und die Becher abstellte.
«Medizinisch gesehen, ja. Wobei ich noch zwei Medikamente nehmen muss, die jetzt langsam heruntergefahren werden. Aber im Körper steckt diese Erinnerung, die wird noch lange bleiben, vielleicht für immer. Es ist wie bei den Alkis, nur so ein bisschen trocken geht nicht. Ich werde mich fernhalten müssen von Situationen, auch von Menschen, die das Bedürfnis triggern. Yoga ist super!»
Die Wächterin, welche Sofia hergebracht hatte, stand plötzlich neben ihrem Tisch. Es seien bald zwei Stunden um, sagte sie. Ob Sofia den Besuch verlängern wolle. Das habe aber weitere zwei Besuchspunkte zur Folge.
«Ich glaube, es ist gut, oder?» sagte Sofia und sah dabei ihren Vater fragend an.
Härri nickte. Beide tranken ihre Becher leer und standen auf.
«Jetzt dürfen wir nochmal, oder?» fragte Härri und als Sofia ihn anlachte, nahm er sie in die Arme.
Als der Zug in der Abendsonne dem Long Island Sound entlangschaukelte, dachte Härri beschämt an ihren Satz zurück: «Ich brauche dein Mitleid nicht!» Er ergänzte, was sie vielleicht gedacht, aber nicht ausgesprochen hatte: « ... und dein Selbstmitleid schon gar nicht!» Er versuchte sich an das zu erinnern, was Sofia über Mitgefühl gesagt hatte, wenn man keine Macht darüber habe, etwas zu verändern. Ein Satz aus seiner Schulzeit kam ihm in den Sinn:
«Jedes Ding hat zwei Griffe. An dem einen kann man es tragen, an dem andern nicht.»
Er wusste nicht mehr, von welchem antiken Philosophen dieser Satz stammte und auch nicht, wie er auf seine Situation anzuwenden war. Er hatte keine Lust, auf dem kleinen Bildschirm seines Handys nachzuschauen und verschob es auf später. Er schloss die Augen und holte das Bild hervor, wie Sofia zum Automaten gegangen war. Daran wollte er sich halten.
22.5.24
Wo ist Härri?
DA-RA – Solche Vorfälle sind sehr ärgerlich. Wir mussten die zwei Prüfungsanlässe wiederholen, weil Lukas im einen Fall davongelaufen ist und im zweiten abgebrochen hat. So fehlte auch bei beiden Protokollen seine Unterschrift. Zum Glück hat er zwei sorgfältig abgefasste Berichte hinterlassen, denn für die Situation, in der er sich befindet – es sollte ja mit dem Abschluss der Prüfungen auch über die Beendigung seiner Probezeit beschlossen werden – ist es nicht gerade förderlich, dass er nach den spektakulären Auftritten verschwunden ist. Niemand weiss, wo er sich aufhält, und er beantwortet keinerlei Nachrichten, von niemandem. Otto Ulich kennt seine Frau und hat sie kontaktiert. Sie meinte, wir müssten uns keine Sorgen machen und sie hat auch nicht vor, eine Vermisstenmeldung aufzugeben. Ich konnte die Direktorin bisher davon abhalten, die Kündigung auszusprechen. Lukas’ Berichte habe ich gelesen und mit den Beteiligten gesprochen, auch mit den zwei Inspektoren. Es ergab ein zwiespältiges Bild der Situationen. Aurelia und Ksenjia beharrten darauf, dass bei der Befragung des russischen Studenten alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Als ich aber diesen fragte, ob er verstanden habe, warum der Dozent davongelaufen sei, antwortete er mit verblüffender Offenheit, fast ein bisschen frech, er und «die beiden Ladies» – so nannte er sie – hätten ein bisschen geschäkert. Vielleicht habe der Professor ja etwas mit denen und sei eifersüchtig geworden. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass ein solches «Geschäker», falls es denn stattgefunden habe, unangebracht sei in einem Aufnahmeverfahren, ja überhaupt im Umgang zwischen Dozentinnen und Studenten. Er nahm das zu Kenntnis, fand aber, die Atmosphäre sei von den beiden Frauen definiert worden. Sie hätten ihn zum Beispiel nach seiner sexuellen Orientierung gefragt, auf eine Art, die nichts mit Kunst zu tun gehabt habe. Kurz zusammengefasst kann ich sagen, dass hier wohl Lukas’ Bericht der Wahrheit nahekommt.
Zur Präsentation der zwei Studenten, bei der Xenjia, Arjeta und die beiden Herren der Aufsicht dabei waren, hat Lukas ebenfalls einen Bericht abgegeben, in dem er seine Äusserungen und die der andern wörtlich wiedergegeben hat. Ich habe das überprüft, es deckt sich mit den Aussagen derer, die dabei waren. Hier teile ich deren Einschätzung, Lukas habe überreagiert. Er hat die Phantasie des Studenten, sich mit Benzin zu übergiessen, anzuzünden und auf die Leinwand zu stürzen, um «das ultimative Bild» zu malen, wörtlich genommen. Als ob es sich dabei um die Ankündigung eines Suizids gehandelt hätte. Ich habe mit dem jungen Mann gesprochen und nicht den Eindruck gehabt, dass er sich und seine Äusserung in der Präsentation wirklich ernst nahm. Er sagte, er habe nach der Frage der Dozentin, wie weit sie gehen würden für die Kunst, und nach dem lauten Schrei seines Kollegen, das Gefühl gehabt, er müsse nun «etwas Krasses liefern». Von Selbstverletzung in der Kunst ab den 1960er-Jahren, von Günter Brus über Kira O’Reilly bis Marina Abramović, hatte er keine Ahnung. Ich gebe Lukas insofern recht, dass wir keinen Wettbewerbsdruck in diese Richtung aufbauen sollten, dass man sich in selbstzerstörerischer Weise für die Kunst aufopfert. Aber im vorliegenden Fall scheint der Student nur seinem Eindruck gefolgt zu sein, er müsse etwas Sensationelles sagen, ohne dass es für ihn eine reale Bedeutung hatte. Das gibt uns sicher Gelegenheit, über die Form solcher Befragungen nochmals nachzudenken, auch über konkrete Fragestellungen und ihren Sinn. Aber wie gesagt, Lukas’ Reaktion mit dem dramatischen Abbruch der Übung war unnötig, übertrieben und vor allem ärgerlich in den Folgen. Er hat Glück gehabt, dass die zwei Inspektoren durch den unvermittelten Schrei des anderen Studenten so erschreckt wurden. Sie haben nämlich deshalb die Veranstaltung als «etwas fragwürdig» bezeichnet, was wiederum mir im Gespräch mit der Direktorin half, Lukas zu verteidigen. Ich habe beschlossen, ihn zu beurlauben, zumindest bis wir wissen, wo er steckt und wie es ihm geht. Schliesslich ist da noch die Geschichte mit seiner Tochter, die sicher eine untergründige Rolle spielt. Man wird sehen.
XENJIA – So etwas habe ich noch nie erlebt! Bricht der Typ einfach die Veranstaltung ab, bei der er nur ein Begutachter von dreien ist. Als ob er der Chef wäre. Gut, er ist im Vorstand und damit Teil der Leitung. Aber das ist Aurelia auch, und ich fand es schräg und irgendwie auch beleidigend, dass er da «im Namen des Instituts» eine Entschuldigung ausgesprochen hat, für die es meiner Meinung nach gar keinen Anlass gab. Er hat damit uns andere blossgestellt. Aurelia ist so sauer, dass sie gar nichts mehr dazu sagen will. Härri hat ganz einfach keine Ahnung von Performance. Und genau das sind eben solche Präsentationen. Die Bewerberinnen und Bewerber wissen das sehr genau. Sie schlüpfen in eine Rolle und legen los. Das schützt sie und gibt ihnen die Möglichkeit, über sich hinauszugehen. In jedem Theaterworkshop in den Schulen wird das gelehrt und praktiziert. Ich frage mich, in welcher Welt Härri lebt. Er hat doch, wie man berichtet, selbst als junger Mann auf der Bühne gestanden, in einer Underground-Band. Ich habe nur einen der Filme gesehen, aber da hat er ganz schön herumgeschrien und Faxen gemacht wie ein Schachtelteufel. Warum denn jetzt diese übertriebene Empfindlichkeit, diese kitschige Empathie mit jungen Leuten, die das gar nicht brauchen? Der Schrei war doch gut, ein vitales Zeichen von Energie. Und was der andere Junge von sich gab, die Selbstverbrennung als künstlerischer Akt, na ja ... Nicht wahnsinnig originell, aber irgendwie logisch in der Situation. Vielleicht wollte er unserer etwas pathetischen Frage – wie weit würdest du gehen ...? – auch ironisch entgegentreten. Mich hat es jedenfalls überhaupt nicht erschreckt, weil ich es eben als Äusserung aus einer Rolle heraus verstand, und nicht als authentische Selbstkundgabe.
Die Befragung mit dem einzelnen Studenten, mit diesem Juri, war etwas anderes. Da hat sich Härri daran gestossen, dass wir, Aurelia und ich, mit ihm «geflirtet» hätten, anstatt ihn auf eine neutrale Weise zu interviewen. Das ist natürlich ein starker Vorwurf. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich aber zugeben, dass da etwas in der Luft lag von Anfang an. Schon wie der hereinkam, wie er sich bewegt, sich auf dem Stuhl geräkelt hat. Aurelia hat mir da einen Blick zugeworfen, so dass ich gedacht habe: Ohoh! Aber ich will das nicht auf sie abschieben, ich fand ihn auch scharf. Wir haben uns dann bemüht, neutral zu bleiben und die angemessene Distanz zu wahren. Meine ich jedenfalls. Und die Genderfrage zu stellen, ist doch mittlerweile ganz normal. Aurelia hätte sie offen stellen sollen, ja, und nicht die Zuordnung suggerieren, die ihr am nächsten steht: pansexuell. Das fand ich ungeschickt. Und seine Antwort – «er glaube nicht an Sexualität» – war wohl auch ein Zeichen, dass er nicht weiter darauf eingehen wollte. Sei’s drum.
Jetzt scheint Kollege Härri abgetaucht zu sein. Ich werde nicht schlau aus dem. Einmal ist er offen und an allem interessiert, was um ihn herum läuft. Ist lustig, charmant. Hat gute Ideen und wirkt jünger, als er ist. Dann wieder mimt er den Oppositionellen und kapselt sich ab, wenn ihn die Umgebung ins Unrecht versetzt. Aber ich fänd’s eigentlich schade, wenn er nicht mehr zurückkäme. Irgendwo braucht es auch ihn. Diversity!
OTTO ULICH – Das ist ja eine schöne Aufregung, die da rund um die Aufnahmeverfahren entstanden ist. Und jetzt ist Lukas auch noch spurlos verschwunden, so dass nicht einmal seine Exfrau Carmela weiss, wo er sich aufhält. Nun, grundsätzlich hat er nur von seinem Recht Gebrauch gemacht, dem Abschluss eines Verfahrens die Unterschrift zu verweigern, das nach seinem Dafürhalten nicht nach Vorschrift ablief. Und er hat damit auf einer ordnungsgemässen Wiederholung bestanden. Ob es in Wahrheit zu den von ihm monierten Grenzüberschreitungen gekommen ist, bleibt für mich auch nach Sichtung der Äusserungen aller Beteiligten unentscheidbar. Im ersten Fall handelte es sich um das Hineintragen von unangebrachten, erotisch konnotierten Verhaltensweisen in einen Prozess zur Aufnahme von Kandidaten im Hochschulkontext, was, wenn es so ablief, wie es Lukas schilderte und wie es vom Kandidaten teilweise bestätigt wurde, tatsächlich eine Regelwidrigkeit darstellen würde. Ob man deswegen das ganze Interview für irregulär erklären und wiederholen musste, sei dahingestellt. Im zweiten Fall zeigt sich noch stärker die Interpretationsbedürftigkeit der Situation. Dabei sind die entscheidenden Fragen, ob erstens der junge Mann zu einer Äusserung verführt oder gar genötigt wurde, die er bei gründlichem Nachdenken nicht gemacht hätte. Und zweitens geht es um die Ernsthaftigkeit respektive die Authentizität dieser Aussage. Ob man sich also mit Lukas Sorgen machen musste um den Kandidaten, oder ob das Bild der Selbstverbrennung eher als reine Phantasie oder ironische Reaktion auf die doch provozierende Frage aufzufassen sei. Ich neige zur Ansicht, dass die Art und Weise, wie solche institutionellen Veranstaltungen betrachtet werden, sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verschoben hat, so dass es zwischen älteren und jüngeren Dozenten zu quasi historisch bedingten Konflikten kommen kann. Lukas scheint die Präsentation als Dialog zwischen autonomen, im Idealfall authentisch kommunizierenden Subjekten aufzufassen, in dessen Kontext es nicht zu Verführung und Verstellung kommen sollte, während Xenjia, mit der ich darüber sprach, ganz selbstverständlich von einem performativen Setting ausging, das von spielerischem Rollenverhalten geprägt ist und auch ironisch gebrochen werden kann. Man könnte sagen, dass aus Lukas’ Sicht auf einer Metaebene über Kunst und deren Auffassung gesprochen werden sollte, während Xenjia die Situation selbst als Kunst verstand, was selbstredend viel grössere Freiheiten impliziert. Ein an sich interessanter, potenziell produktiver Konflikt. Ich hoffe, und gehe eigentlich davon aus, dass Lukas ins Institut zurückkehren und man gemeinsam eine Lösung finden wird.
MARIETTE HAYOZ – Ich mache mir grosse Sorgen um Lukas. Ich versuche seit ein paar Tagen, seit jenen Vorfällen, ihn zu erreichen. Zum Glück wusste ich, dass Otto Ulich seine Frau gut kennt, und so konnten wir mit ihr Kontakt aufnehmen. Sie hat uns ein Stück weit beruhigt. Lukas sei nicht einer, der sich was antue. Und auch wenn er sehr aufgebracht sei, besänftige er sich nach kurzer Zeit wieder. Er sei schon früher, als sie noch mit ihm verheiratet war, manchmal für einige Zeit unauffindbar geblieben und dann plötzlich wieder aufgetaucht. Ich bin nicht wirklich beruhigt. Er kam an jenem Abend zu mir in die Loge und hat sich verabschiedet, als sei es endgültig. «Das war’s», hat er gesagt. «Ich habe genug, und sie werden mich sowieso rausschmeissen nach dem, was passiert ist.» Er hat mir erzählt, dass er aus einer Veranstaltung hinausgelaufen sei und eine zweite abgebrochen habe. Dass es ihm sehr leidtue, uns dadurch zusätzliche Arbeit aufzuhalsen. Aber er habe nicht anders gekonnt.
Es war etwas mühsam, die Befragung und die Präsentation zu wiederholen, aber die Kandidaten haben gut kooperiert und wir haben das innerhalb des nächsten Tages hinbekommen. Formell ist also alles in Ordnung. Ob Lukas’ Verhalten die von ihm befürchteten Folgen hat, weiss ich nicht. Frau Baek hat ihm – etwas eigenmächtig, denke ich – einfach unbezahlten Urlaub gewährt auf unbestimmte Zeit. Ich hoffe wirklich sehr, dass es ihm gut geht und dass er sich bald melden wird.
NOAH – Wo ist Härri? Vor zwei Tagen war er noch hier, aber extrem schief drauf wieder mal. Ich habe ihn besucht, um zu sehen wie es ihm geht. Wollte auch schauen, ob er brav zu Stray schaut. Weiss man ja nie, er mag Katzen immer noch nicht. Aber dem ging’s gut. Er hat sich eingenistet, als ob ihm die Bude gehören würde. Härri findet das natürlich nicht so toll, aber er war nicht deswegen schlechter Laune. Hat irgendwas gefaselt von «Jetzt bin ich gefeuert», oder so. Kapier’ ich nicht. Ich hatte das schon vergessen, aber sie haben ihm ja mal ein Dings gestellt, ein Ultimatum. Weil er mit diesem Blödmann von Journi gequatscht hat über den bescheuerten neuen Namen seines Instituts, und der hat das dann gleich an die ganz grosse Glocke gehängt, was nicht so gut ankam bei Härris Chefin. Jetzt ging es um die Aufnahmeprüfungen, wie ich verstanden habe. Er wollte nicht herausrücken, was da genau war. Irgendwas mit zwei seiner Kolleginnen, die sich wie Teenies aufgeführt hätten, und die Show von zwei Neuen, die aus dem Ruder gelaufen sei. Da habe er eingreifen müssen. Und dann sei er abgehauen. Krass, ey! Sowas machen doch eher kleine Jungs, oder solche wie ich, zuerst Scheisse bauen und dann davonrennen. Hab’ ich ihm auch so gesagt. Geh doch hin, entschuldige dich und dann ist alles wieder in Ordnung, wirst sehen. Aber er wollte nichts davon hören. Er fing auf einmal davon an, ob ich nochmals auf das Haus aufpassen könne und auf «das Tier», das sagte er wirklich so. Wo er denn hingehen wolle, fragte ich. Da hat er mich einfach geblockt. Nada, keinen Ton, Alter! Da habe ich gemerkt, dass es ihm echt dreckig geht, das war so strange. Aber wohin sollte er denn gehen? Zu seiner Ex nach Italien? Glaube ich nicht. So wie er von ihr erzählt hat, ist sie nicht die, bei der man sich ausheulen kann. Hat er Freunde? Keine Ahnung. Wenn sie ihn wirklich rausgeschmissen haben, muss er halt wieder Kunst machen wie früher. Er war dort ja mal stark, ein Winner. Vielleicht kann man nicht beides machen, Kunst und dieses ganze Hochschulzeug. Oder man müsste dort der Chef sein, der von niemandem rumkommandiert wird. Vielleicht muss er nur mal für ein paar Wochen auf lonely cowboy machen, ein bisschen rumziehen mit hochgeklapptem Kragen, um sich wieder als Kerl zu fühlen. Kann ja sein. Ich halte hier mal die Stellung, mit Milena und dem Kater natürlich. Warten wir, bis er wieder ankurvt.
Zur Präsentation der zwei Studenten, bei der Xenjia, Arjeta und die beiden Herren der Aufsicht dabei waren, hat Lukas ebenfalls einen Bericht abgegeben, in dem er seine Äusserungen und die der andern wörtlich wiedergegeben hat. Ich habe das überprüft, es deckt sich mit den Aussagen derer, die dabei waren. Hier teile ich deren Einschätzung, Lukas habe überreagiert. Er hat die Phantasie des Studenten, sich mit Benzin zu übergiessen, anzuzünden und auf die Leinwand zu stürzen, um «das ultimative Bild» zu malen, wörtlich genommen. Als ob es sich dabei um die Ankündigung eines Suizids gehandelt hätte. Ich habe mit dem jungen Mann gesprochen und nicht den Eindruck gehabt, dass er sich und seine Äusserung in der Präsentation wirklich ernst nahm. Er sagte, er habe nach der Frage der Dozentin, wie weit sie gehen würden für die Kunst, und nach dem lauten Schrei seines Kollegen, das Gefühl gehabt, er müsse nun «etwas Krasses liefern». Von Selbstverletzung in der Kunst ab den 1960er-Jahren, von Günter Brus über Kira O’Reilly bis Marina Abramović, hatte er keine Ahnung. Ich gebe Lukas insofern recht, dass wir keinen Wettbewerbsdruck in diese Richtung aufbauen sollten, dass man sich in selbstzerstörerischer Weise für die Kunst aufopfert. Aber im vorliegenden Fall scheint der Student nur seinem Eindruck gefolgt zu sein, er müsse etwas Sensationelles sagen, ohne dass es für ihn eine reale Bedeutung hatte. Das gibt uns sicher Gelegenheit, über die Form solcher Befragungen nochmals nachzudenken, auch über konkrete Fragestellungen und ihren Sinn. Aber wie gesagt, Lukas’ Reaktion mit dem dramatischen Abbruch der Übung war unnötig, übertrieben und vor allem ärgerlich in den Folgen. Er hat Glück gehabt, dass die zwei Inspektoren durch den unvermittelten Schrei des anderen Studenten so erschreckt wurden. Sie haben nämlich deshalb die Veranstaltung als «etwas fragwürdig» bezeichnet, was wiederum mir im Gespräch mit der Direktorin half, Lukas zu verteidigen. Ich habe beschlossen, ihn zu beurlauben, zumindest bis wir wissen, wo er steckt und wie es ihm geht. Schliesslich ist da noch die Geschichte mit seiner Tochter, die sicher eine untergründige Rolle spielt. Man wird sehen.
XENJIA – So etwas habe ich noch nie erlebt! Bricht der Typ einfach die Veranstaltung ab, bei der er nur ein Begutachter von dreien ist. Als ob er der Chef wäre. Gut, er ist im Vorstand und damit Teil der Leitung. Aber das ist Aurelia auch, und ich fand es schräg und irgendwie auch beleidigend, dass er da «im Namen des Instituts» eine Entschuldigung ausgesprochen hat, für die es meiner Meinung nach gar keinen Anlass gab. Er hat damit uns andere blossgestellt. Aurelia ist so sauer, dass sie gar nichts mehr dazu sagen will. Härri hat ganz einfach keine Ahnung von Performance. Und genau das sind eben solche Präsentationen. Die Bewerberinnen und Bewerber wissen das sehr genau. Sie schlüpfen in eine Rolle und legen los. Das schützt sie und gibt ihnen die Möglichkeit, über sich hinauszugehen. In jedem Theaterworkshop in den Schulen wird das gelehrt und praktiziert. Ich frage mich, in welcher Welt Härri lebt. Er hat doch, wie man berichtet, selbst als junger Mann auf der Bühne gestanden, in einer Underground-Band. Ich habe nur einen der Filme gesehen, aber da hat er ganz schön herumgeschrien und Faxen gemacht wie ein Schachtelteufel. Warum denn jetzt diese übertriebene Empfindlichkeit, diese kitschige Empathie mit jungen Leuten, die das gar nicht brauchen? Der Schrei war doch gut, ein vitales Zeichen von Energie. Und was der andere Junge von sich gab, die Selbstverbrennung als künstlerischer Akt, na ja ... Nicht wahnsinnig originell, aber irgendwie logisch in der Situation. Vielleicht wollte er unserer etwas pathetischen Frage – wie weit würdest du gehen ...? – auch ironisch entgegentreten. Mich hat es jedenfalls überhaupt nicht erschreckt, weil ich es eben als Äusserung aus einer Rolle heraus verstand, und nicht als authentische Selbstkundgabe.
Die Befragung mit dem einzelnen Studenten, mit diesem Juri, war etwas anderes. Da hat sich Härri daran gestossen, dass wir, Aurelia und ich, mit ihm «geflirtet» hätten, anstatt ihn auf eine neutrale Weise zu interviewen. Das ist natürlich ein starker Vorwurf. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich aber zugeben, dass da etwas in der Luft lag von Anfang an. Schon wie der hereinkam, wie er sich bewegt, sich auf dem Stuhl geräkelt hat. Aurelia hat mir da einen Blick zugeworfen, so dass ich gedacht habe: Ohoh! Aber ich will das nicht auf sie abschieben, ich fand ihn auch scharf. Wir haben uns dann bemüht, neutral zu bleiben und die angemessene Distanz zu wahren. Meine ich jedenfalls. Und die Genderfrage zu stellen, ist doch mittlerweile ganz normal. Aurelia hätte sie offen stellen sollen, ja, und nicht die Zuordnung suggerieren, die ihr am nächsten steht: pansexuell. Das fand ich ungeschickt. Und seine Antwort – «er glaube nicht an Sexualität» – war wohl auch ein Zeichen, dass er nicht weiter darauf eingehen wollte. Sei’s drum.
Jetzt scheint Kollege Härri abgetaucht zu sein. Ich werde nicht schlau aus dem. Einmal ist er offen und an allem interessiert, was um ihn herum läuft. Ist lustig, charmant. Hat gute Ideen und wirkt jünger, als er ist. Dann wieder mimt er den Oppositionellen und kapselt sich ab, wenn ihn die Umgebung ins Unrecht versetzt. Aber ich fänd’s eigentlich schade, wenn er nicht mehr zurückkäme. Irgendwo braucht es auch ihn. Diversity!
OTTO ULICH – Das ist ja eine schöne Aufregung, die da rund um die Aufnahmeverfahren entstanden ist. Und jetzt ist Lukas auch noch spurlos verschwunden, so dass nicht einmal seine Exfrau Carmela weiss, wo er sich aufhält. Nun, grundsätzlich hat er nur von seinem Recht Gebrauch gemacht, dem Abschluss eines Verfahrens die Unterschrift zu verweigern, das nach seinem Dafürhalten nicht nach Vorschrift ablief. Und er hat damit auf einer ordnungsgemässen Wiederholung bestanden. Ob es in Wahrheit zu den von ihm monierten Grenzüberschreitungen gekommen ist, bleibt für mich auch nach Sichtung der Äusserungen aller Beteiligten unentscheidbar. Im ersten Fall handelte es sich um das Hineintragen von unangebrachten, erotisch konnotierten Verhaltensweisen in einen Prozess zur Aufnahme von Kandidaten im Hochschulkontext, was, wenn es so ablief, wie es Lukas schilderte und wie es vom Kandidaten teilweise bestätigt wurde, tatsächlich eine Regelwidrigkeit darstellen würde. Ob man deswegen das ganze Interview für irregulär erklären und wiederholen musste, sei dahingestellt. Im zweiten Fall zeigt sich noch stärker die Interpretationsbedürftigkeit der Situation. Dabei sind die entscheidenden Fragen, ob erstens der junge Mann zu einer Äusserung verführt oder gar genötigt wurde, die er bei gründlichem Nachdenken nicht gemacht hätte. Und zweitens geht es um die Ernsthaftigkeit respektive die Authentizität dieser Aussage. Ob man sich also mit Lukas Sorgen machen musste um den Kandidaten, oder ob das Bild der Selbstverbrennung eher als reine Phantasie oder ironische Reaktion auf die doch provozierende Frage aufzufassen sei. Ich neige zur Ansicht, dass die Art und Weise, wie solche institutionellen Veranstaltungen betrachtet werden, sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verschoben hat, so dass es zwischen älteren und jüngeren Dozenten zu quasi historisch bedingten Konflikten kommen kann. Lukas scheint die Präsentation als Dialog zwischen autonomen, im Idealfall authentisch kommunizierenden Subjekten aufzufassen, in dessen Kontext es nicht zu Verführung und Verstellung kommen sollte, während Xenjia, mit der ich darüber sprach, ganz selbstverständlich von einem performativen Setting ausging, das von spielerischem Rollenverhalten geprägt ist und auch ironisch gebrochen werden kann. Man könnte sagen, dass aus Lukas’ Sicht auf einer Metaebene über Kunst und deren Auffassung gesprochen werden sollte, während Xenjia die Situation selbst als Kunst verstand, was selbstredend viel grössere Freiheiten impliziert. Ein an sich interessanter, potenziell produktiver Konflikt. Ich hoffe, und gehe eigentlich davon aus, dass Lukas ins Institut zurückkehren und man gemeinsam eine Lösung finden wird.
MARIETTE HAYOZ – Ich mache mir grosse Sorgen um Lukas. Ich versuche seit ein paar Tagen, seit jenen Vorfällen, ihn zu erreichen. Zum Glück wusste ich, dass Otto Ulich seine Frau gut kennt, und so konnten wir mit ihr Kontakt aufnehmen. Sie hat uns ein Stück weit beruhigt. Lukas sei nicht einer, der sich was antue. Und auch wenn er sehr aufgebracht sei, besänftige er sich nach kurzer Zeit wieder. Er sei schon früher, als sie noch mit ihm verheiratet war, manchmal für einige Zeit unauffindbar geblieben und dann plötzlich wieder aufgetaucht. Ich bin nicht wirklich beruhigt. Er kam an jenem Abend zu mir in die Loge und hat sich verabschiedet, als sei es endgültig. «Das war’s», hat er gesagt. «Ich habe genug, und sie werden mich sowieso rausschmeissen nach dem, was passiert ist.» Er hat mir erzählt, dass er aus einer Veranstaltung hinausgelaufen sei und eine zweite abgebrochen habe. Dass es ihm sehr leidtue, uns dadurch zusätzliche Arbeit aufzuhalsen. Aber er habe nicht anders gekonnt.
Es war etwas mühsam, die Befragung und die Präsentation zu wiederholen, aber die Kandidaten haben gut kooperiert und wir haben das innerhalb des nächsten Tages hinbekommen. Formell ist also alles in Ordnung. Ob Lukas’ Verhalten die von ihm befürchteten Folgen hat, weiss ich nicht. Frau Baek hat ihm – etwas eigenmächtig, denke ich – einfach unbezahlten Urlaub gewährt auf unbestimmte Zeit. Ich hoffe wirklich sehr, dass es ihm gut geht und dass er sich bald melden wird.
NOAH – Wo ist Härri? Vor zwei Tagen war er noch hier, aber extrem schief drauf wieder mal. Ich habe ihn besucht, um zu sehen wie es ihm geht. Wollte auch schauen, ob er brav zu Stray schaut. Weiss man ja nie, er mag Katzen immer noch nicht. Aber dem ging’s gut. Er hat sich eingenistet, als ob ihm die Bude gehören würde. Härri findet das natürlich nicht so toll, aber er war nicht deswegen schlechter Laune. Hat irgendwas gefaselt von «Jetzt bin ich gefeuert», oder so. Kapier’ ich nicht. Ich hatte das schon vergessen, aber sie haben ihm ja mal ein Dings gestellt, ein Ultimatum. Weil er mit diesem Blödmann von Journi gequatscht hat über den bescheuerten neuen Namen seines Instituts, und der hat das dann gleich an die ganz grosse Glocke gehängt, was nicht so gut ankam bei Härris Chefin. Jetzt ging es um die Aufnahmeprüfungen, wie ich verstanden habe. Er wollte nicht herausrücken, was da genau war. Irgendwas mit zwei seiner Kolleginnen, die sich wie Teenies aufgeführt hätten, und die Show von zwei Neuen, die aus dem Ruder gelaufen sei. Da habe er eingreifen müssen. Und dann sei er abgehauen. Krass, ey! Sowas machen doch eher kleine Jungs, oder solche wie ich, zuerst Scheisse bauen und dann davonrennen. Hab’ ich ihm auch so gesagt. Geh doch hin, entschuldige dich und dann ist alles wieder in Ordnung, wirst sehen. Aber er wollte nichts davon hören. Er fing auf einmal davon an, ob ich nochmals auf das Haus aufpassen könne und auf «das Tier», das sagte er wirklich so. Wo er denn hingehen wolle, fragte ich. Da hat er mich einfach geblockt. Nada, keinen Ton, Alter! Da habe ich gemerkt, dass es ihm echt dreckig geht, das war so strange. Aber wohin sollte er denn gehen? Zu seiner Ex nach Italien? Glaube ich nicht. So wie er von ihr erzählt hat, ist sie nicht die, bei der man sich ausheulen kann. Hat er Freunde? Keine Ahnung. Wenn sie ihn wirklich rausgeschmissen haben, muss er halt wieder Kunst machen wie früher. Er war dort ja mal stark, ein Winner. Vielleicht kann man nicht beides machen, Kunst und dieses ganze Hochschulzeug. Oder man müsste dort der Chef sein, der von niemandem rumkommandiert wird. Vielleicht muss er nur mal für ein paar Wochen auf lonely cowboy machen, ein bisschen rumziehen mit hochgeklapptem Kragen, um sich wieder als Kerl zu fühlen. Kann ja sein. Ich halte hier mal die Stellung, mit Milena und dem Kater natürlich. Warten wir, bis er wieder ankurvt.
19.5.24
Das Assessment
Es war der grosse Tag von Mariette Hayoz, der Sekretärin und Pförtnerin im alten Akademiegebäude. Für einmal musste sie nicht um Sichtbarkeit kämpfen, sondern wurde bestürmt in ihrer gläsernen Loge am Ende des Korridors im Erdgeschoss. Sie hatte in allen Stockwerken Tische mit Getränken und kleinen Brötchen aufgestellt, denn niemand von den Neuankömmlingen sollte zusätzlich zu seiner Aufregung auch noch einen leeren Magen in die Aufnahmeverfahren mitbringen müssen, die sich über zwei Tage hinziehen würden und aus Befragungen, Gruppengesprächen, Präsentationen sowie einer praktischen Prüfung bestanden. Die Dossiers waren schon vor Wochen eingereicht worden. Frau Hayoz leitete Umherirrende an den richtigen Ort, tröstete Weinende oder still vor sich Hinbrütende, die vermeintlich oder tatsächlich in einem Teil des Assessments versagt hatten. Sie half den Dozierenden beim Herrichten und Umbauen der Räume und trug ihnen diskret ihre Sachen hinterher. Sie lenkte den Hauswart an die Stellen, wo nur er helfen konnte und sorgte mit ihrem heiteren und fürsorglichen Wesen überall dort für Entspannung, wo sie Aufregung und Ärger wahrnahm.
Auch Härri fühlte sich angespannt. Er war sehr früh aufgestanden und hatte sein Fahrrad zeitig bestiegen, musste aber nochmals umkehren, weil er die Liste der Prüflinge vergessen hatte. Als er sie auf seinem grossen Tisch suchte, strich ihm der Kater um die Beine und wurde unsanft weggeschubst. Fast hätte er ihm einen Tritt gegeben. Er fand das Papier nach längerem Stöbern und machte sich zum zweiten Mal auf den Weg. Selbstverständlich hätte er von Hayoz leicht eine Kopie bekommen können, aber sein Stolz liess es nicht zu, sie heute um so etwas zu bitten. Er wollte gut vorbereitet «in die Schlacht ziehen». Unterwegs zur Brücke kam ihm dieser Ausdruck in den Sinn und er musste unwillkürlich den Kopf schütteln über sich. Die Sitzung mit Aurelia und Ksenjia, in der sie um Themenformulierungen für den praktischen Teil gerungen hatten, war anstrengend gewesen. Schwierig. Kommunikation voller Spitzen und Haken, mit einem doppelten Boden, gezimmert aus manipulativen Andeutungen und impliziten Appellen. Wenn es dabei nicht auch lustig, absurd-witzig zugegangen wäre, hätte er wohl nicht bis zum Ende durchgehalten. Er traute den beiden nicht. Dabei waren sie während dieser zwei Tage aufeinander angewiesen. Erschreckt hatten ihn Äusserungen, aus denen seiner Ansicht nach ein fahrlässiger Unernst sprach, eine zynisch anmutende Lust, mit der Situation und den Beteiligten des Aufnahmeverfahrens zu spielen. Vielleicht hatte er ja früher auch so geredet. «Die jungen Menschen aus ihrer Komfortzone locken» war so ein Satz gewesen, den auch er in verschiedenen Variationen in den Mund genommen hatte. Warum wurde ihm jetzt so unbehaglich zumute, wenn er ihn von andern zu hören bekam? Wenn er den Ausdruck mit seinen eigenen Kindern in Zusammenhang brachte – vorgestellt in dem Alter, das Studienanwärter im Schnitt mitbrachten – oder wenn er ihn auf Noah und Milena bezog, dann spürte er heftigen Widerwillen gegenüber der Anmassung, dem Machtanspruch, der sich darin verbarg.
Als er sein Fahrrad beim gedeckten Parkplatz an den Pfosten kettete, erneuerte er seinen Vorsatz für die zwei Tage. Wachsam wollte er sein, ein wenig misstrauisch, sich selbst und den Kolleginnen gegenüber.
Auf dem Weg durchs Gebäude traf er Da-ra Baek an, die ihn in ihrem Büro kurz sprechen wollte.
«Es sind zwei Herren der Aufsichtsbehörde im Haus», teilte sie ihm mit. «Ich wollte dir das sagen, bevor du sie antriffst. Sie werden da und dort bei Präsentationen und Gesprächen dabei sein. Aber sie sind auch wegen dir da. Ich dachte, das solltest du wissen.»
Härri war sehr erstaunt.
«Wegen mir? Weshalb? Hat das etwas zu tun mit ...?»
«Mit der Probefrist, die dir von der Direktorin gesetzt worden ist, ja», bestätigte Da-ra. «Sie läuft bald ab. Man hat ihnen wohl den Auftrag gegeben, nochmals nachzuschauen und zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Sie waren schon bei mir.»
Härri war verärgert.
«Und, ist alles in Ordnung?»
Er schob das Kinn vor und sah sie herausfordernd an.
«Bitte reg’ dich nicht auf!», bat ihn seine Chefin. «Es ist mir wichtig, dass das Verfahren gut abläuft. Da braucht es wieder Kooperation. Entgegenkommen von allen. Ihr habt zusammen vorbereitet, Aurelia hat mir berichtet. Das habe gut funktioniert.»
Was die wohl erzählt hat, fragte sich Härri. Aber dann dachte er, vielleicht hat sie so wenig Empathie, dass sie Meinungsverschiedenheiten gar nicht registriert.
«Ja, unsere Themen haben wir jedenfalls hinbekommen», sagte er.
Da-ra sah ihn prüfend an. Sie war barfuss und trug Rot. Schön siehst du aus, verdammt, dachte Härri. Er musste weiter, weg aus ihrer Nähe.
«Also», sagte er, «packen wir’s!», und drehte sich von ihr ab.
«Viel Glück, Lukas», sagte sie, als er sich in der offenen Tür nochmals umdrehte.
Es begann damit, dass Aurelia zu ihm und einer Gruppe von Prüflingen stiess, die sich in der Mittagspause auf einem Zwischengeschoss eingerichtet hatten. Sie sassen auf den Heizungsradiatoren vor dem grossen Fenster und assen ihr Mitgebrachtes oder die Brötchen von Hayoz. Härri hatte sie gerade begrüsst und ihnen einen guten Appetit gewünscht, als Aurelia schnaufend von unten auf dem Treppenabsatz ankam. Sie hatte die Haare frisch und leuchtend rosarot gefärbt, die Lippen im gleichen Ton geschminkt und war so bunt gekleidet wie ein Papagei.
«Ach, süss!», flötete sie, noch etwas ausser Atem. «Ihr hockt da wie Vögelchen auf der Stange. Ich bin Aurelia. Ich weiss nicht, ob ich mir eure Namen werde merken können. Wahrscheinlich nicht.»
Was für eine Begrüssung! Härri war es peinlich.
«Wir sehen uns nachher», versuchte er abzulenken und zog Aurelia am Ärmel. «Komm, wir müssen noch schauen, ob der Raum bereit ist.»
Als die zukünftigen Studierenden mit ihrer Zeichnungsprüfung beschäftigt waren – sie hatten ein Modell, das sie mit den Mitteln ihrer Wahl so porträtieren sollten, dass man «seine Persönlichkeit erkennen» sollte – gingen er und Aurelia zwischen den Staffeleien hin und her. Härri achtete darauf, dass er nicht zu lange bei einer Person stehen blieb, um sie nicht zu verunsichern. Wenn es ihm offensichtlich erschien, dass jemand steckengeblieben war und nicht weiterwusste, sprach er ein paar aufmunternde Worte, die sich auf den Prozess bezogen. «Es hilft, einfach so zu tun, als wüsste man, wie es geht», sagte er zum Beispiel. Oder: «Keine Bange, es gibt kein richtig oder falsch bei dieser Aufgabe.» Er dachte von solchen freundlich geäusserten Bemerkungen, dass sie von den zwei im Hintergrund sitzenden älteren Herren nicht als unerlaubte Hilfestellung interpretiert werden konnten. Wie Statler und Waldorf aus der Muppetshow hocken sie da, dachte er. Im gleichen Moment stiess Aurelia einen tiefen Seufzer aus.
«Ach, wie bin ich froh, dass ich nicht mehr zeichnen muss!», posaunte sie durch den Raum.
Härri war sauer auf Aurelia nach diesen zwei Vorfällen. Eigentlich wollte er sie zur Rede stellen, aber sie schien es zu ahnen und ging ihm in der Pause und nach Abschluss der Prüfung aus dem Weg.
Am nächsten Morgen standen drei Einzelbefragungen auf dem Programm, die er mit Aurelia und Ksenjia zusammen in einem kleinen Vorbereitungs- und Bibliotheksraum durchzuführen hatte, diesmal in der Spinnerei. Mit dem Ortswechsel war die Absicht verbunden, den zukünftigen Studierenden beide Standorte des Instituts vorzustellen. Der Raum war in einem giftigen Gelbgrün gestrichen, was Härri heute unangenehm auffiel. Es gab ein grosses Fenster, das von zwei diagonalen Stahlstreben durchkreuzt wurde. Draussen drückte die Sonne durch eine dichte, weissgraue Wolkendecke. Kopfweh-Licht, dachte Härri. Er konnte nicht verhindern, dass sich die zwei Frauen auf das Sofa setzten, das mit einem zerwühlten, dunkelgemusterten Tuch bedeckt war. Aurelia, wie zufällig unter einem Poster von Marilyn Monroe, heute mit einer gestrickten Jacke, regenbogenfarbig gestreift. Um ihren Hals hatte sie ein Duzend Ketten gehängt, aus Acrylglasperlen in Leuchtgelb. Die Haare hielt sie sich zurück mit einem Reif, von dem kleine, rosafarbige Katzenöhrchen abstanden. Ksenjia, wirkte brav und fast altjüngferlich daneben. Streng gerade geschnittene Fransen über hoher weisser Stirn, die sie fast immer in angestrengte Falten legte. Sie trug dunkelbraune Manchesterhosen, darüber ein grünlich-braunes Strickjäckchen. Nur ein schmales Band, das dicht um ihren drahtigen Hals geschlungen war, hatte eine auffällige rote Farbe. So sass das Paar nebeneinander, in Erwartung des ersten Kandidaten. Härri stellte einen drehbaren Bürostuhl den Frauen gegenüber, auf die andere Seite des Clubtischchens, das die Mitte einnahm. Dann nahm er sich einen zweiten und setzte sich im rechten Winkel zu ihnen.
Die Gespräche mit den zwei jungen Frauen, die zuerst dran waren, verliefen ruhig. Nur einmal musste Härri die Fragen wieder zurück zur Kunst und zur Ausbildung lenken, als Ksenjia nach Einstellungen und Haltungen zu fragen begann, die seiner Meinung nach nichts mit dem Studium zu tun hatten. Aurelia hatte auch gleich nachgehakt, als sie die Gelegenheit sah, über Feminismus zu reden. Dagegen hätte Härri nichts gehabt, wenn nicht beide ihre Fragen derart suggestiv gestellt hätten, dass den Kandidatinnen nur die Wahl blieb, das ihnen Untergeschobene zu bestätigen oder aber dumm dazustehen.
Vor dem dritten und letzten Anwärter rissen sie die Fenster auf um zu lüften. Härri holte frisches Mineralwasser vom Spender draussen im Gang, dann besprachen sie die vergangenen Anhörungen.
Als der dritte und letzte Kandidat hereinkam, knisterte es von Beginn an im Raum. Es war ein junger Mann mit russischen Wurzeln. Sehr kurzer Haarschnitt über einem ebenmässigen, hübschen Gesicht, das einen einstudiert wirkenden, gelangweilten Ausdruck zur Schau stellte. Er trug einen Hoodie in Altrosa, dazu braunviolette Hosen aus einem feinen Leder. Die sorgsam gepflegten Nägel hatten dieselbe Farbe. In seinem rechten Ohrläppchen steckte ein geschwärztes Metallrohr. Er flätzte sich auf den Stuhl und drehte das eine Bein um das andere. Die Bewegungen von Kopf, Hals, Schultern und Armen waren weich, fliessend. Er machte oft eine beidhändige Geste mit den Handrücken voran, was seine Fingernägel zur Geltung brachte.
Tuntig fand ihn Härri. Dabei gefiel ihm, was der Junge erzählte. Über die unterschiedlichen Kulturen seines Herkunftslandes und der friedlichen Schweiz. Von seiner Motivation, Kunst zu studieren, seinem Interesse für Film und Theater. Auch für Malerei. Seine Einschätzung des noch immer vorherrschenden Akademismus in Russland beeindruckte Härri. Ein kluger Kopf!
Dann aber drängten sich seine beiden Kolleginnen vor. Ihre Blicke und Körperhaltungen waren ganz anders als bei den jungen Frauen vor der Pause. Sie rutschten vor und zurück auf ihrem Sofa, rissen die Augen auf, stellten beim Reden die Köpfe schräg. Lachten sich zwischendurch zu, wenn der junge Mann etwas bestätigt hatte, was sie gerne von ihm hören wollten. Es fehlte noch, dass sie sich abklatschten. Härri konnte es nicht glauben: die beiden flirteten schamlos mit dem Prüfling, der dies längst bemerkt hatte und nun ein raffiniertes, dandyhaftes Spiel aufzog. Je begeisterter das Gebaren der Frauen, desto ölig-schläfriger wurde seines. Während ihre Stimmen in der Tiefe raunten um gleich darauf in ungeahnten Höhen zu zwitschern, wurde seine immer leiser, gleichmütiger und abwesender, der Blick immer müder. Folgerichtig bewegten sich die Fragen der Frauen – Härri hatte es aufgegeben, er schaute und hörte betreten zu – nun in Richtung ihres Lieblingsthemas, der Sexualität. Wie durch einen Vorhang hörte Härri Aurelias Frage:
«Wenn du dich einer Gruppe zuordnen würdest, wäre das pansexuell, nicht wahr?»
«Nein», antwortete der junge Mann.
«Ah, interessant». Aurelia bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verstecken. «Und warum nicht?»
«Weil ich nicht an Sexualität glaube», antwortete er kühl.
Härri stand auf, murmelte eine Entschuldigung und verliess den Raum. Er konnte sich gerade noch zurückhalten, die Tür zuzuschlagen.
In der darauffolgenden, längeren Pause, als sich Härri aus dem Automaten im Dozentenzimmer einen Kaffee in den Becher laufen liess, gingen die zwei Kolleginnen wie Furien auf ihn los. Sie kümmerten sich nicht darum, dass ringsum bald alle Gespräche verstummten und man ihnen betreten zuhörte.
«Sag mal, hast du sie noch alle?», fauchte ihn Ksenjia an. «Du kannst doch nicht einfach davonlaufen, wie sieht denn das aus?»
Auch Aurelia schimpfte: «Und wann und wie gedenkst du nun die Besprechung zu machen? Du hast ja den Schluss gar nicht mitbekommen, das war nämlich hochinteressant, was Juri da noch gesagt hat.»
Härri hatte seinen Entschluss schon gefasst. Er werde von seinem Recht Gebrauch machen, einen eigenen Bericht zu schreiben zu der Befragung. Und sich für ausserstande erklären, eine Beurteilung abzugeben.
Aurelia wusste, was dies bedeutete. Die Befragung musste wiederholt werden. Sie war ausser sich.
Aber es kam noch schlimmer. Härri hatte sich etwas beruhigt und fühlte sich imstande, seine letzte Aufgabe des Tages zu erfüllen. Es ging um die Präsentationen zweier Anwärter, beides Männer, die in einem Dialog ihr Verständnis von Kunst darlegen und diskutieren mussten. Dies sollte vor je einem ausgewählten Werk aus den Dossiers geschehen. Sie hatten sich bereits in einem der grossen Atelierräume eingerichtet, der eine vor einem grossen Bildschirm, auf dem er einen Film zeigen wollte, der andere vor einer bemalten Bahn aus Leinwand, die an einem Deckenbalken aufgehängt war und sich nach einem Bogen auf dem Fussboden wie ein Teppich fortsetzte. Die Zusammensetzung der Dozenten hatte mit den Medien zu tun, in denen die angehenden Künstler arbeiteten. Härri war für die von der Decke hängende Malerei zuständig, Arjeta für die technischen Qualitäten des Films. Und weil dieser eine Performance zeigte, war auch Ksenjia wieder dabei. Sie behandelte Härri wie Luft, was ihn weniger störte als die beiden alten Herren, die sich wieder im Hintergrund einrichteten.
Zuerst drehte sich die Diskussion um die konkreten Werke und Härri begann sich fast schon wohlzufühlen. Er insistierte auf Genauigkeit in der Wahrnehmung dessen, was auf der Leinwand zu sehen war und erkundete durch weitere Fragen, wie offen und selbstkritisch der Kandidat sein Werk zu sehen vermochte. Dieser machte seine Sache gut, wie er fand. Auch beim andern ging man zuerst von einer Werkbetrachtung aus, die sich allerdings schnell auf die Person des jungen Künstlers fokussierte, weil er auch Protagonist der dokumentierten Performance war, die Härri im Übrigen langweilig fand. Er hatte das Gefühl, sehr ähnliche Stücke schon dutzendfach gesehen zu haben, aber dazu musste er zum Glück nichts sagen.
Er wusste nicht, wie es geschehen konnte. Es war eigentlich abgemacht gewesen, dass man die zwei Prüflinge auch danach fragen werde, wie weit sie für die Kunst gehen würden. Darunter hatte Härri die Frage nach ihrer Bereitschaft zur Professionalität verstanden, ob sie unter anderem dazu bereit seien, ausschliesslich Kunst zu machen und dafür eine prekäre wirtschaftliche Situation in Kauf zu nehmen, wenigstens für eine gewisse Zeit. Als nun aber Ksenjia die Frage an den Performer stellte, mit dem sie sich vorher ausführlich über den Mut zur «Selbstentäusserung» unterhalten hatte, holte dieser tief Luft und setzte zu einem markerschütternden Schrei an. Alle zuckten erschrocken zusammen, und selbst Ksenjia riss die Augen auf. Dann aber klatschte sie begeistert in die Hände.
«Wow, was für eine Kraft!» stiess sie bewundernd hervor. Dann richtete sie sich an den Maler.
«Und du, wie weit würdest du gehen für die Kunst?»
Und als ob nichts dabei wäre, setzte dieser zu einem minutenlangen Monolog an. Er habe sich schon ein paarmal überlegt, was das ultimative Bild wäre, das er auf die Leinwand bringen könnte. Dabei sei seine Phantasie folgende: Er richte ein grosses Hochformat ein, einen Meter zwanzig breit und zwei Meter dreissig hoch, mit einer klassischen Grundierung. Dieses lege er auf den Boden. Dann stelle er sich davor, übergiesse sich mit Benzin und zünde sich an. Lege sich brennend auf die Leinwand ...
Härri unterbrach ihn, kreideweiss im Gesicht. Er versuchte, seiner Stimme Festigkeit und Ruhe zu verleihen.
«Ich hoffe, dass du das nie tun wirst.»
Dann wandte er sich an seine Kolleginnen, und in Gedanken auch an die beiden Männer der Aufsicht, die er in seinem Rücken wusste.
«Als Mitglied des Vorstands von «Art Gender Planet» breche ich die Veranstaltung an dieser Stelle ab. Wir haben heute Fehler gemacht, und ich entschuldige mich im Namen des Instituts dafür. Wir sollten gewisse Grenzen weder verwischen noch überschreiten. Dazu gehört ein klarer, transparenter und bewusster Umgang mit dem Machtgefälle, das in Aufnahme- und Prüfungsverfahren besonders deutlich wird. Junge Menschen sollten sich in unserer Institution zu eigenständigen Personen entwickeln und nicht zu Handlungen oder Äusserungen verführt werden, die ihnen nicht guttun, oder die gar gegen die Menschenwürde verstossen.»
Arjeta, Ksenjia und die beiden Kandidaten standen wie angewurzelt da, niemand brachte einen Ton heraus. Die zwei alten Männer hatten gemerkt, dass etwas Aussergewöhnliches im Gange war. Sie erhoben sich und kamen näher.
Da richtete sich Härri ein letztes Mal an den jungen Maler.
«Du kannst nichts dafür. Bitte entschuldige. Ich gehe davon aus, dass ihr darüber informiert werdet, wie es weitergeht.»
Dann drehte er sich um, verliess den Raum, dann das Gebäude.
Am übernächsten Tag war er aus Augst verschwunden.
Auch Härri fühlte sich angespannt. Er war sehr früh aufgestanden und hatte sein Fahrrad zeitig bestiegen, musste aber nochmals umkehren, weil er die Liste der Prüflinge vergessen hatte. Als er sie auf seinem grossen Tisch suchte, strich ihm der Kater um die Beine und wurde unsanft weggeschubst. Fast hätte er ihm einen Tritt gegeben. Er fand das Papier nach längerem Stöbern und machte sich zum zweiten Mal auf den Weg. Selbstverständlich hätte er von Hayoz leicht eine Kopie bekommen können, aber sein Stolz liess es nicht zu, sie heute um so etwas zu bitten. Er wollte gut vorbereitet «in die Schlacht ziehen». Unterwegs zur Brücke kam ihm dieser Ausdruck in den Sinn und er musste unwillkürlich den Kopf schütteln über sich. Die Sitzung mit Aurelia und Ksenjia, in der sie um Themenformulierungen für den praktischen Teil gerungen hatten, war anstrengend gewesen. Schwierig. Kommunikation voller Spitzen und Haken, mit einem doppelten Boden, gezimmert aus manipulativen Andeutungen und impliziten Appellen. Wenn es dabei nicht auch lustig, absurd-witzig zugegangen wäre, hätte er wohl nicht bis zum Ende durchgehalten. Er traute den beiden nicht. Dabei waren sie während dieser zwei Tage aufeinander angewiesen. Erschreckt hatten ihn Äusserungen, aus denen seiner Ansicht nach ein fahrlässiger Unernst sprach, eine zynisch anmutende Lust, mit der Situation und den Beteiligten des Aufnahmeverfahrens zu spielen. Vielleicht hatte er ja früher auch so geredet. «Die jungen Menschen aus ihrer Komfortzone locken» war so ein Satz gewesen, den auch er in verschiedenen Variationen in den Mund genommen hatte. Warum wurde ihm jetzt so unbehaglich zumute, wenn er ihn von andern zu hören bekam? Wenn er den Ausdruck mit seinen eigenen Kindern in Zusammenhang brachte – vorgestellt in dem Alter, das Studienanwärter im Schnitt mitbrachten – oder wenn er ihn auf Noah und Milena bezog, dann spürte er heftigen Widerwillen gegenüber der Anmassung, dem Machtanspruch, der sich darin verbarg.
Als er sein Fahrrad beim gedeckten Parkplatz an den Pfosten kettete, erneuerte er seinen Vorsatz für die zwei Tage. Wachsam wollte er sein, ein wenig misstrauisch, sich selbst und den Kolleginnen gegenüber.
Auf dem Weg durchs Gebäude traf er Da-ra Baek an, die ihn in ihrem Büro kurz sprechen wollte.
«Es sind zwei Herren der Aufsichtsbehörde im Haus», teilte sie ihm mit. «Ich wollte dir das sagen, bevor du sie antriffst. Sie werden da und dort bei Präsentationen und Gesprächen dabei sein. Aber sie sind auch wegen dir da. Ich dachte, das solltest du wissen.»
Härri war sehr erstaunt.
«Wegen mir? Weshalb? Hat das etwas zu tun mit ...?»
«Mit der Probefrist, die dir von der Direktorin gesetzt worden ist, ja», bestätigte Da-ra. «Sie läuft bald ab. Man hat ihnen wohl den Auftrag gegeben, nochmals nachzuschauen und zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Sie waren schon bei mir.»
Härri war verärgert.
«Und, ist alles in Ordnung?»
Er schob das Kinn vor und sah sie herausfordernd an.
«Bitte reg’ dich nicht auf!», bat ihn seine Chefin. «Es ist mir wichtig, dass das Verfahren gut abläuft. Da braucht es wieder Kooperation. Entgegenkommen von allen. Ihr habt zusammen vorbereitet, Aurelia hat mir berichtet. Das habe gut funktioniert.»
Was die wohl erzählt hat, fragte sich Härri. Aber dann dachte er, vielleicht hat sie so wenig Empathie, dass sie Meinungsverschiedenheiten gar nicht registriert.
«Ja, unsere Themen haben wir jedenfalls hinbekommen», sagte er.
Da-ra sah ihn prüfend an. Sie war barfuss und trug Rot. Schön siehst du aus, verdammt, dachte Härri. Er musste weiter, weg aus ihrer Nähe.
«Also», sagte er, «packen wir’s!», und drehte sich von ihr ab.
«Viel Glück, Lukas», sagte sie, als er sich in der offenen Tür nochmals umdrehte.
Es begann damit, dass Aurelia zu ihm und einer Gruppe von Prüflingen stiess, die sich in der Mittagspause auf einem Zwischengeschoss eingerichtet hatten. Sie sassen auf den Heizungsradiatoren vor dem grossen Fenster und assen ihr Mitgebrachtes oder die Brötchen von Hayoz. Härri hatte sie gerade begrüsst und ihnen einen guten Appetit gewünscht, als Aurelia schnaufend von unten auf dem Treppenabsatz ankam. Sie hatte die Haare frisch und leuchtend rosarot gefärbt, die Lippen im gleichen Ton geschminkt und war so bunt gekleidet wie ein Papagei.
«Ach, süss!», flötete sie, noch etwas ausser Atem. «Ihr hockt da wie Vögelchen auf der Stange. Ich bin Aurelia. Ich weiss nicht, ob ich mir eure Namen werde merken können. Wahrscheinlich nicht.»
Was für eine Begrüssung! Härri war es peinlich.
«Wir sehen uns nachher», versuchte er abzulenken und zog Aurelia am Ärmel. «Komm, wir müssen noch schauen, ob der Raum bereit ist.»
Als die zukünftigen Studierenden mit ihrer Zeichnungsprüfung beschäftigt waren – sie hatten ein Modell, das sie mit den Mitteln ihrer Wahl so porträtieren sollten, dass man «seine Persönlichkeit erkennen» sollte – gingen er und Aurelia zwischen den Staffeleien hin und her. Härri achtete darauf, dass er nicht zu lange bei einer Person stehen blieb, um sie nicht zu verunsichern. Wenn es ihm offensichtlich erschien, dass jemand steckengeblieben war und nicht weiterwusste, sprach er ein paar aufmunternde Worte, die sich auf den Prozess bezogen. «Es hilft, einfach so zu tun, als wüsste man, wie es geht», sagte er zum Beispiel. Oder: «Keine Bange, es gibt kein richtig oder falsch bei dieser Aufgabe.» Er dachte von solchen freundlich geäusserten Bemerkungen, dass sie von den zwei im Hintergrund sitzenden älteren Herren nicht als unerlaubte Hilfestellung interpretiert werden konnten. Wie Statler und Waldorf aus der Muppetshow hocken sie da, dachte er. Im gleichen Moment stiess Aurelia einen tiefen Seufzer aus.
«Ach, wie bin ich froh, dass ich nicht mehr zeichnen muss!», posaunte sie durch den Raum.
Härri war sauer auf Aurelia nach diesen zwei Vorfällen. Eigentlich wollte er sie zur Rede stellen, aber sie schien es zu ahnen und ging ihm in der Pause und nach Abschluss der Prüfung aus dem Weg.
Am nächsten Morgen standen drei Einzelbefragungen auf dem Programm, die er mit Aurelia und Ksenjia zusammen in einem kleinen Vorbereitungs- und Bibliotheksraum durchzuführen hatte, diesmal in der Spinnerei. Mit dem Ortswechsel war die Absicht verbunden, den zukünftigen Studierenden beide Standorte des Instituts vorzustellen. Der Raum war in einem giftigen Gelbgrün gestrichen, was Härri heute unangenehm auffiel. Es gab ein grosses Fenster, das von zwei diagonalen Stahlstreben durchkreuzt wurde. Draussen drückte die Sonne durch eine dichte, weissgraue Wolkendecke. Kopfweh-Licht, dachte Härri. Er konnte nicht verhindern, dass sich die zwei Frauen auf das Sofa setzten, das mit einem zerwühlten, dunkelgemusterten Tuch bedeckt war. Aurelia, wie zufällig unter einem Poster von Marilyn Monroe, heute mit einer gestrickten Jacke, regenbogenfarbig gestreift. Um ihren Hals hatte sie ein Duzend Ketten gehängt, aus Acrylglasperlen in Leuchtgelb. Die Haare hielt sie sich zurück mit einem Reif, von dem kleine, rosafarbige Katzenöhrchen abstanden. Ksenjia, wirkte brav und fast altjüngferlich daneben. Streng gerade geschnittene Fransen über hoher weisser Stirn, die sie fast immer in angestrengte Falten legte. Sie trug dunkelbraune Manchesterhosen, darüber ein grünlich-braunes Strickjäckchen. Nur ein schmales Band, das dicht um ihren drahtigen Hals geschlungen war, hatte eine auffällige rote Farbe. So sass das Paar nebeneinander, in Erwartung des ersten Kandidaten. Härri stellte einen drehbaren Bürostuhl den Frauen gegenüber, auf die andere Seite des Clubtischchens, das die Mitte einnahm. Dann nahm er sich einen zweiten und setzte sich im rechten Winkel zu ihnen.
Die Gespräche mit den zwei jungen Frauen, die zuerst dran waren, verliefen ruhig. Nur einmal musste Härri die Fragen wieder zurück zur Kunst und zur Ausbildung lenken, als Ksenjia nach Einstellungen und Haltungen zu fragen begann, die seiner Meinung nach nichts mit dem Studium zu tun hatten. Aurelia hatte auch gleich nachgehakt, als sie die Gelegenheit sah, über Feminismus zu reden. Dagegen hätte Härri nichts gehabt, wenn nicht beide ihre Fragen derart suggestiv gestellt hätten, dass den Kandidatinnen nur die Wahl blieb, das ihnen Untergeschobene zu bestätigen oder aber dumm dazustehen.
Vor dem dritten und letzten Anwärter rissen sie die Fenster auf um zu lüften. Härri holte frisches Mineralwasser vom Spender draussen im Gang, dann besprachen sie die vergangenen Anhörungen.
Als der dritte und letzte Kandidat hereinkam, knisterte es von Beginn an im Raum. Es war ein junger Mann mit russischen Wurzeln. Sehr kurzer Haarschnitt über einem ebenmässigen, hübschen Gesicht, das einen einstudiert wirkenden, gelangweilten Ausdruck zur Schau stellte. Er trug einen Hoodie in Altrosa, dazu braunviolette Hosen aus einem feinen Leder. Die sorgsam gepflegten Nägel hatten dieselbe Farbe. In seinem rechten Ohrläppchen steckte ein geschwärztes Metallrohr. Er flätzte sich auf den Stuhl und drehte das eine Bein um das andere. Die Bewegungen von Kopf, Hals, Schultern und Armen waren weich, fliessend. Er machte oft eine beidhändige Geste mit den Handrücken voran, was seine Fingernägel zur Geltung brachte.
Tuntig fand ihn Härri. Dabei gefiel ihm, was der Junge erzählte. Über die unterschiedlichen Kulturen seines Herkunftslandes und der friedlichen Schweiz. Von seiner Motivation, Kunst zu studieren, seinem Interesse für Film und Theater. Auch für Malerei. Seine Einschätzung des noch immer vorherrschenden Akademismus in Russland beeindruckte Härri. Ein kluger Kopf!
Dann aber drängten sich seine beiden Kolleginnen vor. Ihre Blicke und Körperhaltungen waren ganz anders als bei den jungen Frauen vor der Pause. Sie rutschten vor und zurück auf ihrem Sofa, rissen die Augen auf, stellten beim Reden die Köpfe schräg. Lachten sich zwischendurch zu, wenn der junge Mann etwas bestätigt hatte, was sie gerne von ihm hören wollten. Es fehlte noch, dass sie sich abklatschten. Härri konnte es nicht glauben: die beiden flirteten schamlos mit dem Prüfling, der dies längst bemerkt hatte und nun ein raffiniertes, dandyhaftes Spiel aufzog. Je begeisterter das Gebaren der Frauen, desto ölig-schläfriger wurde seines. Während ihre Stimmen in der Tiefe raunten um gleich darauf in ungeahnten Höhen zu zwitschern, wurde seine immer leiser, gleichmütiger und abwesender, der Blick immer müder. Folgerichtig bewegten sich die Fragen der Frauen – Härri hatte es aufgegeben, er schaute und hörte betreten zu – nun in Richtung ihres Lieblingsthemas, der Sexualität. Wie durch einen Vorhang hörte Härri Aurelias Frage:
«Wenn du dich einer Gruppe zuordnen würdest, wäre das pansexuell, nicht wahr?»
«Nein», antwortete der junge Mann.
«Ah, interessant». Aurelia bemühte sich, ihre Enttäuschung zu verstecken. «Und warum nicht?»
«Weil ich nicht an Sexualität glaube», antwortete er kühl.
Härri stand auf, murmelte eine Entschuldigung und verliess den Raum. Er konnte sich gerade noch zurückhalten, die Tür zuzuschlagen.
In der darauffolgenden, längeren Pause, als sich Härri aus dem Automaten im Dozentenzimmer einen Kaffee in den Becher laufen liess, gingen die zwei Kolleginnen wie Furien auf ihn los. Sie kümmerten sich nicht darum, dass ringsum bald alle Gespräche verstummten und man ihnen betreten zuhörte.
«Sag mal, hast du sie noch alle?», fauchte ihn Ksenjia an. «Du kannst doch nicht einfach davonlaufen, wie sieht denn das aus?»
Auch Aurelia schimpfte: «Und wann und wie gedenkst du nun die Besprechung zu machen? Du hast ja den Schluss gar nicht mitbekommen, das war nämlich hochinteressant, was Juri da noch gesagt hat.»
Härri hatte seinen Entschluss schon gefasst. Er werde von seinem Recht Gebrauch machen, einen eigenen Bericht zu schreiben zu der Befragung. Und sich für ausserstande erklären, eine Beurteilung abzugeben.
Aurelia wusste, was dies bedeutete. Die Befragung musste wiederholt werden. Sie war ausser sich.
Aber es kam noch schlimmer. Härri hatte sich etwas beruhigt und fühlte sich imstande, seine letzte Aufgabe des Tages zu erfüllen. Es ging um die Präsentationen zweier Anwärter, beides Männer, die in einem Dialog ihr Verständnis von Kunst darlegen und diskutieren mussten. Dies sollte vor je einem ausgewählten Werk aus den Dossiers geschehen. Sie hatten sich bereits in einem der grossen Atelierräume eingerichtet, der eine vor einem grossen Bildschirm, auf dem er einen Film zeigen wollte, der andere vor einer bemalten Bahn aus Leinwand, die an einem Deckenbalken aufgehängt war und sich nach einem Bogen auf dem Fussboden wie ein Teppich fortsetzte. Die Zusammensetzung der Dozenten hatte mit den Medien zu tun, in denen die angehenden Künstler arbeiteten. Härri war für die von der Decke hängende Malerei zuständig, Arjeta für die technischen Qualitäten des Films. Und weil dieser eine Performance zeigte, war auch Ksenjia wieder dabei. Sie behandelte Härri wie Luft, was ihn weniger störte als die beiden alten Herren, die sich wieder im Hintergrund einrichteten.
Zuerst drehte sich die Diskussion um die konkreten Werke und Härri begann sich fast schon wohlzufühlen. Er insistierte auf Genauigkeit in der Wahrnehmung dessen, was auf der Leinwand zu sehen war und erkundete durch weitere Fragen, wie offen und selbstkritisch der Kandidat sein Werk zu sehen vermochte. Dieser machte seine Sache gut, wie er fand. Auch beim andern ging man zuerst von einer Werkbetrachtung aus, die sich allerdings schnell auf die Person des jungen Künstlers fokussierte, weil er auch Protagonist der dokumentierten Performance war, die Härri im Übrigen langweilig fand. Er hatte das Gefühl, sehr ähnliche Stücke schon dutzendfach gesehen zu haben, aber dazu musste er zum Glück nichts sagen.
Er wusste nicht, wie es geschehen konnte. Es war eigentlich abgemacht gewesen, dass man die zwei Prüflinge auch danach fragen werde, wie weit sie für die Kunst gehen würden. Darunter hatte Härri die Frage nach ihrer Bereitschaft zur Professionalität verstanden, ob sie unter anderem dazu bereit seien, ausschliesslich Kunst zu machen und dafür eine prekäre wirtschaftliche Situation in Kauf zu nehmen, wenigstens für eine gewisse Zeit. Als nun aber Ksenjia die Frage an den Performer stellte, mit dem sie sich vorher ausführlich über den Mut zur «Selbstentäusserung» unterhalten hatte, holte dieser tief Luft und setzte zu einem markerschütternden Schrei an. Alle zuckten erschrocken zusammen, und selbst Ksenjia riss die Augen auf. Dann aber klatschte sie begeistert in die Hände.
«Wow, was für eine Kraft!» stiess sie bewundernd hervor. Dann richtete sie sich an den Maler.
«Und du, wie weit würdest du gehen für die Kunst?»
Und als ob nichts dabei wäre, setzte dieser zu einem minutenlangen Monolog an. Er habe sich schon ein paarmal überlegt, was das ultimative Bild wäre, das er auf die Leinwand bringen könnte. Dabei sei seine Phantasie folgende: Er richte ein grosses Hochformat ein, einen Meter zwanzig breit und zwei Meter dreissig hoch, mit einer klassischen Grundierung. Dieses lege er auf den Boden. Dann stelle er sich davor, übergiesse sich mit Benzin und zünde sich an. Lege sich brennend auf die Leinwand ...
Härri unterbrach ihn, kreideweiss im Gesicht. Er versuchte, seiner Stimme Festigkeit und Ruhe zu verleihen.
«Ich hoffe, dass du das nie tun wirst.»
Dann wandte er sich an seine Kolleginnen, und in Gedanken auch an die beiden Männer der Aufsicht, die er in seinem Rücken wusste.
«Als Mitglied des Vorstands von «Art Gender Planet» breche ich die Veranstaltung an dieser Stelle ab. Wir haben heute Fehler gemacht, und ich entschuldige mich im Namen des Instituts dafür. Wir sollten gewisse Grenzen weder verwischen noch überschreiten. Dazu gehört ein klarer, transparenter und bewusster Umgang mit dem Machtgefälle, das in Aufnahme- und Prüfungsverfahren besonders deutlich wird. Junge Menschen sollten sich in unserer Institution zu eigenständigen Personen entwickeln und nicht zu Handlungen oder Äusserungen verführt werden, die ihnen nicht guttun, oder die gar gegen die Menschenwürde verstossen.»
Arjeta, Ksenjia und die beiden Kandidaten standen wie angewurzelt da, niemand brachte einen Ton heraus. Die zwei alten Männer hatten gemerkt, dass etwas Aussergewöhnliches im Gange war. Sie erhoben sich und kamen näher.
Da richtete sich Härri ein letztes Mal an den jungen Maler.
«Du kannst nichts dafür. Bitte entschuldige. Ich gehe davon aus, dass ihr darüber informiert werdet, wie es weitergeht.»
Dann drehte er sich um, verliess den Raum, dann das Gebäude.
Am übernächsten Tag war er aus Augst verschwunden.
15.5.24
Tastend
Das Jahr hatte zu warm begonnen und damit den Trend vom Vorjahr weitergeführt. Wetterrekorde von Monat zu Monat. Es regnete oft ausgiebig, der Rheinpegel lag seit dem vergangenen November permanent dicht bei der Hochwassermarke. Die Höhenwinde machten laut den Experten viel grössere Schlaufen als früher, und ihre Muster blieben oft wochenlang bestehen, was wiederum Ketten von Südwestwindlagen zur Folge hatte. Am Südhang der Alpen staute sich die feuchte Luft und der erzwungene Aufstieg sorgte dort für grosse Schneemengen. Augst dagegen hatte noch kaum Flocken gesehen diesen Winter. Härri musste seinen Holzvorrat kaum antasten.
Otto Ulich war wieder einmal im Land. Der Hofhistoriker, wie ihn Härri manchmal nannte. Trotz der Meinungsverschiedenheiten, die sie bezüglich Ausrichtung und Zukunft des Instituts hatten, mochte er Ottos analytischen Verstand, und es imponierte ihm die feine Ironie, mit der dieser sich die Welt vom Leibe hielt. Einst hatte er das auch gekonnt, heute erschien es ihm kaum mehr möglich.
Sie hatten eine Serie von Arbeitssitzungen abgemacht, ein paar nur zu zweit, weitere zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Fachbereichen. Mit Aurelia und Ksenija aus der Performance, Miles und Arjeta von IT, einmal auch mit Paul dem Bildhauer, der zum letzten Mal vor seiner Pensionierung dabei war. Da-ra wollte dann und wann dazu stossen, «wenn es ihr Terminkalender zuliesse». Es ging einerseits um die Sichtung und Beurteilung von Textarbeiten aus den Modulprüfungen, andererseits um die Festlegung von Themen und Aufgabenstellungen für das im März bevorstehende Verfahren zur Aufnahme neuer Studierender.
Zunehmend zu diskutieren gab die Verwendung von künstlicher Intelligenz – oder von Sprachmodellen, wie Otto Ulich geduldig aber beharrlich korrigierte – bei der Verfassung von Texten. Man hatte die Erklärung angepasst, mit der die Studierenden bestätigen mussten, ob und in welchem Grad sie ihre Arbeit selbstständig geschrieben hatten, aber das half nur wenig. Ein Problem war zum Beispiel, dass man bei fremdsprachigen Studierenden nun noch weniger wissen konnte, wo sie mit ihren Kenntnissen in den beiden offiziell zugelassenen Sprachen Deutsch oder Englisch standen. Es wurde also noch schwieriger, sie zum Weiterlernen zu bewegen. Ein weiteres bestand darin, dass die Deklaration, wann und wo genau ein Chatbot verwendet worden war, meistens sehr allgemein formuliert war. Otto Ulich war allerdings ein sehr genauer Leser, der an konkreten sprachlichen Eigenheiten erkannte, wenn ganze Passagen aus einer Antwort des Sprachmodells übernommen worden waren. Er zeigte es den Kollegen an Beispielen, die, wenn sie allzu dreist oder ganz einfach dumm waren, die Runde erheiterten.
«Typisch für die Antwort guter Modelle in einem vieldeutigen und komplexen Kontext ist ihre antrainierte Vorsicht in den Aussagen», erklärte Ulich. «Sie verwenden dabei häufiger relativierende Formulierungen wie den Konjunktiv, oder Wendungen in der Art von «es könnte zum Beispiel sein, dass ...» Und dies an Stellen, wo jemand, der gut recherchiert hat, direkter ist in seinen Behauptungen.»
Ulich kramte in dem Stapel von Papieren, die er vor sich liegen hatte, und fuhr dann lachend fort:
«Noch klarer ist die unbearbeitete Übernahme vom Chatbot-Text, wenn ein neuer inhaltlicher Abschnitt so beginnt: Natürlich, hier sind Beispiele für ...» – Oder das hier: Ja, es gab schon in den 1970er-Jahren eine Kunstbewegung, die ... Oder, besonders süss: Guter Punkt! Es ist tatsächlich so, dass ... Man sollte wenigstens nicht vergessen, die freundliche Einleitung wegzustreichen, mit welcher die Programmierer die Illusion eines menschlichen Gegenübers schaffen.»
Es blieb kontrovers, wie mit solch offensichtlicher Unselbständigkeit in der Beurteilung umzugehen sei. Da- ra, die bei einer dieser Sitzungen dabei war, plädierte für Zurückhaltung mit Abzügen bei der Note, da dafür meist eine eindeutige Beweislage fehle. Dafür solle man mit den betreffenden Studierenden das Gespräch suchen und sie in klaren Worten auf die Wirkung ihres Tuns hinweisen. Das Ziel sei letztlich, sie zu einem verantwortlichen Umgang mit der Technologie zu bewegen. Dagegen konnte niemand etwas haben, auch Härri nicht. Aber er fand die absurden Texte erfrischend, die da entstanden, und die verwirrende Vieldeutigkeit der Situation hatte gerade angefangen ihm zu gefallen, als Da-ra mit ihrer politisch korrekten Einordnung die Diskussion beendete. Er konnte den Gedanken nicht loswerden, dass sie gerade etwas verpassten.
Er wollte mit Otto darüber reden, als sie an einem Morgen zu zweit an den Themenformulierungen arbeiteten, aber es gelang ihm nicht, seine vagen Ideen so zu formulieren, dass er dem gewandten Redefluss seines Kunsthistoriker-Kollegen gewachsen war. Dem fehlte aber vielleicht einfach das Sensorium fürs Absurde. Härri wollte ihm am Beispiel von Bildtiteln seines früheren Lehrers Fässler zeigen, welche Art von Themen er für kreativitätsfördernd hielt. Er hatte eine ganze Liste mitgebracht und gehofft, dass er damit ein produktives gemeinsames Brainstorming anstossen könne. Er durfte sie Otto zumindest vorlesen.
Es muss also keiner als der enden, der er heute ist
Entrücktheit für Fortgeschrittene
Vom Glück und seinen Glasknochen ...
Die Avantgarde von hinten
Wenn das Böse siegt, ist dann endlich Ruhe?
Anpfiff zur Biografie
Aber sein Kollege blieb ungerührt und hielt ihm einen Vortrag über die Geschichte der Bildtitel in der Kunst der Avantgarde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, was Härri im Moment gar nicht interessierte. Sie einigten sich auf ein paar in seinen Augen laue Formulierungen und er nahm sich vor, Aurelia und Ksenija um Hilfe zu bitten, obwohl ihm das schwerfallen würde. Er wusste, dass ihn die beiden Frauen nicht mochten. Aber eine Nase fürs Poetische und Absurde hatten sie.
Die versuchte Zusammenarbeit mit Ulich war aber nicht ganz umsonst gewesen. Als sie schon fast fertig waren, erzählte dieser von seiner kranken Katze, mit der er zum Tierarzt gehen müsse. Härri konnte nicht umhin, seinerseits vom Streuner zu berichten, den er wohl nicht mehr so leicht loswerde. Er sei nie der Katzentyp gewesen, schob er nach. Da setzte sich Otto nochmals und fragte:
«Kennst du den Film von Kurosawa: «Madadayo»? «Noch nicht» heisst er auf Deutsch, es war sein letzter. Ich meine, wir haben ihn in der Mediathek. Den musst du dir anschauen, könnte dir gefallen. Es geht um einen pensionierten Professor und um seinen zugelaufenen Kater. «Nora» nennt er ihn, «Streuner» auf Japanisch, wie dein «Stray».
«Es ist nicht «mein Stray»», entgegnete Härri. Aber er versprach, den Film zu holen.
Er konnte sich dazu überwinden, regelmässig zweimal pro Woche sein Atelier aufzusuchen. An seinen grossen Bildern weiterzuarbeiten, traute er sich noch nicht zu, aber er malte kleine Kartons mit ganzen Völkerscharen von Figuren, die er direkt aus der Farbe entwickelte. Er kratzte ihre Konturen in die feuchte Substanz, die er mit Pinselstielen und Stiften verdrängte bis auf den weissen Grund, entwickelte in der gleichen Weise das Licht und den Glanz. Die Tiefen trieb er zu höchster Intensität, indem er sie mit allen dunklen Pigmenten sättigte, die ihm zur Verfügung standen. Beim Farbauftrag versuchte er sich von jeglicher Einschränkung zu befreien. Neben seinen Pinseln und Spachteln verwendete er, was ihm gerade in die Finger geriet: Stücke zerbrochener Plastikbecher, Kartonabfälle, alte Putzschwämme, Kork- und Seifenstücke. Damit zog er die Farbe über die Flächen, tüpfelte, strichelte, zerwühlte sie. Kratzte sie weg, um sie an anderen Orten wieder abzustreifen.
Er hatte Reproduktionen an die Wände gehängt, die er einst in eine «Schmuddelmappe» verbannt hatte, Bilder von Symbolisten: Moreau, Böcklin, Ensor, von Stuck, Čiurlionis, Dora Hitz. Er suchte in seinen Ölskizzen etwas Loderndes, Flimmerndes zu erzeugen, das ihn auf einmal anzog in dieser Malerei, die ansonsten den Mangel aufwies, zu plump, zu direkt auf die grossen Gefühle zu zielen, mit spektakulären Effekten. Er fand dafür die Bezeichnung «Kitsch» noch immer treffend, auch wenn sie – angesichts der unzähligen Brechungen und Ironisierungen in der Kunst der Moderne und Postmoderne – längst für obsolet erklärt worden war, und in der Arbeit mit den Studierenden kaum mehr zu gebrauchen . Die Vorbehalte, die er gegenüber den Anregungen an den Wänden hatte, halfen ihm, zu etwas Eigenem vorzustossen. Und wenn ihm dies in seinen Kartons schon nur ansatzweise gelang, ging er mit wiederhergestelltem Selbstvertrauen zurück in den Alltag der Akademie. Er trug dann etwas Innerliches mit sich, zu dem er in schwierigen Momenten Zuflucht nehmen konnte. Und als ob sie es gespürt hätte, rief ihn in diesen Tagen seine Zürcher Galeristin an, zum ersten Mal seit über anderthalb Jahren. Ob sie sich wieder einmal treffen könnten. Damit meinte sie: ob er endlich wieder male.
Mit Da-ra Baek traf er sich zu einem Mittagessen. Sie hatte ihn unverhofft gefragt, und er war froh, dass es nach einem seiner Morgen im Atelier geschehen war, sonst hätte er sicherlich unter einem Vorwand abgesagt.
Sie sassen sich in dem veganen Restaurant an der Forumstrasse gegenüber und hatten sich zwei Salatschalen bestellt, sie mit Reis, er mit Couscous. Mit Wasser stiessen sie an, worauf Da-ra mit leicht zur Seite gedrehtem Gesicht trank. Das rührte ihn. Sie hatte es ihm damals auf ihrer Terrasse erklärt, es sei ihr anerzogen worden als eine Geste des Respekts gegenüber einer älteren Person, der man als jüngere den Anblick des Trinkens nicht zumuten dürfe.
Da-ra fragte ihn zuerst aus über den Fortgang der Prüfungsvorbereitungen und der Beurteilungen eingegangener Dossiers von Studiumsanwärtern. Erst beim Tee kam sie auf seine New-York-Reise zu sprechen und wollte wissen, wie es ihm ergangen sei. Sofia erwähnte sie nicht, aber es war klar, dass sie mit ihrer Frage auch die Verhandlung meinte. Härri antwortete zögerlich und sehr zurückhaltend. Er konnte aus ihrem Gesicht nicht ablesen, welches Motiv hinter ihrer Frage steckte, und sich selbst traute er nicht, was die Steuerung seiner Gefühle betraf. Er versuchte es mit einem trockenen Bericht über die administrativen Abläufe, die mit Sofias Verurteilung verbunden waren.
«Sie befindet sich jetzt in der Federal Correction Institution in Dunbury, Connecticut», schloss er. «Für drei Jahre. Vielleicht wird dann ein Teil der Strafe auch in Hausarrest oder Freiheit mit Auflagen umgewandelt.»
Da-ra sass längere Zeit schweigend da. Plötzlich erschien ihr Knie über der Tischkante. Sie kümmerte sich nicht darum, wo sie sich befand, hatte das Bein hochgezogen und den Fuss auf die Stuhlfläche gestellt. Dann umfasste sie mit beiden Händen seine Rechte, zusammen mit dem Glas, mit dem er gespielt hatte. Sie sah ihm in die Augen und sagte dann ruhig:
«Ich höre dich.»
Als er später über diese kleine Äusserung nachdachte, wurde er zornig. Im damaligen Moment hatte sie ihm die Tränen in die Augen getrieben und er hatte sich zurückhalten müssen, damit er nicht aufsprang und irgendetwas Verrücktes tat, was hinterher zu bereuen gewesen wäre. Nun fragte er sich, was Da-ra sich eigentlich einbilde. Konnte sie wissen, dass sie ihn schon an Guanyin erinnert hatte? (Natürlich nur an deren Darstellungen!) An die Boddhisattva, «welche die Laute der Leidenden auf dieser Welt hört»? Pff! Er brauchte ihr Mitgefühl nicht! Wer war sie schon? Eine erfolgreiche Künstlerin, gut. Aber für ihn war sie in erster Linie die Chefin an diesem Institut, eine Administratorin. Zugegeben, sie konnte ihn rausschmeissen, bis zum Ablauf der Probefrist sogar besonders leicht (mit einem wegwischenden Winken der Hand, die über dem aufgestellten Knie baumelte, er sah es vor sich). Nie mehr, schwor er sich. Nie mehr sollte sie ihn bei den Eiern packen, bei seinem Selbstmitleid. Und schon gar nicht bei seinem Begehren!
Unruhig ging er im Erdgeschoss seines Hauses hin und her. Für einmal regnete es nicht, aber es war schon am frühen Nachmittag finster. Er riss das Fenster auf und atmete die kühle, feuchte Luft ein, als er die kurzen Begrüssungslaute des Katers hörte. Er kam vom Uferweg aufs Haus zu und als er Härri im Fenster erblickte, stellte er den Schwanz senkrecht, trippelte manieriert auf ihn zu und blinzelte zum Zeichen friedvoller Annäherung. Er war triefend nass, aber Härri konnte das Fenster nicht schnell genug schliessen und bis er ein gebrauchtes Frotteetuch geholt hatte, war der Stubenboden kreuz und quer überzogen mit Pfotenspuren.
«Jetzt bist du mir was schuldig», brummte Härri und besah sich das Muster. Dabei überlegte er, wie er das Tier einmal zur Grundierung einer Leinwand beiziehen könnte. Er rubbelte es mit dem Tuch trocken, zur Strafe etwas grob. Aber den Kater störte es nicht, er schnurrte laut vernehmlich, und Härri stellte erstaunt fest, dass sein Fell nur äusserlich nass gewesen war.
Den Film von Kurosawa, empfohlen von Otto Ulich, sah er sich zusammen mit Milena und Noah an. Er hatte seinen kleinen Beamer aufgestellt dazu und projizierte direkt auf die Wand gegenüber dem Sofa. Die jungen Leute beschwerten sich zuerst, dass das Bild «schlaff» sei im Vergleich zu einem Plasma-Bildschirm, aber nach kurzer Zeit hatten sie sich daran gewöhnt. Vielleicht genossen sie auch die Grösse des Bildes.
Milena fand die Geschichte des alternden Professors furchtbar traurig. Noah durfte sie ein wenig trösten. Er sah in der Geschichte mit dem zugelaufenen Kater eine gute Gelegenheit, Härris Abneigung gegen Katzen als unnötig, ja unberechtigt hinzustellen. Dass der Kater von Professor Uchida ebenfalls «Streuner» hiess, hielten Noah und Milena für «ein Zeichen». Härri schrieb ihren Eifer dem schlechten Gewissen zu, darüber, dass er nie gefragt worden war, ob er ein Haustier wolle.
Härri gefiel der Film. Am besten die Episode, in der die Studenten bei ihrem Professor einbrechen in der Nacht, nachdem er ihnen erzählt hat, dass er sein Haus nicht abschliesse. Sie wollen ihm beweisen, wie fahrlässig dies sei, aber als sie sich mit der Taschenlampe durchs Haus tasten, sehen sie, dass ihr Professor noch viel verrückter ist, als sie gedacht hatten. Sie treffen auf handgeschriebene Pappschilder, von denen sie mit «Liebe Einbrecher» angesprochen und durch die Räume geleitet werden. Zum Spass lassen sie sich auf das merkwürdige Leitsystem ein und müssen dabei immer wieder innehalten, um nicht laut herauszuprusten. Nach einem letzten Schild öffnen sie eine Tür und stehen auf einmal wieder im Freien, auf einer kleinen Gasse, die verstellt ist mit allerlei Blechmüll. Natürlich verursachen sie grossen Lärm, als sie hindurchstolpern, und müssen schliesslich fliehen vor einem Polizisten, der sie gehört hat. Zu ihrem Erstaunen hat der Professor alles gemerkt. In der nächsten Vorlesung zieht er sie gnadenlos auf mit ihrem missglückten Streich.
Als der Film fertig war, wollte Noah von Härri wissen, ob er auch manchmal seine Studenten «verarsche». Er fand den Gedanken lustig und wurde ganz aufgeregt.
«Hnf! Mmmh! Die meinen ja, der Alte sei total doof und gaga. Und dann zeigt er’s ihnen aber. Das vergessen sie nie mehr, oder? Voller Lerneffekt!»
Härri meinte, so ein Erlebnis könne sicher einschneidend sein und die Studenten vielleicht vorsichtiger werden lassen in der Einschätzung anderer Menschen. Aber man könne solche Tricks sicher nicht zum Prinzip machen bei der Erziehung.
«Mein Professor in Hamburg, Fässler, war so ein Trickster. Er wollte unsere Widerstandskraft wecken, indem er pausenlos sarkastische Sprüche klopfte und unsere Bilderideen heruntermachte, die er eigentlich gut fand. Die er manchmal sogar klaute. Er hatte die Theorie, dass im Kunstmarkt nur die Starken überleben, also hat er auf uns rumgehauen ...»
Milena war entrüstet.
«Bööh, so ein blöder Macho! Wieso bis du dortgeblieben?»
«Er war ein guter Maler», antwortete Härri, «ein unerschöpflicher Erfinder! Und er konnte sehr lustig sein. In seltenen, kurzen Momenten war er auch ein guter Lehrer.»
«Warum kümmerst du dich eigentlich um Noah?», wollte sie plötzlich wissen. «Ihr seid manchmal fast wie Papa und Sohn ...»
Härri schaute zu Noah hinüber, der ihn verlegen angrinste.
«Ja, warum eigentlich?», begann er dann. «Es hat vielleicht mit Bruno zu tun, mit meinem Sohn. Als er da war, wollte ich wieder malen. Ich war dran im Arrangement zwischen meiner Frau und mir. Ich hatte Sofia als Baby und Kleinkind aufgezogen, nun war Carmela an der Reihe. Sie war damit einverstanden, aber es fiel ihr sehr schwer. Von mir hat Bruno wenig gehabt, und ich kannte ihn nie so gut wie Sofia. Als er später dasselbe studieren wollte wie ich, hat mich das sehr gefreut, aber es hat uns komischerweise nicht einander nähergebracht. Ich hielt mich sehr zurück mit Kommentaren und Ratschlägen, so sehr, dass ich mich kaum nachzufragen getraute, wie es ihm geht.»
Er machte eine Pause.
«Alter, was habe ich damit zu tun?», wollte Noah wissen.
«Du bist eben nicht mein Sohn», meinte Härri. «Aber ich kann ... Es ist wie ein Nachholen von etwas, was ich mit Bruno gerne erlebt hätte. Es ist entspannter, wenn man nicht in allem verantwortlich ist für einen jungen Menschen. Und wenn die Jungen sich nicht dauernd wehren und sich lösen müssen aus ihrer Verstrickung. Wie Grosseltern mit ihren Enkeln, oder Patenkinder mit ihren Paten.»
«Und Lehrer mit ihren Schülerinnen?», fragte Milena lauernd.
«Das ist kompliziert», fand Härri. «Da kommen wieder Abhängigkeiten dazu, und nicht nur in eine Richtung. Und das ganze Gender- und Geschlechtsding.»
«Hast du mal was gehabt mit einer Studentin?», bohrte sie weiter.
«Nein», antwortete er. «Aber eigentlich geht mir deine Frage zu weit.»
Otto Ulich war wieder einmal im Land. Der Hofhistoriker, wie ihn Härri manchmal nannte. Trotz der Meinungsverschiedenheiten, die sie bezüglich Ausrichtung und Zukunft des Instituts hatten, mochte er Ottos analytischen Verstand, und es imponierte ihm die feine Ironie, mit der dieser sich die Welt vom Leibe hielt. Einst hatte er das auch gekonnt, heute erschien es ihm kaum mehr möglich.
Sie hatten eine Serie von Arbeitssitzungen abgemacht, ein paar nur zu zweit, weitere zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Fachbereichen. Mit Aurelia und Ksenija aus der Performance, Miles und Arjeta von IT, einmal auch mit Paul dem Bildhauer, der zum letzten Mal vor seiner Pensionierung dabei war. Da-ra wollte dann und wann dazu stossen, «wenn es ihr Terminkalender zuliesse». Es ging einerseits um die Sichtung und Beurteilung von Textarbeiten aus den Modulprüfungen, andererseits um die Festlegung von Themen und Aufgabenstellungen für das im März bevorstehende Verfahren zur Aufnahme neuer Studierender.
Zunehmend zu diskutieren gab die Verwendung von künstlicher Intelligenz – oder von Sprachmodellen, wie Otto Ulich geduldig aber beharrlich korrigierte – bei der Verfassung von Texten. Man hatte die Erklärung angepasst, mit der die Studierenden bestätigen mussten, ob und in welchem Grad sie ihre Arbeit selbstständig geschrieben hatten, aber das half nur wenig. Ein Problem war zum Beispiel, dass man bei fremdsprachigen Studierenden nun noch weniger wissen konnte, wo sie mit ihren Kenntnissen in den beiden offiziell zugelassenen Sprachen Deutsch oder Englisch standen. Es wurde also noch schwieriger, sie zum Weiterlernen zu bewegen. Ein weiteres bestand darin, dass die Deklaration, wann und wo genau ein Chatbot verwendet worden war, meistens sehr allgemein formuliert war. Otto Ulich war allerdings ein sehr genauer Leser, der an konkreten sprachlichen Eigenheiten erkannte, wenn ganze Passagen aus einer Antwort des Sprachmodells übernommen worden waren. Er zeigte es den Kollegen an Beispielen, die, wenn sie allzu dreist oder ganz einfach dumm waren, die Runde erheiterten.
«Typisch für die Antwort guter Modelle in einem vieldeutigen und komplexen Kontext ist ihre antrainierte Vorsicht in den Aussagen», erklärte Ulich. «Sie verwenden dabei häufiger relativierende Formulierungen wie den Konjunktiv, oder Wendungen in der Art von «es könnte zum Beispiel sein, dass ...» Und dies an Stellen, wo jemand, der gut recherchiert hat, direkter ist in seinen Behauptungen.»
Ulich kramte in dem Stapel von Papieren, die er vor sich liegen hatte, und fuhr dann lachend fort:
«Noch klarer ist die unbearbeitete Übernahme vom Chatbot-Text, wenn ein neuer inhaltlicher Abschnitt so beginnt: Natürlich, hier sind Beispiele für ...» – Oder das hier: Ja, es gab schon in den 1970er-Jahren eine Kunstbewegung, die ... Oder, besonders süss: Guter Punkt! Es ist tatsächlich so, dass ... Man sollte wenigstens nicht vergessen, die freundliche Einleitung wegzustreichen, mit welcher die Programmierer die Illusion eines menschlichen Gegenübers schaffen.»
Es blieb kontrovers, wie mit solch offensichtlicher Unselbständigkeit in der Beurteilung umzugehen sei. Da- ra, die bei einer dieser Sitzungen dabei war, plädierte für Zurückhaltung mit Abzügen bei der Note, da dafür meist eine eindeutige Beweislage fehle. Dafür solle man mit den betreffenden Studierenden das Gespräch suchen und sie in klaren Worten auf die Wirkung ihres Tuns hinweisen. Das Ziel sei letztlich, sie zu einem verantwortlichen Umgang mit der Technologie zu bewegen. Dagegen konnte niemand etwas haben, auch Härri nicht. Aber er fand die absurden Texte erfrischend, die da entstanden, und die verwirrende Vieldeutigkeit der Situation hatte gerade angefangen ihm zu gefallen, als Da-ra mit ihrer politisch korrekten Einordnung die Diskussion beendete. Er konnte den Gedanken nicht loswerden, dass sie gerade etwas verpassten.
Er wollte mit Otto darüber reden, als sie an einem Morgen zu zweit an den Themenformulierungen arbeiteten, aber es gelang ihm nicht, seine vagen Ideen so zu formulieren, dass er dem gewandten Redefluss seines Kunsthistoriker-Kollegen gewachsen war. Dem fehlte aber vielleicht einfach das Sensorium fürs Absurde. Härri wollte ihm am Beispiel von Bildtiteln seines früheren Lehrers Fässler zeigen, welche Art von Themen er für kreativitätsfördernd hielt. Er hatte eine ganze Liste mitgebracht und gehofft, dass er damit ein produktives gemeinsames Brainstorming anstossen könne. Er durfte sie Otto zumindest vorlesen.
Es muss also keiner als der enden, der er heute ist
Entrücktheit für Fortgeschrittene
Vom Glück und seinen Glasknochen ...
Die Avantgarde von hinten
Wenn das Böse siegt, ist dann endlich Ruhe?
Anpfiff zur Biografie
Aber sein Kollege blieb ungerührt und hielt ihm einen Vortrag über die Geschichte der Bildtitel in der Kunst der Avantgarde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, was Härri im Moment gar nicht interessierte. Sie einigten sich auf ein paar in seinen Augen laue Formulierungen und er nahm sich vor, Aurelia und Ksenija um Hilfe zu bitten, obwohl ihm das schwerfallen würde. Er wusste, dass ihn die beiden Frauen nicht mochten. Aber eine Nase fürs Poetische und Absurde hatten sie.
Die versuchte Zusammenarbeit mit Ulich war aber nicht ganz umsonst gewesen. Als sie schon fast fertig waren, erzählte dieser von seiner kranken Katze, mit der er zum Tierarzt gehen müsse. Härri konnte nicht umhin, seinerseits vom Streuner zu berichten, den er wohl nicht mehr so leicht loswerde. Er sei nie der Katzentyp gewesen, schob er nach. Da setzte sich Otto nochmals und fragte:
«Kennst du den Film von Kurosawa: «Madadayo»? «Noch nicht» heisst er auf Deutsch, es war sein letzter. Ich meine, wir haben ihn in der Mediathek. Den musst du dir anschauen, könnte dir gefallen. Es geht um einen pensionierten Professor und um seinen zugelaufenen Kater. «Nora» nennt er ihn, «Streuner» auf Japanisch, wie dein «Stray».
«Es ist nicht «mein Stray»», entgegnete Härri. Aber er versprach, den Film zu holen.
Er konnte sich dazu überwinden, regelmässig zweimal pro Woche sein Atelier aufzusuchen. An seinen grossen Bildern weiterzuarbeiten, traute er sich noch nicht zu, aber er malte kleine Kartons mit ganzen Völkerscharen von Figuren, die er direkt aus der Farbe entwickelte. Er kratzte ihre Konturen in die feuchte Substanz, die er mit Pinselstielen und Stiften verdrängte bis auf den weissen Grund, entwickelte in der gleichen Weise das Licht und den Glanz. Die Tiefen trieb er zu höchster Intensität, indem er sie mit allen dunklen Pigmenten sättigte, die ihm zur Verfügung standen. Beim Farbauftrag versuchte er sich von jeglicher Einschränkung zu befreien. Neben seinen Pinseln und Spachteln verwendete er, was ihm gerade in die Finger geriet: Stücke zerbrochener Plastikbecher, Kartonabfälle, alte Putzschwämme, Kork- und Seifenstücke. Damit zog er die Farbe über die Flächen, tüpfelte, strichelte, zerwühlte sie. Kratzte sie weg, um sie an anderen Orten wieder abzustreifen.
Er hatte Reproduktionen an die Wände gehängt, die er einst in eine «Schmuddelmappe» verbannt hatte, Bilder von Symbolisten: Moreau, Böcklin, Ensor, von Stuck, Čiurlionis, Dora Hitz. Er suchte in seinen Ölskizzen etwas Loderndes, Flimmerndes zu erzeugen, das ihn auf einmal anzog in dieser Malerei, die ansonsten den Mangel aufwies, zu plump, zu direkt auf die grossen Gefühle zu zielen, mit spektakulären Effekten. Er fand dafür die Bezeichnung «Kitsch» noch immer treffend, auch wenn sie – angesichts der unzähligen Brechungen und Ironisierungen in der Kunst der Moderne und Postmoderne – längst für obsolet erklärt worden war, und in der Arbeit mit den Studierenden kaum mehr zu gebrauchen . Die Vorbehalte, die er gegenüber den Anregungen an den Wänden hatte, halfen ihm, zu etwas Eigenem vorzustossen. Und wenn ihm dies in seinen Kartons schon nur ansatzweise gelang, ging er mit wiederhergestelltem Selbstvertrauen zurück in den Alltag der Akademie. Er trug dann etwas Innerliches mit sich, zu dem er in schwierigen Momenten Zuflucht nehmen konnte. Und als ob sie es gespürt hätte, rief ihn in diesen Tagen seine Zürcher Galeristin an, zum ersten Mal seit über anderthalb Jahren. Ob sie sich wieder einmal treffen könnten. Damit meinte sie: ob er endlich wieder male.
Mit Da-ra Baek traf er sich zu einem Mittagessen. Sie hatte ihn unverhofft gefragt, und er war froh, dass es nach einem seiner Morgen im Atelier geschehen war, sonst hätte er sicherlich unter einem Vorwand abgesagt.
Sie sassen sich in dem veganen Restaurant an der Forumstrasse gegenüber und hatten sich zwei Salatschalen bestellt, sie mit Reis, er mit Couscous. Mit Wasser stiessen sie an, worauf Da-ra mit leicht zur Seite gedrehtem Gesicht trank. Das rührte ihn. Sie hatte es ihm damals auf ihrer Terrasse erklärt, es sei ihr anerzogen worden als eine Geste des Respekts gegenüber einer älteren Person, der man als jüngere den Anblick des Trinkens nicht zumuten dürfe.
Da-ra fragte ihn zuerst aus über den Fortgang der Prüfungsvorbereitungen und der Beurteilungen eingegangener Dossiers von Studiumsanwärtern. Erst beim Tee kam sie auf seine New-York-Reise zu sprechen und wollte wissen, wie es ihm ergangen sei. Sofia erwähnte sie nicht, aber es war klar, dass sie mit ihrer Frage auch die Verhandlung meinte. Härri antwortete zögerlich und sehr zurückhaltend. Er konnte aus ihrem Gesicht nicht ablesen, welches Motiv hinter ihrer Frage steckte, und sich selbst traute er nicht, was die Steuerung seiner Gefühle betraf. Er versuchte es mit einem trockenen Bericht über die administrativen Abläufe, die mit Sofias Verurteilung verbunden waren.
«Sie befindet sich jetzt in der Federal Correction Institution in Dunbury, Connecticut», schloss er. «Für drei Jahre. Vielleicht wird dann ein Teil der Strafe auch in Hausarrest oder Freiheit mit Auflagen umgewandelt.»
Da-ra sass längere Zeit schweigend da. Plötzlich erschien ihr Knie über der Tischkante. Sie kümmerte sich nicht darum, wo sie sich befand, hatte das Bein hochgezogen und den Fuss auf die Stuhlfläche gestellt. Dann umfasste sie mit beiden Händen seine Rechte, zusammen mit dem Glas, mit dem er gespielt hatte. Sie sah ihm in die Augen und sagte dann ruhig:
«Ich höre dich.»
Als er später über diese kleine Äusserung nachdachte, wurde er zornig. Im damaligen Moment hatte sie ihm die Tränen in die Augen getrieben und er hatte sich zurückhalten müssen, damit er nicht aufsprang und irgendetwas Verrücktes tat, was hinterher zu bereuen gewesen wäre. Nun fragte er sich, was Da-ra sich eigentlich einbilde. Konnte sie wissen, dass sie ihn schon an Guanyin erinnert hatte? (Natürlich nur an deren Darstellungen!) An die Boddhisattva, «welche die Laute der Leidenden auf dieser Welt hört»? Pff! Er brauchte ihr Mitgefühl nicht! Wer war sie schon? Eine erfolgreiche Künstlerin, gut. Aber für ihn war sie in erster Linie die Chefin an diesem Institut, eine Administratorin. Zugegeben, sie konnte ihn rausschmeissen, bis zum Ablauf der Probefrist sogar besonders leicht (mit einem wegwischenden Winken der Hand, die über dem aufgestellten Knie baumelte, er sah es vor sich). Nie mehr, schwor er sich. Nie mehr sollte sie ihn bei den Eiern packen, bei seinem Selbstmitleid. Und schon gar nicht bei seinem Begehren!
Unruhig ging er im Erdgeschoss seines Hauses hin und her. Für einmal regnete es nicht, aber es war schon am frühen Nachmittag finster. Er riss das Fenster auf und atmete die kühle, feuchte Luft ein, als er die kurzen Begrüssungslaute des Katers hörte. Er kam vom Uferweg aufs Haus zu und als er Härri im Fenster erblickte, stellte er den Schwanz senkrecht, trippelte manieriert auf ihn zu und blinzelte zum Zeichen friedvoller Annäherung. Er war triefend nass, aber Härri konnte das Fenster nicht schnell genug schliessen und bis er ein gebrauchtes Frotteetuch geholt hatte, war der Stubenboden kreuz und quer überzogen mit Pfotenspuren.
«Jetzt bist du mir was schuldig», brummte Härri und besah sich das Muster. Dabei überlegte er, wie er das Tier einmal zur Grundierung einer Leinwand beiziehen könnte. Er rubbelte es mit dem Tuch trocken, zur Strafe etwas grob. Aber den Kater störte es nicht, er schnurrte laut vernehmlich, und Härri stellte erstaunt fest, dass sein Fell nur äusserlich nass gewesen war.
Den Film von Kurosawa, empfohlen von Otto Ulich, sah er sich zusammen mit Milena und Noah an. Er hatte seinen kleinen Beamer aufgestellt dazu und projizierte direkt auf die Wand gegenüber dem Sofa. Die jungen Leute beschwerten sich zuerst, dass das Bild «schlaff» sei im Vergleich zu einem Plasma-Bildschirm, aber nach kurzer Zeit hatten sie sich daran gewöhnt. Vielleicht genossen sie auch die Grösse des Bildes.
Milena fand die Geschichte des alternden Professors furchtbar traurig. Noah durfte sie ein wenig trösten. Er sah in der Geschichte mit dem zugelaufenen Kater eine gute Gelegenheit, Härris Abneigung gegen Katzen als unnötig, ja unberechtigt hinzustellen. Dass der Kater von Professor Uchida ebenfalls «Streuner» hiess, hielten Noah und Milena für «ein Zeichen». Härri schrieb ihren Eifer dem schlechten Gewissen zu, darüber, dass er nie gefragt worden war, ob er ein Haustier wolle.
Härri gefiel der Film. Am besten die Episode, in der die Studenten bei ihrem Professor einbrechen in der Nacht, nachdem er ihnen erzählt hat, dass er sein Haus nicht abschliesse. Sie wollen ihm beweisen, wie fahrlässig dies sei, aber als sie sich mit der Taschenlampe durchs Haus tasten, sehen sie, dass ihr Professor noch viel verrückter ist, als sie gedacht hatten. Sie treffen auf handgeschriebene Pappschilder, von denen sie mit «Liebe Einbrecher» angesprochen und durch die Räume geleitet werden. Zum Spass lassen sie sich auf das merkwürdige Leitsystem ein und müssen dabei immer wieder innehalten, um nicht laut herauszuprusten. Nach einem letzten Schild öffnen sie eine Tür und stehen auf einmal wieder im Freien, auf einer kleinen Gasse, die verstellt ist mit allerlei Blechmüll. Natürlich verursachen sie grossen Lärm, als sie hindurchstolpern, und müssen schliesslich fliehen vor einem Polizisten, der sie gehört hat. Zu ihrem Erstaunen hat der Professor alles gemerkt. In der nächsten Vorlesung zieht er sie gnadenlos auf mit ihrem missglückten Streich.
Als der Film fertig war, wollte Noah von Härri wissen, ob er auch manchmal seine Studenten «verarsche». Er fand den Gedanken lustig und wurde ganz aufgeregt.
«Hnf! Mmmh! Die meinen ja, der Alte sei total doof und gaga. Und dann zeigt er’s ihnen aber. Das vergessen sie nie mehr, oder? Voller Lerneffekt!»
Härri meinte, so ein Erlebnis könne sicher einschneidend sein und die Studenten vielleicht vorsichtiger werden lassen in der Einschätzung anderer Menschen. Aber man könne solche Tricks sicher nicht zum Prinzip machen bei der Erziehung.
«Mein Professor in Hamburg, Fässler, war so ein Trickster. Er wollte unsere Widerstandskraft wecken, indem er pausenlos sarkastische Sprüche klopfte und unsere Bilderideen heruntermachte, die er eigentlich gut fand. Die er manchmal sogar klaute. Er hatte die Theorie, dass im Kunstmarkt nur die Starken überleben, also hat er auf uns rumgehauen ...»
Milena war entrüstet.
«Bööh, so ein blöder Macho! Wieso bis du dortgeblieben?»
«Er war ein guter Maler», antwortete Härri, «ein unerschöpflicher Erfinder! Und er konnte sehr lustig sein. In seltenen, kurzen Momenten war er auch ein guter Lehrer.»
«Warum kümmerst du dich eigentlich um Noah?», wollte sie plötzlich wissen. «Ihr seid manchmal fast wie Papa und Sohn ...»
Härri schaute zu Noah hinüber, der ihn verlegen angrinste.
«Ja, warum eigentlich?», begann er dann. «Es hat vielleicht mit Bruno zu tun, mit meinem Sohn. Als er da war, wollte ich wieder malen. Ich war dran im Arrangement zwischen meiner Frau und mir. Ich hatte Sofia als Baby und Kleinkind aufgezogen, nun war Carmela an der Reihe. Sie war damit einverstanden, aber es fiel ihr sehr schwer. Von mir hat Bruno wenig gehabt, und ich kannte ihn nie so gut wie Sofia. Als er später dasselbe studieren wollte wie ich, hat mich das sehr gefreut, aber es hat uns komischerweise nicht einander nähergebracht. Ich hielt mich sehr zurück mit Kommentaren und Ratschlägen, so sehr, dass ich mich kaum nachzufragen getraute, wie es ihm geht.»
Er machte eine Pause.
«Alter, was habe ich damit zu tun?», wollte Noah wissen.
«Du bist eben nicht mein Sohn», meinte Härri. «Aber ich kann ... Es ist wie ein Nachholen von etwas, was ich mit Bruno gerne erlebt hätte. Es ist entspannter, wenn man nicht in allem verantwortlich ist für einen jungen Menschen. Und wenn die Jungen sich nicht dauernd wehren und sich lösen müssen aus ihrer Verstrickung. Wie Grosseltern mit ihren Enkeln, oder Patenkinder mit ihren Paten.»
«Und Lehrer mit ihren Schülerinnen?», fragte Milena lauernd.
«Das ist kompliziert», fand Härri. «Da kommen wieder Abhängigkeiten dazu, und nicht nur in eine Richtung. Und das ganze Gender- und Geschlechtsding.»
«Hast du mal was gehabt mit einer Studentin?», bohrte sie weiter.
«Nein», antwortete er. «Aber eigentlich geht mir deine Frage zu weit.»
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