29.7.25

Der Film (latente Bilder)

Der Film musste noch irgendwo sein, da war ich mir sicher, als ich vor ein paar Tagen wieder einmal die Kraft und Entschlossenheit zum Aufräumen fand. Ich hatte damit begonnen, aus der mir riesig erscheinenden Sammlung von Diapositiven – abgelegt über Jahrzehnte in weit über hundert Boxen mit je zwei Magazinen à sechsunddreissig Bilder – je zwei bis fünf Dias auszuwählen, um sie in einem professionellen Geschäft digitalisieren zu lassen. Den Rest meinte ich anschliessend entsorgen zu dürfen. Bei dieser Arbeit stiess ich auf mehrere Ordner mit Schwarzweiss-Filmen und Kontaktabzügen aus der Zeit, als J noch mit seiner ersten Minolta-Kamera fotografiert hatte. Es war mir klar, dass der besagte Film nicht darunter zu finden sein würde, denn J hatte ihn nie entwickelt. Aber dann stiess ich auf eine Schuhschachtel aus Karton, in der sich neben ein paar Probeabzügen etwa ein Dutzend Filmspulen befanden, einige nackt, andere in ihren Büchschen aus Plastik oder Aluminium. Einige waren sogar mit dem Aufnahmedatum und einem Stichwort angeschrieben. Ich ging alle durch, öffnete die kleinen Behälter, ohne mich zu erinnern, wonach ich hätte suchen müssen. Bei einem der nicht angeschriebenen Filme – einem Ilford HP 5 – war die blecherne Hülle sichtbar korrodiert. Als ich das dazu gehörende Büchschen umdrehte, zuckte ich zusammen. Es war auf der Unterseite mit einem eingekratzten Kreuz markiert. Mit einem Schlag kam die Erinnerung zurück.
T, die damals mit J zusammen die Lehre gemacht hatte – als erstes Mädchen in Basel, wie sie immer behauptete, wobei er später herausfand, dass es nicht ganz so gewesen war – T. also hatte immer Mühe damit gehabt, in absoluter Dunkelheit dazusitzen und dabei die knifflige Arbeit zu verrichten, die nötig ist, um einen Film in die Entwicklerbox zu bekommen. Was hiess, zuerst den Zelluloidstreifen zwischen die zwei gegeneinander verdrehbaren Flanken der spiralig gerillten Spule einzuführen und ihn dann mit koordinierten Bewegungen der Handgelenke und mit Hilfe der Zeigefinger in kleinen Schritten von aussen nach innen zu schieben und aufzuwickeln. T. war dabei immer in eine ungeduldige, auch ängstliche Stimmung geraten, vor sich hinredend und bald auch fluchend, weil sie nicht mehr wusste, wohin sie die notwendigen Dinge platziert hatte. Die Schere, oder den Deckel der Box. J dagegen hatte sich immer wohl gefühlt im Dunkeln.
J’s Wohlgefühl konnte ich noch immer reaktivieren, während ich nun seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder in der Besenkammer unter der Treppe sass. Den winzigen, abgeschrägten Raum, in dem ich nur an einer Stelle aufrecht stehen konnte, hatte ich erstaunlich aufgeräumt vorgefunden. Er musste nur staubgesaugt werden, was ich eine halbe Stunde lang sorgfältig tat. Die winzige Arbeitsfläche, einst aus einem Brett und zwei Winkelstützen angefertigt und an der Treppenunterseite gefestigt, war noch da. Ich hatte vor dem Schliessen der Tür und dem Davorziehen des schwarzen Vorhangs alles Nötige auf dem Tischchen zurechtgelegt: Den Film, die Box mit der Spule, den Deckel, die Schere. Die Hände waren gewaschen und sorgfältig getrocknet. Nun schloss ich die Tür von innen ab und setzte mich auf den Stuhl, den ich mit den Kniekehlen erspürte. Wartete dann, bis die Nachbilder auf der Netzhaut verschwanden. Dieser Moment, bevor einem das Gehirn wieder farbige Lichterscheinungen vorgaukelt – nur um sich zu beschäftigen und weil es die Abwesenheit von Reizen nicht wahrhaben will – dieser Moment war etwas vom Schönsten, was ich kannte. Man konnte ihn verlängern, wenn man langsam und tief atmete. In den Tropen, in Afrika, hatte J als junger Mann auf Reisen die plötzliche, dämmerungslose Dunkelheit zu Beginn als bedrohlich empfunden, aber nicht aus Angst vor der Schwärze und den daraus vielleicht hervorbrechenden Gefahren, sondern weil er befürchtete, den Heimweg zu seiner Unterkunft in wenig vertrauter Umgebung nicht mehr zu finden. Ich erinnere mich noch an seine Gangart, die er sich in besonders dunklen Neumondnächten angewöhnt hatte, nachdem er sich einmal an den Rändern schräg liegender Bodenplatten aus Beton die Zehen blutig geschlagen hatte. Seitdem hob er in solchen Nächten die Füsse, indem er die Knie hochzog wie ein Sportler beim Training, auch wenn es lächerlich aussehen mochte. Es sah ihn zwar kaum jemand bei diesen Gelegenheiten, aber seine Bewegungen erinnerten ihn in peinlicher Weise an Versuche mit der «Gangart der Kraft», von der er mit sechzehn, siebzehn Jahren in den Büchern Castanedas gelesen und mit der er damals, als er noch an die Authentizität dieser Texte glaubte, experimentiert hatte. Er trug auf Reisen für den Notfall eine Taschenlampe auf sich, und bemühte sich sorgfältig, dass sie jederzeit genügend geladene Batterien enthielt. Licht zu haben, jederzeit Licht ins Dunkel bringen zu können, war ihm wie der Inbegriff der Zivilisation vorgekommen, von der aus man sich Ausflüge ins Lichtlose leisten und sich dort – mit wohligem Gruseln – sogar für eine Weile einrichten konnte. Gewisse Tätigkeiten liessen sich aber ohne Licht gar nicht verrichten: Lesen, schreiben, zum Beispiel. Und kompliziertere Dinge wie den Fotoapparat von Staub befreien oder die wund gelaufenen Stellen an den Füssen versorgen.

Die Zeit vor fünfhundert Jahren war viel dunkler als unsere. Erasmus muss von Kindsbeinen an daran gewöhnt gewesen sein, sich um Licht zu kümmern. Er wusste um dessen Unabdingbarkeit in manchen Situationen, aber auch um die Wirkungen, die Helligkeit auf unsere Seele und den Geist ausüben. Im Übergang zwischen Jugend und Erwachsenwerden, im Kloster von Stein, stahl er sich zwischen den streng geregelten Tätigkeiten, zu denen auch, eingerahmt von der letzten Abendandacht und der Frühmesse, ein paar Stunden Schlaf gehört hätten, seine private und verbotene Arbeitszeit beim Licht einer Kerze oder Öllampe und schrieb das erst viel später gedruckte Pamphlet «Gegen die Barbaren», seine Klage gegen geistige Dunkelheit, gegen das Verbot der «heidnischen» Literatur und die Unterdrückung des kritischen Lernens. Lucubratio heisst auf lateinisch die Arbeit bei Nacht, bei künstlichem Licht, und lucubratiuncula nannte Erasmus später zuweilen in scherzhaftem Diminutiv seine Werke.

Der Film war ganz eingedreht, also musste ich die metallene Kapsel öffnen. Lebhaft erinnerte Erfahrungen bewahrten mich davor, dazu die Fingernägel zu gebrauchen. Ich tastete stattdessen nach der Schere, setzte sie mit leicht geöffneten Spitzen am Rand des Kapseldeckels an und versuchte, ihn wegzudrücken. Zuerst widerstand er meiner Anstrengung, aber als ich die Kapsel etwas gegen den Spalt hin zusammenpresste, flog der Deckel davon und klingelte in der Dunkelheit zu Boden. Ich zog den Film sorgfältig aus seinem Behälter, der nun leicht klaffte, und achtete darauf, dass er sich dabei nicht entrollte, indem ich ihn mit der linken Hand so umschloss, dass ich möglichst nur die Kanten berührte. Es war erstaunlich, wie sich meine Hände in absoluter Dunkelheit erinnerten. An den Fingern meiner Rechten steckte die Schere, gleichzeitig konnte ich mit ihnen den schmalen Anfangsteil des Films ertasten, der abzuschneiden war. Dabei spürte ich am Rand des Zellulosestreifens eine Kruste – ein schlechtes Zeichen. Es bedeutete, dass der Film mit der Korrosion des Blechs der Hülle reagiert hatte. Man würde sehen, dachte ich, und begann damit, den Film in die Spule einzuführen. Er liess sich problemlos weitertransportieren, ausser zweimal, wo er wegen der Kruste am Rand steckenblieb. Ich konnte die Widerstände aber wegpulen, dann lief es wieder. Schliesslich spürte ich die leere Metallspule an meinen Daumen. Ich ertastete die Schere und schnitt sie vom Film ab, verdrehte die Räder aus Plastik noch ein paarmal gegeneinander, damit auch das Filmende sicher versorgt war. Dann griff ich nach dem Deckel der Dose, setze ihn auf das Gewinde und erkundete mit leichter Drehung, ob er geradesass und sich leicht zuschrauben liess. Als der Behälter dicht verschlossen war, konnte ich das Licht anschalten. Wie auch früher immer zögerte ich einen Moment und überlegte, ob ich an alles gedacht hätte. Dann machte ich hell.
Der Filmstreifen war nun sicher in seinem lichtlosen Behälter untergebracht. Ich hatte frische Chemikalien besorgt um ihn zu entwickeln und zu fixieren. Zusehen dabei, wie die latenten Negativbilder langsam auftauchen, kann man nicht. Obwohl ich die nötigen Manipulationen unzählige Male vollzogen hatte in meinen jungen Jahren, wollte ich sichergehen und las auf einem Beipackzettel nochmals nach. Neben der Wichtigkeit frischer Entwickler- und Fixierlösung wurde sorgfältiges und ausgiebiges Wässern zwischendurch und am Schluss betont. Um auch hier sicher zu gehen, spülte ich die Dose zum Schluss viermal, wobei ich die Anzahl der Kippbewegungen von drei auf vierundzwanzig steigerte. Dann durfte ich die Dose öffnen. Aufgeregt nahm ich die Spule heraus und sah sofort, dass sich Bilder auf dem Film befanden. Als das obere Rad abgedreht war, liess ich den Film vorsichtig in den Plastikkübel mit Wasser fallen, dem ich ein paar Tropfen Benetzungsmittel zugefügt hatte. Dann konnte ich nicht widerstehen, packte das eine Ende des Streifens und hob ihn hoch. Meine Augen suchten und fanden die zwei Bilder des Grabes sofort, obwohl sie als Negativ sehr abstrakt aussahen. Aber das feine, gegen das Fussende leicht zusammenlaufende Rechteck des Sarges war gut zu sehen. Beim Kopfteil, um das es mir wegen des Schädels ja ging, war das eine Bild durch die Korrosion angefressen. Ich liess den Film zurück ins Wasser gleiten und holte eine Lupe.

24.6.25

Rausch

Wenn ich wüsste, was ihn damals umtrieb. Die Schule, dieses seltsame, elitäre Männerbiotop, langweilte ihn fast durchgehend. Selten engagierte er sich mehr als für ein knappes Weiterkommen nötig war, wie jenes eine Mal, als er zum Erstaunen des Lehrers und der Klassenkameraden einen fulminanten Vortrag über die Verwendung von Drogen in der islamischen Kultur hielt. Wobei er sich auf die Medizin konzentrierte, die in dem Buch, auf das er sich hauptsächlich bezog, den geringeren Teil ausmachte. Aber er hielt es für besser, die hedonistischen und mystisch-transzendenten Motive der orientalischen Haschisch- und Opium-Esser nicht ins Zentrum seiner Ausführungen zu rücken, da er damals schon seine ersten Erfahrungen mit halluzinogenen Substanzen gemacht hatte, wovon einzelne Menschen in seiner Umgebung auch Kenntnis hatten.
Ausserhalb der Schule schuf er sich eine Parallelwelt, die ihn zunehmend beschäftigte und ausfüllte, oft auch in Atem hielt. Da er Geld brauchte für die stetig anwachsende Plattensammlung und die Aufrüstung seiner Musikanlage einerseits, andererseits zur Finanzierung der Trips an den Wochenenden, hatte er mit einem frühmorgendlichen Job begonnen: er putzte in einem der Gebäude der Basler Börse von halb sechs bis etwas nach sieben Uhr morgens. Seine Tour war eigentlich auf drei Stunden angesetzt, aber er legte sich ins Zeug und schaffte es in der Hälfte der Zeit. Auf dem anschliessenden Weg in die Schule traf er am Rheinsprung öfter mal auf den Lateinlehrer, der wohl seinen Wohnort kannte und sich wundern mochte, weshalb J aus dieser Richtung kam. Aber er sagte nichts dazu. So war das damals, man liess sich gegenseitig in Ruhe.

Als J seine ersten LSD-Trips einwarf, waren sie noch relativ teuer. Für einen kleine Tablette, die in einem illegalen Labor produziert worden war, zahlte er fünfzehn bis achtzehn Franken, was viel Geld war. Damit konnte man sich fast eine Langspielplatte kaufen. Dazu musste er lernen, dass man nicht wissen konnte, wie viel LSD sie enthielten, weil oft andere Stoffe beigemischt waren. Manche Pastillen liessen sich halbieren oder sogar vierteln, wobei die Verteilung der Substanz darin nicht gleichmässig war, weil sie nicht in einer professionellen Fabrikation hergestellt wurden. Nur ab und zu bekam er etwas aus den Labors der Sandoz. Da hatte er einen guten Freund, Hanspeter, genannt Hampe, der dort Laborant war. Hampe starb später leider an einer Überdosis, als das Heroin kam. Aber auf solchen Wegen wurden chemische Stoffe aus der Sandoz herausgeschmuggelt. Das war sehr reines LSD in Form kleiner, durchsichtiger Plättchen, die wie ein Stück Film aussahen und sich gut teilen liessen. Zudem fielen insgesamt die Preise, so dass die Einnahme für eine «Reise» schliesslich auf etwa fünf Franken kam.
J hat sich auch illegal betätigt. Was in seiner Stadt, in Basel, aus den Chemielabors kam, war nur sehr unregelmässig verfügbar. Da ging es wie gesagt um den Gelegenheitsklau von Laboranten, die dort gearbeitet haben. Wo aber regelmässig und in genügender Menge LSD-Trips hergestellt wurden, vor allem 1968, das war im Umkreis der amerikanischen Soldaten in Deutschland. Und der nächstgelegene Ort, wo es ein grosses Umfeld von amerikanischen Kasernen gab, war Heidelberg. Da fuhr man hin. J bevorzugte die Eisenbahn. Er kannte Leute, die machten das mit einem dicken Auto, z. B. Heinz mit seinem Chevy Impala. Der war natürlich sehr auffällig, wenn er zurückkam an die Grenze. Mit einem Riesenauto und drei, vier verwegenen Typen drin, ziemlich dumm war das. J hat sich mit einem Deutschen zusammengetan, den er gut kannte. Sie fuhren nach Heidelberg, füllten die Tabletten in einen Filzstift oder einen Caran d’Ache-Bleistift und steckten die in ihre Taschen. Da kamen die Polizisten nicht so schnell drauf. Oder was sie manchmal auch machten: den Stoff einpacken und dann in der Deutschen Bahn im Papierkorb verstauen. Denn sie wurden öfter mal gefilzt. Wenn man wie J lange Haare hatte, schauten die Beamten genau hin, weil sie ahnten, dass da was lief. Und sie wussten natürlich, dass in den Zügen aus dem Frankfurter Raum oder aus Heidelberg Drogen transportiert wurden. Wenn man es also über die Grenze geschafft hatte, wurde verteilt. Es war kein Gewinngeschäft, sie empfanden und bezeichneten es nicht als Dealen, sondern man hat vier, fünf, oder sechs Stück für sich behalten und die restlichen zwanzig mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis verkauft. Auf der Gasse. Die «Klagemauer» auf dem Barfüsserplatz war dafür beliebt, und das Café Oasis in der Greifengasse, das es heute nicht mehr gibt.
Die gekauften Portionen wurden geteilt und dann zusammen eingenommen. J und seine Freunde trafen sich an einem ruhigen Ort, spazierten zum Beispiel auf die Muttenzer Höhe, manchmal auf das Bruderholz. Oder man ging zu jemandem nachhause, wo es eine gute Musikanlage und genügend Schallplatten gab. Jemand kochte Tee und vielleicht wurde noch eine Pfeife geraucht, je nach den Leuten, die da zusammenkamen. Es handelte sich um Zweier, Dreier- Vierer-, selten auch Fünfergrüppchen. Im Wald und in der Natur konnten es bis zu zehn Personen sein. Meistens wusste jemand Bescheid, ob man die Tabletten teilen konnte oder ob man eine ganze nehmen musste, weil das LSD gestreckt war. Obwohl die Zusammensetzung der jugendlichen Gruppen immer wieder wechselte, fühlte es sich für J an wie eine verschworene Gemeinschaft, wie etwas Neues, ganz Anderes im Vergleich zu seinem Zuhause und zur Schule. Man entwickelte eine eigene Sprache für das, was man tat und erlebte. Und die Trips warfen einen um.

Er wollte sehen und hören. Ich weiss nicht, warum er sich bei seinem ersten Versuch das Kommende wie Kino vorstellte, oder wie den Besuch einer Oper. Man kennt halt nichts anderes: Er, als Beobachter und Zuhörer, als feste Bewusstseinsinsel im Zuschauerraum. Dort, auf der Bühne – und um ihn herum auch die nachbarliche Umgebung, die Logen mit gleichzeitig Teilnehmenden – findet «das Geschehen» statt, das, «was gespielt wird». Als der Rausch einsetzte, wollte er sich noch eine Weile an seine Erwartung klammern. Objektiver Beobachter bleiben, der später davon erzählen, das Erlebte irgendwie festhalten könnte. Aber es erwies sich als unmöglich, ja es schien sogar, als ob sein Widerstand – wogegen? was, wer trieb die Dynamik an? – sich auswirkte wie Böen, die in ein an sich schon lebhaftes Feuer bliesen. Hören und Sehen verging «ihm», oder vielmehr, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung blähten sich auf und vervielfältigten sich dermassen, dass es «ihn» nicht mehr gab. Jedenfalls nicht so, wie er sich kannte. Ich erinnere mich, dass ihm die Bäume eine wichtige Rolle spielten und mit ihnen eine Mischung aus Ehrfurcht und ästhetischem Genuss verbunden war. Dass sie in den Farben eines «schwarzen Regenbogens» leuchteten – es war mittlerweile Nacht geworden –, war noch ihre harmloseste Eigenheit. Sie waren in ständiger Bewegung, stürmten immer wieder als rauschende Horde in irgendeine Richtung, blieben dann stehen, oft ganz schräg. Ein allwissender Beobachter hätte vielleicht feststellen können, dass dies nur für diesen halluzinierenden Jungen so stattfand, und zwar dann, wenn er den Kopf bewegte. Die Bewegungen der Bäume waren furchtbar erschreckend und lustig. Ihre Wurzeln verbanden sich miteinander, Seh- und Hörnerven, mit denen sie alle zusammen «sahen und gesehen wurden», «horchten und gehört wurden». Die Blätter, Millionen in «schwarzem Neon» leuchtender und wie Glasröhren glöckelnder Aug-Ohren – man sah und hörte sie, man war sie, sie sahen-hörten sich und alles, sie erschufen das Gesehene und hörten das Erschaffene. Der Hügel, auf dem sich die kleine Gruppe der Berauschten befand, war zu einem Schiff von ungeheuren Ausmassen geworden. Die Stadt, deren Lichter aus der Flussebene heraufleuchteten, war ein Meer, gewoben aus edelsteinfarbigen Wellen, wobei diese Zuordnungen, zum Hügel, zur Stadt, völlig aufgehoben waren und erst post festum angestellt werden konnten. Er fuhr tatsächlich auf einem inselgrossen Schiff, auf dem Meer, dass sich in seiner Tiefe mit dem Weltall vereinte. Und er war Schiff, Meer, Weltall.

Die Dauer eines Trips war von verschiedenen Faktoren abhängig. Die Dosierung wurde 1970, 1971 noch schwieriger, als der Handel kommerzialisiert und damit auch kriminell wurde. Auf einmal traf J Typen auf der Strasse, vor denen er Angst haben und notfalls davonrennen musste. LSD wurde rücksichtslos gestreckt oder mit anderen Stoffen versetzt. Beliebt war es zum Beispiel, ein wenig LSD mit viel Amphetamin oder damit verwandten Stoffen zu mischen, die eine aufputschende Wirkung hatten und auch halluzinogen wirken konnten. So wurden negative Nebenwirkungen verstärkt und es kam vermehrt zu Horrortrips, bei denen die Leute durchdrehten. Und auch ihm passierte das einmal. Wobei er es selbst gar nicht als Horrortrip erlebte, aber wie ihm danach erzählt wurde, habe er «sehr psychotisch» gewirkt. Für ihn war es einfach eine starke Erfahrung gewesen. Angstzustände hatte er sonst kaum je. Er erklärte es sich mit seiner Grundkonstitution. Wenn man einen Hang zur Paranoia hatte, wurde der verstärkt. Er erlebte Dealer, die auf dem Trip mit riesigen Augen herumliefen, panisch um sich schauten und immer meinten, die Polizei sei da. Ihre dauernde Wachsamkeit und Angst in nüchternem Zustand vereinten und verstärkten sich unter Drogen zum Horror vor dem Monster.
Kombiniert wurde der Konsum von LSD oft mit Rauchen von Haschisch, oder mit Kiffen. Und später mit Amphetamin und allen möglichen anderen Drogen. Wenn wieder etwas Neues kam, war es schlau, zuerst nur ganz wenig einzunehmen. Oder sich umzuhören und nachzufragen bei denen, die es schon versucht hatten. Von vielem musste man ganz die Finger lassen. Das Zeug hatte lustige, oft auch zynische, irreführende Namen. Einmal tauchten Tabletten auf, die relativ teuer waren und so stark in ihrer Wirkung, dass man sie vierteln konnte. Die hiessen «Peace Trips», dabei waren sie mit Strychnin versetzt. Und dann gab es die «Heidelberger Fürze», da war das LSD mit Amphetamin, mit Speed, angereichert. Dazwischen gab es eher poetische Namen wie den «Sunshine Trip», der von recht guter Qualität war. Die Tabletten hatten ihr je eigenes Design und verschiedene Farben. Etwas Besonderes waren die Fliesspapiere, worauf das LSD getröpfelt wurde, meist in reiner Qualität, weil es direkt aus den Labors kam. Diese Papiere hat man dann zerschnitten. Sie waren nicht geeignet für den Transport, weil die Droge in dieser Form flüchtig war.
Aber die Entwicklung insgesamt war verstörend. Immer öfter wurden in Js Umfeld Drogenmischungen gespritzt. Das war gefährlich, und ihm wurde klar, dass er da nicht mitmachen wollte. Er kannte Leute, die sich wahnsinnige Cocktails in die Venen pumpten. Einige überlebten das nicht oder nur noch drei, vier Jahre lang. Es war brutal und machte ihn sehr traurig. Zwei gute Freunde blieben auf der Strecke, weil ihr Herz irgendwann nicht mehr mitmachte. Und als dann noch das Heroin dazukam, zwischen 1970 und 71, wurde es noch schlimmer. Alles veränderte sich.

1.6.25

Trotz

In Js Schädel, wie er damals funktionierte, können wir nicht mehr hineinsehen. Auch ich nicht, dessen Jugendform J einst war. Seine inneren Dialoge sind mir verschlossen, ich kann sie nur ableiten aus der Art, wie ich heute innerlich mit mir selbst und meinen Projektionen spreche, von dieser Sprechweise allenfalls die Lebenserfahrung subtrahieren. Im Grunde bleibt es Erfindung. Erst recht dann, wenn es um seine Gefühlswelt geht, die ich mir aus heutiger Sicht immer etwas dumpf, verwirrt und trotzig vorstelle. Starken Schwankungen unterworfen, die er meinte, hinnehmen zu müssen, ohne sie direkt beeinflussen zu können. Dann lieber die schmerzhaften wegschieben, sich ablenken mit irgendeiner Aktion. Fussball spielen mit Freunden zum Beispiel. Rauchen, irgendein Zeug einwerfen und schauen, was passiert. Manchmal, selten, half auch zeichnen oder, seit er die Kamera hatte, auch fotografieren. Vielleicht ist mir seine innere Bildwelt noch am ehesten zugänglich. Langeweile war immer gefährlich gewesen, blieb es eigentlich bis heute. Js Trotz, gegen die Eltern, die Lehrer, überhaupt gegen alle Erwachsenen, aber auch gegenüber Gleichaltrigen, überschritt kaum je die Schwelle zwischen innerlichem Groll und widerständiger Aktion. Schämte er sich dafür, oder ist Scham mein heutiges Gefühl, das mich immer noch leise anrührt, wenn ich «an ihn» denke?

«Die Leute werden bockig», war die Diagnose einer Kulturwissenschaftlerin in einer kürzlich gesehenen Fernsehsendung. Es ging um Schuld und Eigenverantwortung. Ihre Bemerkung zielte auf Menschen, die angesichts der Folgen von Klimaerwärmung, Rückgang der Artenvielfalt und Vermüllung des Planeten mit Plastik trotzig sagen: «Was solls, ich kann das auch nicht ändern. Ich will mein Leben leben. Und wenn ich es mir leisten kann, kaufe ich mir trotzdem ein dickes Auto, fliege im Urlaub in der Welt herum und geniesse es. Jetzt erst recht!»
Man erinnert sich an die drei autofreien Sonntage 1973, an die Bilder der fröhlich zweckentfremdeten Autobahnen in der Schweiz, die aufgrund der verordneten Autofreiheit von picknickenden, spielenden, Rollschuh und Velo fahrenden Familien besetzt wurden. Der Krieg im Nahen Osten hatte mit einer schockartigen Verknappung und darauffolgender Preiserhöhung den Ölmarkt durchgeschüttelt und den Industrienationen ihre Abhängigkeit von den Erdöl produzierenden Ländern klargemacht. Autofreie Sonntage und Appelle an die Vernunft der Bürger sollten die autobasierte Mobilität einschränken und so eine schlimmere Notlage abwenden. Es blieb ein kurzes Intermezzo. Ein Jahr nach dem Höhepunkt der Krise war es in der Schweiz noch möglich, die Unterschriften zusammenzubekommen für eine Initiative, die dauerhaft jeden zweiten Sonntag vom Autoverkehr befreien wollte. Sie kam nochmals zwei Jahre später zur Abstimmung und wurde trotzig abgelehnt. Eine deutlich nachhaltigere Auswirkung hatte die Krise in Deutschland, wo mit dem VW Golf ein leichtes Auto populär wurde, das nur die Hälfte des Benzins pro hundert Kilometer verbrauchte, die der seit dem Zweiten Weltkrieg dominierende Käfer benötigt hatte.

Was man als Trotzalter bezeichnet ist eigentlich das üblicherweise zwischen eineinhalb und knapp vier Jahren auftretende Autonomiebestreben von Kleinkindern. Die Äusserungen reichen vom Aussprechen des ‘Nein, ich will nicht / Doch, ich will das!’ bis zu tobsuchtartiger Verweigerung, Verhinderung, Störung, Durchkreuzung der Pläne und Anordnungen der Erwachsenen, meistens der Eltern.

Und was ist das? Im Wallis musste ein Dorf evakuiert werden, weil der Gipfel des Hausbergs drohte, auseinanderzubrechen. Jahrtausendelang hatte nie auftauendes Eis den brüchigen Fels zusammengehalten, nun musste man befürchten, dass er unter seinem eigenen Gewicht kollabieren und aufs Dorf herunterstürzen könnte. Die Bewegung des Gipfels wurde sorgfältig überwacht, eine Zeit lang schien es so, als würden die Gesteinsmassen in kleinen Portionen abbrechen und sich auf ihrem Weg nach unten verteilen, sodass das Dorf unbeschadet davonkäme. Dann aber wurde klar, dass sich der grösste Teil auf einem Gletscher staute, der zwischen Gipfel und Tal eine Terrasse bildete. Diese wurde durch das zunehmende Gewicht in Bewegung versetzt, nach unten natürlich, was zu immer grösseren Abbrüchen und Murgängen führte. Die Hoffnung der evakuierten Bewohner, die sich zwischendurch zur Vorstellung gesteigert hatte, sie könnten bald in ihre Häuser zurückkehren, wurde am Nachmittag vor Auffahrt zunichtegemacht, als sich der Gletscher mit einem lauten Krachen vom Felsen losriss. Die Eismassen wurden beim tausend Meter tiefen Sturz verflüssigt, mischten sich mit dem nachstürzenden Geröll zu einem riesigen gelbgrauen Ungetüm – man konnte nicht sagen, wo die Wolke in Murgang überging und umgekehrt. Das Dorf wurde verschluckt und die Masse wälzte sich noch ein Stück weit den Gegenhang hinauf. Als sich der Staub gesetzt hatte, wurde ein ockerfarbiger Schuttkegel sichtbar, der den Schutzwald und die meisten Häuser unter sich begraben hatte. Er staute bald den Fluss am Talgrund zu einem See, der die wenigen bisher verschonten Häuser überschwemmte. GLEICHZEITIG – TROTZdem – bewegten sich zur gleichen Zeit endlose Autokolonnen im Schritttempo auf ihrem Weg in den Kurzurlaub nach Süden und stauten sich mehrere Tage vor der Tunnelröhre. Die Autos in der Kolonne wogen im Durchschnitt doppelt so viel wie der erste VW Golf von 1974. Die vermehrte Sicherheit, welche die Vergrösserung den Insassen der SUVs verspricht - mittlerweile der Hälfte der Autos in der Schweiz –, geht bei einem Unfall auf Kosten der anderen Verkehrsteilnehmer, und der verringerte CO2-Ausstoss könnte bei vernünftigem Durchschnittsgewicht noch viel geringer sein. Worum geht es also? Man schaue sich nur die Schnauzen der Fahrzeuge an: trotzig aggressive Grimassen! Platz da, jetzt komme ich!

Contumacia, das lateinische Wort, hat eine ambivalente Bedeutung: es kann trotzigen Eigensinn meinen, aber auch den heldenhaften Widerstand gegen Tyrannen. Das Adjektiv contumax bedeutet trotzig, halsstarrig. Zusammen mit dem Wort für Silbe, syllaba, wird es im übertragenen Sinn zu sperrig, unpassend, sich nicht ins Metrum einfügend. Verwandt sind contumacia und contumax mit tumere, tumidus und tumor, die neben anderen Bedeutungen das Anschwellen eines menschlichen Gesichts im Zorn, vor Stolz oder Wollust bezeichnen können.
Erasmus’ Wahlspruch war (con-)cedo nulli = «Ich weiche niemandem», was trotzig tönt. Der Vorwurf, er drücke damit Sturheit und Überheblichkeit aus, wurde ihm wiederholt gemacht. Er lavierte und behauptete in seinen Erwiderungen, der Spruch beziehe sich auf den Gott Terminus, ja sei eine Äusserung dieser Symbolfigur, und nicht seiner selbst. Terminus hat nach dem Mythos den Spruch geäussert, als sein Tempel demjenigen Jupiters weichen sollte. Erasmus behauptete, sein Spruch beziehe sich auf die Deutung des Terminus als Tod, der auch niemandem weiche. Er hat sich Terminus, als Bild einer Büste des Gottes, die auf einen Grenzstein aufgesetzt ist, als ‘Brand’, als ‘Marke’ gewählt, die er auf Drucken, Gedenkmedaillen und als Siegel verwendete. Terminus wäre auch als Beschützer der Grenzen, als Vollender von Aufgaben und Lebensabschnitten lesbar gewesen. Aber Erasmus setzte ihn gleich mit dem Tod, indem er den griechischen Spruch «hora telos makrou biou» = «Bedenke das Ende eines langen Lebens» daneben setzen liess, dazu den lateinischen «mors ultima linea rerum» = «Der Tod ist die letzte Linie der Dinge». Interessant ist auch, wie Erasmus zu dem Symbol gekommen war.
Er hatte von einem ehemaligen Schüler, einem englischen Prinzen, einen Siegelring mit einer antiken Gemme aus Karneol geschenkt bekommen. In den Stein war der Kopf von Dionysos geschnitten, kein Terminus. Erasmus hat diesen Kopf aber als Terminus uminterpretiert (er gab an, ein Antikenkenner habe in dem Kopf Terminus erkannt, was Unsinn war) und sich ausdrücklich in Anlehnung an diesen Ring ein Petschaft machen lassen, das Terminus zeigt und dessen Namen trägt, dazu den Spruch «Cedo nulli». Schon das erregte Anstoss bei konservativen Theologen. Allerdings wäre der Kopf des Dionysos, als heidnischer Gott des Weins und des Rausches, noch anstössiger gewesen als Schutzpatron eines Geistlichen, der Erasmus trotz Dispens des Papstes ja blieb. Terminus war unverfänglicher. Dennoch wurde Erasmus deswegen angegriffen. Reagiert hat er mit dem Hinweis, es ginge nicht um den antiken Gott, sondern um ein ‘Memento Mori’, also um das Motto, man solle sich seiner Sterblichkeit immer bewusst bleiben.
So war sein Trotz. Der eines eher ängstlichen, harmoniebedürftigen Geistes. Wenn es hart auf hart kam, hieb er nicht auf den Tisch mit geschwollenen Zornesadern wie sein Gegenspieler Luther. Sein Trotz äusserte sich in manchmal endlosen Repliken. Er argumentierte und zündelte einfach immer weiter, am liebsten in gedruckter Form.

Ist Trotz Ausdruck von und gleichzeitig Mittel gegen Ambivalenz? Trotz schafft scheinbar klare Verhältnisse, nach innen und nach aussen. Da man eigentlich nur trotzig sein kann gegen etwas konkretes oder jemanden konkreten, wird durch Trotz eine klare Trennung gezogen zwischen mir und dem Anderen. Oder zwischen uns und den Anderen.
Ist das Trotz? Oder Resilienz? Wenn der Gemeindepäsident des verschütteten Dorfes sagt: «Auch wenn das Dorf unter einem grossen Schuttkegel liegt, wissen wir, wo unsere Häuser und unsere Kirche wieder stehen müssen.»

16.5.25

Rutschpartie

Der gute E. Für einen Chorherrn und Professbruder war es unüblich, ja fast schon unschicklich, auf die Kutsche beim Reisen zu verzichten und selbst ein Pferd zu besteigen. Er hatte aber die zwei Reittiere, eines für sich und eines für seinen Lübecker Schüler und Bediensteten, tapfer erstritten von der Herrin von Verre, die, wie er noch immer hoffte, seine Mäzenin werden und ihm ein unbeschwerteres Leben in den kommenden Jahren sichern sollte. Für den Weg von Paris zu ihrem Schloss südlich von Calais hatte sie ihm aber zuerst ein so geringes Reisegeld zukommen lassen, dass es nicht einmal für einen Fussmarsch gereicht hätte. Dazu kam ihr Bote mit nur einem Reittier an, einem ehemaligen Mietpferd, das sie unverschämt billig hatte kaufen lassen. Es lahmte und sein struppiges Fell zeugte von jahrelanger schlechter Behandlung. E weigerte sich unter diesen Umständen, dem Ruf der Fürstin Folge zu leisten und bat seinen Freund Batt, der ihr als Sekretärin diente, für den Antritt seines Dienstes mehr zu fordern. Mit angemessenem Reisegeld und zwei akzeptablen Pferden machte sich E schliesslich im Januar 1499 mit seinem jugendlichen Begleiter auf den Weg nach Norden. Dass er auf seiner ersten längeren Reise zu Pferd in die schlimmsten Winterstürme seit Menschengedenken geraten würde, wusste er zu Beginn der kommenden vier Tage nicht. An seinen Freund Montjoy schrieb er später:
Endlich sind wir da! Und dazu mit heiler Haut, obwohl sich alle Götter des Himmels und der Unterwelt gegen uns verschworen hatten. Was für eine grässliche Reise, die Taten von Herkules und Odysseus waren ein Dreck dagegen! Juno hat den Windgott gegen uns aufgehetzt – sie hasst die Dichter wirklich! – und der wütete gegen uns mit allem, was ihm zur Verfügung stand: schneidende Kälte, Schnee, Hagel, wolkenbruchartiger Regen, Nebel. Kurz: mit geballter Gewalt! In der ersten Nacht machte nach langem Regen ein plötzlich einsetzender Frost die Wege ganz holperig. Eine Unmenge Schnee kam dazu, dann Hagel, dann Regen, der sofort zu Eis wurde, sobald er den Boden, die Pflanzen oder unsere Kleider berührte. Unsre Mäntel wurden steif wie Baumrinde. Die Erde wurde von einer dicken Eiskruste überzogen, die aber nicht glatt war, sondern nur so starrte von scharfen Spitzen und Buckeln. Die Bäume waren dick glasiert. Sie bogen sich unter dem Gewicht, vielen wurden die Äste abgerissen, die Stämme gespalten oder sie lagen gar ganz entwurzelt da. Wir trafen alte Bauersleute, die schworen, so etwas in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen zu haben. Unsere Pferde mussten sich durch tiefe Schneemassen kämpfen, dann wieder durch vereistes Gebüsch. Der Boden unter ihren Hufen war bösartig und gefährlich. Bald rutschen sie unversehens nach irgendeiner Seite aus, bald brachen sie durch die scharfkantige Oberfläche und holten sich blutende Wunden an den Fesseln.
Wie meine Stimmung dabei war? Die eines verdatterten Reiters auf einem verdatterten Pferd! An der Bewegung der Ohren erkannte ich seine Angst, die sich auf mich übertrug und mir das Herz puppern liess. Ich musste an Bellerophon denken, wie er von Pegasus abgeworfen worden war, und verwünschte meine Vermessenheit, mit der ich mich und meine ganze Wissenschaft einem armen stummen Tier anvertraut hatte.
Sed audi quiddam, quod tu credes ex veris Luciani narrationibus petitum, ni mihi ipsi Batto teste accidisset. – Aber höre nun etwas, von dem du glauben würdest, es sei direkt den «Wahren Geschichten» Lucians entnommen, wenn es mir – Batt ist mein Zeuge! – nicht selbst passiert wäre.

Wir stellen uns also vor: eine Filmszene. Eine Mischung aus Fellini, Tarkowski und Angelopoulos. Zuerst White out, die ganze Leinwand weiss, dazu das Heulen und Sausen des Sturmwinds. Als man sich schon fragt, ob nichts weiter passiere, kollert von links ein abgerissener schwarzer Ast ins Bild, bleibt zitternd hängen, bis ihn der Wind kippt und er wieder aus dem Bild gefegt wird. Da wieder alles weiss ist, merkt man zuerst nicht, dass die Kamera ganz langsam nach oben schwenkt und sich eine Art Horizont vom oberen Bildrand gelöst hat, gegenläufig zur Kamerabewegung nach unten sinkend. Eine Hügellinie, über der es – man fragt sich, wie es möglich ist – noch weisser ist. Darauf ein paar schwarze Brosamen. Nichts geschieht, dann Schnitt. Die Brosamen sind zu schwarzen Fetzen geworden, die sich langsam voneinander lösen und sich nun als zwei Pferde und zwei Menschen erkennen lassen. Die Reiter tragen weite schwarze Mäntel, die wie Fahnen im Wind ausschlagen. Die Männer sind offenbar abgestiegen und versuchen sich mit Gesten zu verständigen. Der Lärm des Sturms ist noch lauter geworden. Die Pferde haben sich dicht aneinandergedrängt und dem Wind ihre Hinterteile zugedreht. Schnitt. Nahaufnahme des Gesichts des einen Reiters, von dem man aber nur die zusammengekniffenen Augen und die spitze Nase sieht. Er trägt eine Mütze mit Ohrenklappen, die er tief in die Stirne gezogen hat, der Mund ist von einem Schal bedeckt. Ein Fausthandschuh schiebt sich von unten ins Bild, der Mann zieht sich den Schal nach unten und bewegt den Mund. Man hört, dass er seinem Begleiter etwas zurufen will, die Worte sind aber abgerissen und unverständlich. Die Kamera schwenkt und folgt seinem Arm, den er ausstreckt und mit dem er auf etwas zeigt. Erst jetzt lässt sich die Topografie der Umgebung lesen. Die Männer stehen auf einer Hügelkuppe, davor senkt sich eine weite Mulde. Weit entfernt ist im Nebel ein Schloss in der Senke zu erkennen, seitlich führt eine Pappelallee darauf zu, dahinter, als dunkler verschwommener Streifen, ein Wald. Schnitt. Man sieht den Mann, der versucht hat, sich verständlich zu machen, aus Sicht des Begleiters, dessen Kopf und Schultern im verlorenen Profil von links ins Bild ragen. Der Blick der Kamera geht über die Kuppe des einen Pferdes hinweg. Der Mann mit der Kappe hat uns den Rücken zugedreht. Man sieht, wie er unter den Sturmböen schwankt und Halt sucht, indem er sich mit seiner Rechten auf einen krummen Stock stützt. Mit der anderen Hand zeigt er auf das Schloss, dreht dem Begleiter nun den Kopf zu und versucht wieder, etwas zu sagen. Wegen der Drehung rutscht er plötzlich aus und verschwindet nach unten aus dem Bild. Schnitt. Der Mann sitzt auf seinem Hintern, den Mantel wie eine Schleppe um sich ausgebreitet. Jetzt wird er vom Wind erfasst und den Hang hinunter davongetrieben. Man hört einen Schrei. Ist er Ausdrucks seines Schreckens, oder ein Jauchzer? Er wird schnell kleiner und kleiner, aber man erkennt noch, dass er den Stock nun mit beiden Händen hält und als Steuerruder und Bremse benutzt. Dann ist er so klein geworden, dass man ihn nicht mehr sieht.

2.2.25

Schlussfeiern

In den letzten zwei Tagen vor den Frühlingferien, am Ende des Schuljahrs, das für mich zum Ende meiner Schulzeit werden sollte, war an einen geordneten Unterricht nicht mehr zu denken. Damals begrüsste ich das ausbrechende Chaos, es passte zu den Umständen, in die ich mich gebracht hatte. Die vier Abschlussklassen zogen durch die Schulgebäude, die maturi, wie sie von manchen Lehrern der Anstalt genannt wurden. Singend und gröhlend, als wilde Horden brachen sie in die Klassenzimmer ein, grotesk verkleidete Jünglinge, die sich demonstrativ an keine Regel mehr hielten. Die eingesteckte weisse Nelke schien sie dazu zu berechtigen. Einige hatten die Hochzeitsfräcke ihrer Väter ausgegraben – ich meinte, Mottenkugeln zu riechen –, die Nadelstreifenhosen waren um den Bauch zu weit oder endeten eine Handbreit über den Knöcheln. Zylinder und Melonen standen den einen erstaunlich gut und machten sie zu Gentlemen, die sie vielleicht schon bald sein würden. Andere sahen aus wie trottelige Figuren aus den Slapstick-Stummfilmen. Es gab auch solche, die mit dieser altbackenen Tradition nichts zu tun haben wollten. Die daherkamen wie sonst, in Jeans und Pulli. Oder sich als Hippies gebärdeten. Einen sah ich, mit dunklen, halblangen Haaren und Schnurrbart, der trug auch einen Zylinder, über den Schultern aber einen Poncho, wie ihn peruanische Hirten tragen. Darunter eine weite Manchester-Hose, deren Enden nachlässig in Lederstiefel gestopft waren. Wie ein mexikanischer Wegelagerer aus einem Westernfilm sah er aus. Aber alle, so schien mir, strahlten diese unerschütterliche Genugtuung aus, etwas Bedeutsames erreicht zu haben. Und ich kann mich gut erinnern, wie ich, als einer dieser Haufen kostümierter Jungmänner sich für die Darbietung eines Liedes vor uns Viertklässler aufstellte, mich so klar als nicht dazugehörig empfand, dass sich in meinen Kummer ein trotziger Stolz mischte. Ja, ich war wieder durchgefallen und würde diese uraltehrwürdige Schule verlassen, an der man den Schülern – Schülerinnen gab es erst in einer Klasse eine Handvoll – mit schöner Regelmässigkeit einredete, dass sie dereinst zur Elite der Gesellschaft gehören würden. Ich wollte Fotograf werden, eine Lehre beginnen.
Später, im Pausenhof, verfolgte ich wie alle den abschliessenden Höhepunkt des Rituals. Von der hölzernen Terrasse eines kleinen barocken Wirtschaftsgebäudes, das quer zum Schulhaus der Unterstufe stand und den südlichen vom nördlichen Teil des Hofs trennte, warfen die Maturanden ihre Hefte und Schulbücher hinunter. Einige hatten vorgesorgt und die Lehrmittel bereits in Einzelblätter zerlegt, andere zerrissen sie theatralisch erst jetzt, angefeuert von den Jubelrufen der unter ihnen herumwuselnden Unterstufenschüler, die versuchten, die herabschaukelnden Fetzen aufzufangen. Wenn eine Abschlussklasse keine Munition mehr hatte, war die nächste dran, die meist schon ungeduldig darauf wartete, die schmale Holtreppe hochzustürmen und die Belege ihrer über Jahre angesammelten Gelehrsamkeit in einer grossen Geste der Verachtung in den Schulhof regnen zu lassen. Ich weiss noch, wie ich mich fragte, ob sie denn nun alles im Kopf gespeichert hätten, was auf dem zerknüllten und zerrissenen Papier stand, das die Pflastersteine knöcheltief bedeckte. Ich bückte mich nach einem lateinischen Wörterbuch, an dessen zäher Bindung der frühere Besitzer offenbar gescheitert war und es deshalb am Stück hinuntergeworfen hatte. Da es noch fast unversehrt war, steckte ich es in die Schultasche, denn ich hatte mein Exemplar beim Austritt abgeben müssen. Und Latein war das einzige Fach gewesen, das ich zum Schluss noch mochte – wegen des Lehrers.
Ein anderer, der Mathelehrer, trat in dem Moment hinter mich und stupste mich an. Ich erschrak, weil ich meinte, er würde mich wegen des Buches zur Rede stellen. Aber er wollte sich nur von mir verabschieden, auf seine grobe Art. Trotzdem war ich fast ein wenig gerührt, als er sagte:
«Ich wünsche dir alles Gute. Schade, du bist ein intelligenter Kerl, warst aber immer ein fauler Siech. Wenn du eine Lehre machen willst, wirst du an die Säcke müssen. Ich hoffe, du packst das!»
Weil das Gymnasium keine genügend grosse Aula besass um die gesamte Schule einschliesslich der Angehörigen der maturi zu beherbergen, wurde die offizielle Schlussfeier in der nahen St. Martinskirche abgehalten. Wieder abgehalten, muss man sagen. Denn zwei Jahre lang hatte man diese grosse Feier ausgesetzt und stattdessen einen schlichten Anlass im engen Rahmen abgehalten, weil die antiautoritäre Stimmung nach 1968 auch auf die Schüler des Humanistischen Gymnasiums übergeschwappt war und dazu geführt hatte, dass die Rede des Rektors mehrfach durch ironischen Applaus und durch Zwischenrufe unterbrochen worden war, und von der Empore verdächtig würzige Gerüche in den Kirchenraum geweht waren. Ein Skandal! In dem Jahr, als ich die Schule verliess, war diese Feier wieder in geordnete Bahnen zurückgelenkt worden, und ich hätte sie eigentlich auslassen können. Ich ging aber trotzdem hin und hörte mir die Reden, die Musik und die Liste mit den Studienrichtungen an, welche die Maturanden einzuschlagen gedachten. Medizin und Jura standen zuvorderst, gefolgt von Geschichte, Germanistik, Theologie, solches Zeug. Mich interessierten die wenigen Abweichler, die zum Schluss kamen: einer wollte Zeichenlehrer werden, ein anderer zum Film, immerhin.

29.10.24

Zeitvertreib auf der Reise

Der Mann auf dem Pferd lehnt sich weit nach vorne. Ächzend versucht er, sein rechtes Bein über den Hinterzwiesel des Sattels zu schieben. Die Müdigkeit liess den Schwung zu früh enden, sodass er einen Moment in grotesker Stellung am heissen Tierleib hängt. Nun setzt sich das Pferd auch noch in Bewegung, was der ordinario aber zum Glück gesehen hat. Der Reiseführer stellt sich dem Tier in den Weg und packt es dicht neben dem Maul am Zaumzeug. So kann sich der Mann heruntergleiten lassen. Als er seinen rechten Fuss auf den Boden gesetzt hat, muss ihm dabei geholfen werden, den andern aus dem Steigbügel herauszudrehen.
«Gratias
Der Dank tönt, als werde er mit dem letzten Schnauf ausgestossen. Dazu hebt der Mann die Schultern und lässt sie resigniert wieder fallen, begleitet die Geste mit einem entschuldigenden Lächeln hin zu seinem Helfer. Der beobachtet ihn ungerührt, ordnet dann aber eine Pause an.
Nachdem der Mann etwas getrunken und gegessen hat, kommt er zur Ruhe und kann nachdenken.

«More, Morus ... Moria! Mori encomion ... Moriae encomion, id est: Mori laus, stultitiae laus. Das Lob des Morus, das Lob der Torheit! Wir hätte beide unsere Freude daran! Wen die Verspieltheit des Vorhabens stört, soll daran erinnert werden, dass ich damit an Vorbilder grosser Autoren anschliesse. Hat nicht Homer in grauer Vorzeit seine «Batracho-Myo-Machia», seinen «Froschmäusekrieg» geschrieben, Vergil seine «Mücke» und Ovid die «Nuss»? Von Glaukon gibt es ein «Lob der Ungerechtigkeit», von Favorinus eines «des viertägigen Fiebers». Synesus hat die Glatzköpfigkeit auf das Podest gehoben, Lukian die Fliegen und andere Schmarozer. Von Seneca gibt es gar eine «Koloquinte» auf den Kaiser Claudius, was nichts weniger meint als dessen Verwandlung in einen Kürbis, anstatt, wie in einer ordentlichen Apotheose üblich, in einen Gott. Lukian und Apuleius haben Eselsromane geschrieben – letzerer einen ziemlich gewagten – und irgendwer, den Hieronymus erwähnt, das «Testament des Schweines Grunnius Corocotta». Also bitte, werft mir nicht vor, ich würde nur Schachfiguren auf dem Brett hin- und herschieben, oder mein Steckenpferdchen reiten. Nein, mein Spiel soll ernsthafte Einsichten vermitteln, jedoch ohne den geneigten Leser zu langweilen. Und so könnten wir beginnen:
Die Dummheit stellt sich vor.
Ihr Vater ist der Reichtum, ihre Mutter die Nymphe Jugend. Geboren wurde sie auf der Insel der Glückseligen, als Säugling gestillt von zwei Nymphen-Ammen, von der Bacchus-Tochter Methe, was Trunkenheit bedeutet, sowie von der Pan-Tochter Apaedia, welche die Beschränktheit verkörpert.
Die Dummheit, oder Torheit, hat ständige Begleiter, eigentliche Trabanten, die da sind:
Philautía, die Eigenliebe,
Kolakía, die Schmeichelei,
Léthe, das Vergessen,
Misoponía, die Vermeidung von Anstrengung,
Hedoné, das Vergnügen,
Ánoia, der Wahnsinn.
Dazu gesellen sich noch zwei «Götterknaben»:
Kõmon, die Ausgelassenheit, und
Négreton Hypnon, der Tiefschlaf.

Auf der Reise von Italien nach England, im Sommer 1509, sei ihm die Idee zum «Lob der Torheit» gekommen, schreibt Erasmus in seinem Vorwort, das eine Widmung an Thomas More enthält und diesen wie in einem Brief direkt anspricht. Der Freund habe zwar mit der Dummheit nicht das Geringste zu tun, aber die Vorfreude auf das Zusammentreffen mit ihm sowie die Nähe seines Namens zur griechischen Bezeichnung der Dummheit, Moría, habe ihn, Erasmus, dazu inspiriert ein Lob auf diese menschliche Hauptschwäche zu schreiben. Dabei solle sie, die Dummheit, ausführlich zu Wort kommen, ihre Vorzüge also gleich selbst anpreisen.
Erasmus reiste zu Pferd, was bei seiner immer prekären Gesundheit – er neigte zu Nierensteinen, die ihn plagten – und der eher zarten Konstitution erstaunt. Er kam nach mehrjährigem Italienaufenthalt von Rom, wo er das verlockende Angebot eines Kardinals, für ihn zu arbeiten und bei ihm in Luxus zu wohnen, mit einiger Mühe ausschlug. Seine englischen Freunde hatten ihn nach London gerufen, weil Heinrich VII. im Frühling dieses Jahres gestorben war und sie für ihn im Umfeld des neuen, jungen Königs Heinrich VIII. glanzvolle Karrieremöglichkeiten sahen. Erasmus reiste über Mailand nach Como. Es könnte sein, dass er sich dort einem der regelmässig zwischen Mailand und Lindau verkehrenden «Ordinari» des Transportdienstes der «Lindauer Boten» anschloss und ihn als Reiseführer bezahlt hat, denn dass er ganz alleine reiste, ist angesichts der damit verbundenen Gefahren unwahrscheinlich. Die Reise von Mailand nach Lindau, über eine Strecke von dreihundertfünfundzwanzig Kilometer, dauerte wohl etwa zwei Wochen, die für ihn sehr anstrengend waren. In Como wurde ein Schiff bestiegen, das bei günstigem Wind rund einen Tag brauchte um den Comersee der Länge nach von Süden nach Norden zu durchsegeln. Ins nördliche Seeende mündet die Mera, deren unterer Teil noch gegen leichte Strömung schiffbar ist und sich bald wieder zu einem kleinen See öffnet, dem Lago die Mezzola. An dessen oberem Ende erst setzte man die Reise zu Pferd fort. Durch das Tal der Mera führte sie zum Städtchen Chiavenna. Von da an stieg der Weg kontinuierlich um achtzehnhundert Höhenmeter, auf einer Strecke von knapp vierzig Kilometern, bis zur Passhöhe des Splügen. Der Abstieg auf der anderen Seite führte durch die Viamalaschlucht. «Schlechte Strasse» war sie wegen ihres zunehmenden Verfalls seit dem dreizehnten Jahrhundert genannt worden. Der Bischof von Chur hatte weiter östlich mit der «Oberen Strasse» über den Septimerpass eine kürzere Konkurrenzroute favorisiert und in einem Machtpoker mit den regionalen Kräften immer mehr ausgebaut. Als Erasmus über den Splügenpass ritt, war aber diese Variante, die so genannte «Untere Strasse», seit gut einer Generation wieder zu Hauptroute geworden. Die Gemeinden Thusis, Masein und Cazis hatten sich 1473 zusammengetan, um den Einfluss des Churer Bischofs einzudämmen. Sie liessen den alten Römerweg über den Splügen erneuern und bauten in der Viamalaschlucht eine imposante steinerne Brücke mit zwei Jochen, die «Punt da Tgiern». Sie steht heute nicht mehr.
Über Chur gelangte Erasmus dann nach Fussach, zur Mündung des Rheins in den Bodensee, wo er sich vom Lindauer Boten trennte, der über den See sein Ziel Lindau per Schiff erreichte. Erasmus zog auf der linken Seeseite weiter, immer auf Pferderücken, nach Konstanz und von dort quer durch den Schwarzwald nach Strassburg. Rheinabwärts führte ihn seine Weiterreise in die Niederlande. Man könnte sich vorstellen, dass er dazu auf einem grossen Floss als Passagier mitfuhr. Wo er den Rhein verliess, ist unklar. Jedenfalls machte er noch kurz Halt in Antwerpen und Löwen, wo er Verleger und alte Freunde traf, bevor er dann über den Kanal nach England übersetzte. Ende August 1509 erreichte er London, von wo er drei Jahre zuvor nach Italien abgereist war. Nach ermüdenden sechs bis sieben Wochen, von denen er einen grossen Teil im Sattel verbracht hatte, konnte er sich erholen und die Gastfreundschaft von Thomas More und dessen Familie geniessen. Er machte sich sogleich daran, den unterwegs konzipierten ironischen Text aufzuschreiben: Moriae encomium – Das Lob der Torheit.

30.5.24

Pfirsiche

SOFIA – Papas Besuch war schwierig für mich. Ihn so zu sehen, fand ich wirklich hart. Es war so sichtbar, dass es ihm schlecht ging, dass ich automatisch in der coolen Ecke landete. Dabei bin ich noch gar nicht so stabil, wie ich mich ihm gegenüber geben musste. Sein Mitgefühl tut schon gut, aber wenn er ins Jammern gerät und eigentlich vor allem sich selbst leidtut, das kann ich nicht brauchen, nicht im Moment jedenfalls. Das finanzielle Desaster, das ich mir mit meinen illegalen Aktionen eingebrockt habe, belastet mich sehr. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich das stemmen soll. Es kommen harte Jahre auf mich zu. Ich besuche einen Kurs zu solchen Themen, berufliche Wiedereingliederung und Neuorientierung, unter erschwerten Bedingungen, so ungefähr. Das wird geleitet von einem Mann und einer Frau, sie aus der Wirtschaft, er Psychologe und Coach, glaube ich. Bis jetzt passt mit das, sie machen es gut, finde ich. Sehr harte und direkte Ansagen, aber viel Erfahrung und gute Connections. Aber ich habe noch immer starke Symptome vom Entzug, ich schlafe schlecht, habe sehr oft Kopf- und Gliederschmerzen. Kommt dazu, dass meine Co-Inmate Gloria mich stark herausfordert. Sie ist an sich lieb, aber eine dieser sich selbst bemitleidenden Frauen, von denen ich Papa erzählt habe. Sie behauptet, sie könne nichts für die Scheisse, die sie zusammen mit einem Cousin ihrer Grossmutter angetan hat. Sie um alles Geld betrogen, und ihr Kumpel hat die alte Frau dann noch fast totgeschlagen. Ich habe ihr gesagt, ich wolle von dieser Geschichte nichts mehr hören. Obwohl sie gut erzählen kann, oft sind ihre Geschichten zum Kugeln. Sie holt mich ganz schön aus meiner Bubble mit ihrer Art und mit dem, was sie mir sonst noch so alles berichtet. Auch sie war auf Drogen und versucht den Entzug, mit manifesting, diesem «Ganz-fest-dran-glauben-dann-wird-es-wahr-Unsinn. Aber sie kommt nun auch mit mir zusammen in die Gesprächsgruppe. Nachts ist sie eine Nervensäge. Zuerst quasselt sie endlos, und dann, wenn sie meint, ich schlafe, macht sie geräuschvoll an sich rum, mühsam. Aber was will man, es gibt sicher Schlimmere, und ich habe mich ja selbst in diese Situation gebracht.
Was mir nach Papas Besuch total eingefahren ist: ich habe plötzlich realisiert, dass er gar nicht wissen kann, ob sie ihn wirklich rausgeschmissen haben. Ich musste sofort Bruno schreiben deswegen. Ich bat ihn, mit Papa zu reden, weil er näher dran ist. Geografisch und auch von der Erfahrung her mit solchen Kunstinstitutionen. Ich vermute, Papa könnte kämpfen. Das heisst, falls ihm überhaupt gekündigt wurde. Diese Prüfungssituationen, bei denen er abgebrochen hat oder davongelaufen ist, waren wohl nicht über alle Zweifel erhaben, wenn auch nur schon die Hälfte so ablief, wie er das erlebt und erzählt hat. Er könnte sicher rekurrieren gegen seinen Rauswurf. Ich weiss nicht, wann er das nächste Mal hier auftauchen wird. Hoffentlich kann ihn Bruno umstimmen und vielleicht auch unterstützen.

Härris Lebensgeister und damit auch die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, kehrten langsam und auf merkwürdigen Pfaden zurück. Weil er sich bemühte, gesund zu essen, hielt er in den Lebensmittelläden der Lower Eastside ständig Ausschau nach Obst und Gemüse. Dabei entdeckte er die ersten Pfirsiche aus Florida. Pfirsiche waren seine Lieblingsfrüchte, also kaufte er sich eine grosse Tüte voll und verteilte sie zuhause auf zwei tönerne Schalen, die sein Freund auf einem Schaft stehen hatte, wahrscheinlich in Mexiko gekauft, wie Härri vermutete. Die Früchte sahen so schön aus, dass er Lust bekam, sie zu malen. Er fand zwei alte englische Aquarellkästchen im Atelier und machte sich ans Werk. Es war sehr schwierig, das Spiel zwischen Rot- und Grüntönen, dazu die Bandbreite zwischen Licht und Schatten ohne Brechung und Eintrübung der Farben zu erreichen. Als es ihm zum ersten Mal gelang, sahen die Pfirsiche eher wie Äpfel aus, weil der Glanz des feinen Samts auf der Haut der Früchte noch fehlte. Auf dem Netz suchte er nach «Pfirsichen in der Malerei». Von Cézanne fand er eines, dessen Titel von Pfirsichen sprach, aber die Früchte sahen aus wie alle anderen Äpfel des Meisters. Weil er sich das so angewöhnt hatte in seiner Arbeit am Institut, suchte er gezielt nach weiblichen Künstlerinnen, die Pfirsiche gemalt hatten, und gab ein: «peaches women artists painters». Und auf einmal wurde es so aufregend, dass er alle seine Sorgen vergass. Aus einem Gemälde, das ihm unter den vielen Bildern ins Auge sprang, und zwar gleich in mehrfacher Ausführung, blickte ihm Sofia als Zehnjährige entgegen. «Girl with Peaches» hiess es, und war, wie er gleich bemerkte, wegen seines Inhalts in die Auswahl geraten. Gemalt hatte es 1887 der russische Maler Valentin Aleksandrovich Serov. Härri hatte ihn nicht gekannt. Das Bild mit der kleinen Sofia – in Wirklichkeit hatte das Mädchen Vera Mamontova geheissen – wurde in Kommentaren als Serovs bestes Werk bezeichnet, was Härri durchaus bestätigen konnte. Er schickte es sofort mit einem Gruss an seine Tochter. Für seine Arbeit taugten die Pfirsiche nicht als Vorbilder. Sehr schön gemachte gab es bei der italienischen Malerin Fede Galizia, die um Sechzehnhundert einige Stillleben mit den gesuchten Früchten geschaffen hatte. Und schliesslich fand er das Bild, das ihm für seine weiteren Ideen am meisten brachte: «Peach Packing, Spartanburg County», 1938 gemalt von einer Malerin aus den Südstaaten, Wenonah Bell. Darauf waren einige stark abstrahierte Frauenfiguren mit dem Abpacken von Pfirsichen beschäftigt. Härri hatte in der Zwischenzeit eine Episode aus dem chinesischen Roman gesucht und wieder gelesen, in der Sun Wukong von den unsterblich machenden himmlischen Pfirsichen nascht. Diese Szene wollte er in eines seiner grossen Bilder einbauen und dazu musste er eine Menge Pfirsiche darstellen können, die auf dem Gemälde recht klein und trotzdem überzeugend zu malen waren. Bell war das mit sparsamen Mitteln sehr gut gelungen, wie er anerkennend feststellte. Er fertigte eine Serie von Skizzen an und vergass völlig die Zeit darüber, bis sein Laptop sich mit Signaltönen meldete. Es war Bruno, via Skype. Härri zögerte einen Moment, dann drückte er den grünen Knopf.
«Hallo, Papa», begrüsste ihn sein Sohn. Er trug einen gepflegten Bart, darunter sah Härri ein fein blau-weiss gestreiftes Hemd. Bruno hatte seinen Stil gewechselt.
«Grüss’ dich, Bruno», sagte Härri. «Gut siehst du aus.»
Bruno ging nicht darauf ein, sondern legte gleich los in unüberhörbar vorwurfsvollem Ton.
«Sag’ mal, was machst denn du für Sachen? Sofia hat mir geschrieben, du seist wieder in New York. Abgehauen, weggelaufen von deinem Institut, weil es dort irgendwelche Schwierigkeiten gab? Und niemand wisse, wo du bist, nicht mal Mama, hat sie geschrieben.»
Härri hatte keine Lust, sich seinem Sohn gegenüber zu rechtfertigen. Trotzdem erzählte er ihm in groben Zügen, was passiert war und weshalb er nach New York gegangen sei.
«Sie haben mir gekündigt, und ich muss mich jetzt neu orientieren. Zudem wollte ich in Sofias Nähe sein.»
Bruno gab sich mit seinen Erklärungen nicht zufrieden.
«Sofia hat mir von deinem Besuch berichtet. Das tönte nicht danach, als ob du ihr viel hättest helfen können, ehrlich gesagt. Sie muss jetzt zuerst einmal freikommen vom Gift, dazu kannst du kaum beitragen.»
«Aber sie hat sich gefreut, dass ich sie besucht habe», entgegnete Härri trotzig.
«Ja, sicher. Aber sie hat auch gesagt, sie sei erschrocken gewesen, wie schlecht du ausgesehen hättest. Und dass sie Angst gehabt habe, du würdest im Selbstmitleid absaufen.»
Härri schluckte.
«Ich weiss. Sie hat mich in den Hintern getreten deswegen. Hat sie auch recht damit. Aber ich gebe mir Mühe, habe mich wieder etwas gefangen. Glaub’ ich jedenfalls. Ich trinke nicht. Und ich zeichne wieder.»
«Das ist sicher mal was», antwortete Bruno. «Aber jetzt der Reihe nach. Du sagst, dir sei gekündigt worden. Hat man dir das so gesagt? Hast du das schriftlich? Sofia hat geschrieben, du seist nach dem Abbruch der Prüfungsveranstaltung gleich weggelaufen, ohne noch mit jemandem zu reden. Und du würdest auch alle Kontaktversuche deiner Chefin wegdrücken. Stimmt das?» Härri nickte.
«Warum kämpfst du nicht, weshalb rennst du weg?», fragte Bruno.
Härri dachte nach, dann begann er eine längere Rede.
Zuerst sei da nur der Impuls gewesen, wegzurennen, das stimme. Das Institut mit seinen Ritualen, die Entwicklung, die es genommen habe, seine Abhängigkeit, die ihm durch die Anwesenheit der zwei Inspektoren so überdeutlich vor Augen geführt worden sei, und dann dieses Getue seiner Kolleginnen und der Studienanwärter, die um Aufmerksamkeit buhlten, dies alles sei ihm auf einmal so zuwider gewesen, dass er einen unkontrollierten Wutanfall habe befürchten müssen. Es stimme auch, dass er nicht sicher wisse, ob ihm gekündigt worden sei. Er gehe aber davon aus, dass seine Chefin und die Direktorin genug von ihm hätten. Dass er ihnen zu viel Ärger und Aufwand verursache im Verhältnis zu dem, was er mit seiner Malerei beitragen könne zu «Art Gender Planet». Und er habe ja unter einem klaren Ultimatum gestanden: dass er sich nicht mehr querstellen dürfe gegen Anordnungen der Leitung. Das aber habe er mit seinem Verhalten eindeutig wieder getan, und auch zusätzlichen Aufwand verursacht im ohnehin schon anspruchsvollen Programm der Aufnahmeverfahren. Er nehme aber seinen Rauswurf zum Anlass, über seine Rückkehr zur Kunst, zur ausschliesslichen Arbeit an der eigenen Kunst, nachzudenken. Darum habe er den Kontakt zum Institut blockiert, und eigentlich überhaupt zu allen ausser Sofia.
Bruno zeigte Verständnis, ermunterte ihn aber dennoch, sich den Leuten am Institut zu stellen, schon nur, um die Geschichte abzuschliessen.
«Das hindert dich doch nicht, deinen Entschluss durchzuziehen und wieder ganz in die Kunst zu gehen, oder? Und vielleicht könntest du in Zukunft als Gast-Künstler Workshops oder Artists-Talks am Institut machen, ohne in dieser Abhängigkeit zu stecken, die dich so stört. Ich würde mich an deiner Stelle melden bei dieser ... wie heisst sie? ... Da-ra Baeck, genau.»
Nachdem Härri versprochen hatte, darüber nachzudenken, fragte er seinen Sohn über Hamburg und seine Firma aus. Bruno erzählte begeistert von der Zusammenarbeit in seinem Team, das mit einer Ausnahme, einem Physiker in Härris Alter, sehr jung sei. Viel und zunehmend zu reden gebe bei ihnen die rasche Entwicklung im Bereich der CO2-Abscheidung und anschliessenden Speicherung in unterirdischen oder unterseeischen geologischen Formationen. Und die damit verbundene Frage, ob die Firma an ihrer Spezialisierung auf die Pyrolyse festhalten solle. Härri konnte zu dem Thema wenig sagen. Er staunte, wie viel Bruno schon darüber zu wissen schien. Aber dann kam ihm die Zeitverschiebung in den Sinn und dass sein Sohn sicher längst hätte schlafen gehen sollen. Sie verabschiedeten sich, und Härri kehrte zurück zu seinen Pfirsichen.
Bruno hatte mit seinem Rat, Härri solle mit Da-ra Baeck Kontakt aufnehmen, einen Haken in sein Fleisch gebohrt, den er nicht mehr loswurde. Am nächsten Morgen rechnete er aus, wann Da-ra nach dem Arbeitstag noch in ihrem Büro sein müsste, bevor sie nach Hause ging. Zur gegebenen Zeit schickte er ihr eine Anfrage für ein Video-Telefonat, mit wild klopfendem Herzen. Zurück kam eine kurze schriftliche Nachricht.
«Gerne! In ca. einer Stunde?»
Also wollte sie von zuhause aus anrufen. Er schrieb «OK» zurück.

Schreibt man «Gerne», mit einem Ausrufezeichen, wenn man mit einem Angestellten das Kündigungsgespräch vereinbart? Eine schwer zu beantwortende Frage, auch wenn man eine Stunde Zeit hat dafür. Aber gelten in einem Chatraum dieselben Regeln bezüglich des formellen schriftlichen Austauschs wie beim Schreiben von Mails oder betriebsbezogenen Mitteilungen? Wie konnte man sich auf ein Gespräch vorbereiten, dessen Gegenstand die eigene Kündigung durch die Arbeitgeberin sein würde, ohne vorher zu wissen, ob das Verdikt überhaupt beabsichtigt oder schon beschlossen war? Die eigene Ohnmacht wurde einem so vor Augen geführt, man war gezwungen, die Voraussetzungen des Gesprächs zuerst durch eigenes Fragen abzutasten. Oder dann darauf zu warten, von der anderen Seite darüber belehrt zu werden, wie es um die eigene berufliche Existenz stand. Von diesem Gegenüber, dessen Macht und Anziehungskraft man sich mit soviel Anstrengung vom Leibe halten wollte. Durch Rationalisierung und Abstraktion. Aber es half alles nichts, immer wieder brach durch alle Abschrankungen, was und wer dieses Gegenüber war: eine Frau, die man begehrte. Da ... ra! Die man nicht begehren, nicht lieben sollte, weil man in einem hierarchischen Arbeitsverhältnis zu ihr stand. Weil sie die gefeierte, erfolgreiche Künstlerin war, während man selbst künstlerisch in einer Sackgasse steckte. Und weil sie nach einer ersten stürmischen Vereinigung gesagt hatte, es solle die letzte bleiben, wenigstens vorläufig. Konnte man aus dem Gespräch etwas ganz anderes machen als die Beendigung des Arbeitsverhältnisses durch seine Chefin, oder – sehr unwahrscheinlich – dessen Neuausrichtung? Den Spiess umdrehen und seinerseits kündigen? Seine Liebe, sein Begehren erklären? Einem Gesicht auf dem Bildschirm?

Er duschte, bürstete sich die Haare und zog frische Kleider an. Kam sich dabei lächerlich vor. Als der Signalton zu hören war, zwang er sich, einen Moment mit dem Antippen des virtuellen Knopfes zu warten. Als sie dann erschien, war sie mehr als ein Gesicht. Er wusste sofort, wo sie sass. Sie hatte sich einen Sessel in die Nähe der geöffneten Terrassentür gestellt. Sie trug eine weisse Bluse und hatte Gel in den Haaren. Härri blieben die geplanten Worte im Hals stecken.
«Lukas! Ich bin froh, dich zu sehen», sagte sie, und es klang ehrlich. «Wo bist du? – Nein, sag’ nichts! ... »
Sie suchte mit den Augen seine Umgebung ab.
«Du bist in New York! Ich habe es mir halb gedacht ...»
Wahrscheinlich hatte sie das Wasserreservoir auf einem der Dächer gesehen, durch das Fenster in seinem Rücken.
Härri brachte noch immer kein Wort heraus. Dann holte er tief Luft und sagte:
«Da-ra ... Jetzt wo ich nicht mehr am Institut bin, wo ihr mir gekündigt habt, meine ich, kann ich es dir ja sagen ...»
Er dachte mit aller Kraft an ihr Badekleid, an ihren Körper im letzten Sommer, und als er sah, dass sie den Mund öffnete, wollte er sagen: Ich liebe dich, Da-ra. Ich will dich, Da-ra.
Aber er brachte nur heraus:
«Ich wünschte, du wärst hier ...» Es klang heiser und er musste husten.
Da-ra hatte den Mund wieder zugeklappt und sah ihn mit grossen Augen an.
Sie schob ihr Gesicht näher an die Kamera, wodurch es verzerrt wurde. Daran konnte er sich noch immer nicht gewöhnen. Was würde sie sagen?
Staunend sah er zu, wie sie zu lächeln begann, und dann in ein Lachen ausbrach, das immer lauter, befreiter wurde. Sie steckte ihn an damit. Zuerst lachte er verlegen, weil er nicht sicher war, ob sie sich über ihn lustig machte. Dann war es ihm gleichgütig. Wann hatte er das letzte Mal gelacht?
Plötzlich hörte Da-ra auf und setzte sich gerade hin. In ihren Augen glitzerte es, und er wusste nicht, ob es vom Lachen kam.
«Lukas, Lukas ...» murmelte sie. «Wer bist du?»
Dann war ihre Stimme wieder laut und klar zu hören.
«Hör mir zu! Ich habe dir nicht gekündigt, niemand hat das. Du bist im Urlaub.»
Sie blickte ihn an und wartete auf seine Reaktion. Härri verschwand aus ihrem Blickfeld, weil er aufstehen musste. Er atmete schwer und in seinen Ohren rauschte es. Da-ra wartete geduldig.
Härri ging in die Küche und öffnete den Eisschrank. Weil er nicht mehr wusste, was er hatte herausnehmen wollen, stand er solange davor, bis das Warnsignal ertönte. Erst dann griff er nach der Wasserflasche und einem der Pfirsiche, von denen er zu viele gekauft hatte. Das Da-ra noch auf ihn wartete, hatte er vergessen.
Die Strasse war schon in blauen Schatten getaucht und nur die Dachaufbauten in der Nachbarschaft wurden noch durch rotes Licht der untergehenden Sonne gestreift, als Härri wieder bei seinem aufgeklappten Laptop vorbeikam. Was hatte er in der Zwischenzeit gemacht? Was war in seinem Kopf vorgegangen? Er wusste es nicht mehr. Einmal hatte er im Badezimmer die Tabletten gegen den Bluthochdruck gesucht und eine genommen. Dann sich hingelegt, daran konnte er sich erinnern. Er sah, dass ihm Da-ra eine lange Textnachricht hinterlassen hatte, aber er fand noch nicht die Kraft, sie zu lesen. Er ging ins Atelier und setzte sich an den Tisch, auf dem seine Zeichnungen und Aquarelle lagen, in unterschiedlich hohen Stapeln sortiert. Den mit dem Pfirsichdieb-Motiv zog er zu sich und blätterte ihn langsam durch. Zwei Arbeiten zerriss er und warf die Papierstücke in die Kiste mit dem Altpapier. Die andern stellte er als Reihe auf, indem er sie an verschiedene Objekte anlehnte, die auf dem Tisch herumstanden, Flaschen, Büchsen, Schachteln, eine kleine Bronzefigur. Er nahm ein leeres Blatt und begann zu zeichnen. Da-ra als Boddhisatva Guanyin. Morgen lese ich deine Botschaft, versprach er.

«Hallo Lukas! Ich habe sicher noch eine Viertelstunde gewartet, aber dann musste ich gehen. Und du hast offenbar Zeit gebraucht, um die Nachricht zu verdauen. Wenn du wirklich geglaubt hast, dass wir dir gekündigt hätten, kann ich das verstehen. Jetzt kannst du selber entscheiden, was du machen willst. Ob du wieder ins Institut zurückkehren willst und wie bisher weiter arbeiten mit uns. Aber vielleicht willst du dich ja wieder ganz der Malerei widmen. Ich merke selber, wie schwer es ist, die beiden Welten zusammenzubekommen. Nicht nur wegen der zeitlichen Belastung, es sind auch zwei Arten des Arbeitens, auch des Denkens und Fühlens, die oft nicht zusammenpassen. Ich weiss noch nicht, wie lange ich das so weitermachen werde (das unter uns ;-). Du hast etwas gesagt, worüber ich noch am Nachdenken bin: «Ich wünschte, du wärst hier.» So, wie du es gesagt hast, tönte es, als hättest du noch mehr sagen wollen. Dass du mich liebst? Oder mich willst – mich begehrst, sagt man so? Oder beides? Natürlich willst du jetzt wissen, wie es bei mir steht, umgekehrt. Als du plötzlich verschwunden warst, habe ich gemerkt, dass du sehr fehlst. Es ging aber eine Weile, bis ich zugeben konnte (natürlich, mir gegenüber, ich habe mit niemandem darüber gesprochen!), dass du mir fehlst, und nicht «dem Institut». Seit ich dich damals im Sommer «überfallen» habe und wir so sehr (!) Liebe machten, habe ich mir einfach verboten, mich in dich zu verlieben. Und auch dir habe ich das untersagt, als ob ich auch über deine Gefühle Chefin wäre. Das kommt mir jetzt so lächerlich vor! Also, jetzt ganz «offiziell», auch wenn das ein blöde Form ist, so in einem Chat: Ich liebe dich, Lukas! Ich will dich, ich begehre dich (so ein komisches Wort, aber in der Kunst ist es ja sehr wichtig, das «Begehren» ;-)
Und, das Beste kommt erst: Ich komme bald, in etwa drei Wochen, nach New York!! Ich hoffe jetzt ganz fest, dass du dann noch dort sein wirst!? Ich kann eine Ausstellung machen in meiner dortigen Galerie. Nichts Riesiges, aber ich freue mich darauf. Und wenn du solange im Big Apple ausharren könntest, wäre das supergrossartig! (Der Urlaub ist leider unbezahlt, da konnte ich nichts machen, und ob das noch in deine Aufenthaltsbewilligung passt ... Hast du 90 Tage?)
So, ich glaube, eine so lange Nachricht habe ich noch nie geschrieben in einem Chat. Ich grüsse dich, mein lieber Lukas, mein liebster Härri. Vielleicht kündigst du nun ja mir, aber ich hoffe, nur als Mitarbeiter. Und vielleicht machen wir in Zukunft auch mal ein Kunstprojekt zusammen, wer weiss? Bitte rufe mich bald wieder an, oder ich versuche es einfach auch in den nächsten Tagen. Wir haben so viel zu erzählen!
Ich umarme dich, bleib gesund!
Deine Da-ra

26.5.24

Standversuche

«Hey, watch where you’re goin’, dude!»
Der Obdachlose rieb sich die Stelle am Bein, wo er vom Schuh des schnell dahingehenden Mannes getroffen worden war. Dieser wurde durch den Schmerzensruf aus seiner Versenkung gerissen und hielt inne, ohne sich umzudrehen. Ein weisser, wirrer Haarschopf über dem hochgeschlagenen Kragen der Jacke, die Hände in deren Taschen vergraben. Er stand und schwankte leicht vor und zurück, wie wenn er überlegen würde, ob er umkehren sollte. Der Obdachlose bekam es mit der Angst zu tun.
«Oh, oh, oh, I didn’t say nothin’, it’s okay, man!»
Jetzt drehte sich der Mann tatsächlich um. Der Obdachlose zog panisch die mageren Beine an sich und umklammerte seine Knie mit beiden Armen. Er riss die Augen auf und suchte im Gesicht des Mannes, was er zu erwarten habe. Zu seinem Erstaunen sah er keinen Angreifer vor sich. Der Ausdruck des Mannes war schmerzverzerrt, als ob er einen noch viel gewaltigeren Tritt bekommen hätte. Seine Wangen waren feucht. Hatte er geweint? Nun rang er sich ein Lächeln ab und kam näher. Der Obdachlose bleib in seiner Haltung sitzen, voller Misstrauen.
«Sorry ... sorry ... sorry ...», murmelte der Mann vor sich hin, kramte dann aus seiner Hosentasche einen zerknüllten Zwanzig-Dollar-Schein und hielt ihn dem am Boden Sitzenden hin.

Härri war seit ein paar Tagen wieder in New York. Auf die Frage, wann genau er angekommen war, hätte er überlegen müssen, weil sein Tag-Nacht-Rhythmus völlig aufgelöst war. Nach der Ankunft hatte er sich so schlecht gefühlt, dass er in einer Apotheke um Rat fragte. Eine freundliche junge Frau mass seinen Blutdruck und stellte eine mässige Erhöhung fest. Er solle zum Arzt gehen, meinte sie. Dazu wenig Salz essen, keinen Alkohol trinken und sich viel bewegen. Was er nun tat. Er hatte keinen Plan, wohin er gehen wollte, sondern liess sich von den Bewegungen seiner Füsse leiten. Die führten ihn von der Orchard Street durch Chinatown in Richtung Süden. Widerwillen packte ihn, als er wieder über die mit kindisch bunten Farben bemalten Asphaltflächen ging. Auch in Augst gab es das, ein verdammter Irrtum! Es zog ihn ans Wasser, zum East River Greenway, der, wie er wusste, alles andere als grün war. Eine lärmige Galerie unter dem FDR Drive, aber mit tollen Ausblicken auf die beiden Hängebrücken. Und mit einer Menge Menschen, die sich in diesem merkwürdigen städtischen Raum auf vielerlei Weisen vergnügten. Spielend, lesend, musizierend, tanzend. Es gab einen Prediger mit spärlichem Publikum, und gleich daneben ein Openair-Gym mit Dutzenden von Geräten, die von schwitzenden, in glänzende Outfits gehüllten Menschen in Bewegung gehalten wurden. Der Frühling war weit fortgeschritten und die Sonne heizte die Stadt auf den Tag über, aber hier im Schatten war es angenehm. Die Betriebsamkeit um ihn herum und seine schnelle Gangart hielten Härri davon ab, zu lange an einem Gedanken hängenzubleiben.
Nach seinem Weggang vom Institut hatte er schon auf der Heimfahrt beschlossen, wieder nach New York zu gehen. In der Nähe von Sofia zu sein, erschien ihm als das einzig Sinnvolle, was ihm im Moment einfiel. Er hatte zuhause nachgeschaut, ob er mit seiner Aufenthaltsbewilligung nochmals einreisen könne. Soviel er verstand, sprach nichts gegen einen erneuten Aufenthalt von bis zu neunzig Tagen, also buchte er einen einfachen Last-Minute-Flug für den übernächsten Tag. Erst danach und ohne Hoffnung erkundigte er sich bei seinem Freund, ob die Wohnung an der Orchard Street noch immer frei sei. Zu seiner Überraschung war sie es. Er sagte niemandem, was er vorhatte. Noah war misstrauisch, versprach aber, wieder zum Haus zu schauen.
Er packte, dann musste er warten. Der Kater spürte seine Unruhe und suchte Nähe, was er nur mit Mühe ertrug. Er las keinerlei Nachrichten und hoffte, dass niemand vom Institut auf die Idee käme, ihn aufzusuchen. Es kam niemand, was ihn wiederum enttäuschte und wütend machte. Er stellte sich vor, wie Da-ra mit Aurelia und Xenjia sprechen, dann mit der Direktorin und den zwei Inspektoren zusammensitzen würde. Wie man seine Kündigung beschloss, verschriftlichte und ihm zusandte. Er realisierte, dass er diese Möglichkeit im vergangenen Jahr fast vollständig ausgeschlossen hatte. Wenn er daran gedacht hatte, spielte er die Folgen herunter. Die kaum planbare, prekäre wirtschaftliche Lage, die er von früher kannte. Das Hoffen auf Aufträge und Verkäufe, die Suche noch Sponsoren. Die Angst vor Ideenmangel und Flauten in der Schaffenskraft. Die Einsamkeit im Atelier. Und die mangelhafte Altersvorsorge, alles Dinge, die sich mit dem ausschliesslichen Künstlerdasein verbanden. Am meisten schmerzte ihn der Gedanke, den Kontakt zu den Studierenden zu verlieren. Nun, wo es passiert war, griffen die Sorgen mit spitzen Krallen nach seinem Geist. Sie jagten ihn hin und her zwischen Trauer über den Verlust und einem unbändigen Zorn, wenn er daran dachte, wem dafür die Schuld zu geben war. Er erinnerte sich an Beschimpfungen und Drohungen in zotiger Sprache, die er einst auf der Bühne herausgeschrien hatte und ertappte sich bei Phantasien, in denen er in einer nächtlichen Aktion das Institut anzündete. Er träumte, er sei ein zottiges Ungeheuer, das mit Riesenschritten durch die Stadt stampfte und alles unter seinen Füssen zermalmte. Dann wieder wurde er von eisernen Ringen gequält, die sich um seine Glieder und seine Stirn schlossen und durch fremden Zauber immer enger wurden. So erwachte er vor seiner Abreise mit rasenden Kopfschmerzen.
Als er in der New Yorker Wohnung angekommen war, nahm er über die App Kontakt zu Sofia auf. Per Mail teilte er ihr mit, er sei wieder im Land. Wann er sie besuchen könne. Es vergingen Tage, bis die Antwort kam. Diese war aber freundlich und sehr ausführlich. Härris Gemüt heiterte sich zum ersten Mal seit «den Vorfällen» wieder auf. Er könne sie nur an Feiertagen oder samstags und sonntags besuchen, jeweils zwischen halb neun Uhr morgens und drei Uhr nachmittags. Er dürfe ihr absolut nichts mitbringen. Es sei lediglich möglich, bis zu dreissig Dollars Cash in den Besuchsraum zu bringen und damit etwas aus den Automaten zu kaufen, die dort aufgestellt seien. Seine Wertsachen müsse er in einem Schliessfach lassen. Er dürfe keine khakifarbene Kleidung tragen, und umarmen oder sonstwie berühren dürften sie sich nur am Anfang und Ende des Besuchs. Ansonsten ginge es ihr den Umständen entsprechend gut. Sie führe den Entzug weiter, jetzt unter regelmässiger Überwachung durch eine Ärztin. Und sie habe sich für verschiedene Kurse angemeldet, unter anderem für Yoga, was ihr sehr helfe.
Härri musste warten mit seinem Besuch bis zum nächsten Wochenende. Ausser seinen ausgedehnten Spaziergängen hatte er nichts vor und auch keine Idee, was er mit sich und seiner Zeit anfangen könnte. Er verspürte nicht die geringste Lust, in ein Museum zu gehen oder irgendeine Sehenswürdigkeit für Touristen zu besuchen. Im Atelierraum seines Freundes versuchte er es wieder mit Zeichnen, aber es erwies sich als unmöglich. Er ertrug sein Gekritzel nicht und konnte sich nicht einmal zurückhalten, gleich zu zerreissen, was auf dem Papier sichtbar wurde. Er durchforstete die Bibliothek, zog wahllos Bücher heraus ohne dabei auf Titel oder Autor zu achten. Schlug sie irgendwo in der Mitte auf und begann zu lesen, brach oft gleich wieder ab, weil irgendein Satz oder ein Wort seinen Widerwillen hervorrief. Bei einem blieb er länger hängen, weil die Geschichte von einem Künstler handelte, der sich «Harry» nannte. Als er merkte, dass dieser in Wirklichkeit eine Frau war, die eigentlich Harriet hiess, war er enttäuscht. Er las noch einige Seiten weiter. Die Künstlerin brachte mehrere Männer dazu, ihre Werke in deren Namen zu vermarkten. Er versuchte sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn Da-ras Installationen damals in der Ausstellung in Bregenz unter seiner, Härris, Autorschaft gezeigt worden wären. Wenn er im Rampenlicht gestanden hätte, aber wegen ihrer Arbeiten. Was eine Frau, eine Künstlerin von so einem Arrangement haben sollte, begriff er nicht. Er klappte das Buch zu und schob es zurück zwischen die anderen. Erst jetzt las er den Namen der Autorin und den Titel: Siri Hustvedt: The Blazing World.
Er kam bei seinen Ausflügen mehrfach beim Trainingsraum einer Taiji-Schule vorbei. Einmal war es bereits gegen sechs Uhr abends und er sah, dass die Eingangstüre offenstand. Ohne zu überlegen trat er ein und ging die zwei Treppen hoch, wo er zu einer kleinen Empfangsloge kam. Einem jungen Chinesen mit hellblond gebleichten Haaren, der hinter der Theke sass, erklärte er, dass er zwar seit Jahren Taiji ausübe, aber nach einer längeren Pause wieder ein paar Instruktionen brauche. Die Einzelstunde beim Meister koste dreihundert Dollar, sagte der junge Mann trocken. Als Härri antwortete, er wolle es sich überlegen, wurde ihm gesagt, dass der Meister auf mehrere Wochen ausgebucht sei. Er habe aber eben eine Absage bekommen und so gebe es diese Woche einen freien Termin. Donnerstagabend, 8:00 PM. Härri glaubte ihm nicht, sagte aber trotzdem zu.
Der Meister war anders als alle, die Härri bisher kennengelernt hatte. Ein sehr sanfter, etwas schwabbelig-weicher älterer Herr aus Südchina, der ebenso sprach, wie er aussah. Sobald er aber Härri zu korrigieren begann und ihm Übungsteile vormachte, wurde unter der Weichheit des Mannes die Körperspannung eines wilden Tiers sichtbar. Härri konnte kaum etwas machen, da wurde er schon unterbrochen.
«Man sieht, dass sich Ihr Körper erinnern will an die Formen, die er gekannt hat. Aber Ihr Geist ist verwirrt durch tausend Gedanken. Das ist schlecht für Taiji, und auch für Ihre Gesundheit.»
Härri ahnte, was jetzt kommen würde. Eine Lektion «stehender Pfahl». Aber er durfte gegen Schluss auch wieder Bewegungsfolgen ausführen und kam mit Hilfe des freundlichen Alten zur Ruhe. Es gelang ihm, die Schwere der letzten Zeit auf die Gravitationskräfte schrumpfen zu lassen, die seinen Körper über Beine und Füsse am Boden festhielten. Die Daueranspannung in seinen Rücken- und Nackenmuskeln, die der Meister als «Schildkrötenpanzer» karikierte, wurde Übung für Übung mehr aufgeweicht. Zurück blieben am Schluss Wärme und eine wohlige Müdigkeit.
Auf dem Heimweg ass er in einer kleinen Bude einen Salat und trank dazu einen halben Liter Grüntee. Zuhause angelangt, duschte er lange und schlief, trotz dem Tee, zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ein paar Stunden am Stück, tief, fest und traumlos.
Der Tag seines Besuchs im Gefängnis war näher gerückt. Zur Sicherheit ging er am Morgen des Vortags zum Grand Central Terminal, studierte den Fahrplan der Metro-North Railroad und kaufte das Ticket. Danach war für diesen Tag nichts mehr zu tun. Es war schon wieder frühsommerlich warm, entsprechend waren die Menschen angezogen, mit kurzärmeligen T-Shirts, kurzen Sommerhosen, Schildmützen gegen die Sonne, alles grellbunt und verziert mit Sprüchen und Logos in grotesken Schriftzügen. Härri entschied sich spontan zu einem Spaziergang über die Manhattan Bridge nach Brooklyn, wo er besonders viele Graffitis zu sehen hoffte. Er bestieg die Metro an der Midtown-Station und fuhr bis zum East Broadway. Als er den Fusspfad auf der Rampe zur Brücke betrat, sah er, dass etwas im Gange sein musste. Überall waren Polizeibeamte, auf der Fahrbahn solche mit Motorrädern, auf dem Fussweg die Fahrradabteilung und die martialisch Ausgerüsteten, mit Schildern, Helmen und gepanzerten Anzügen. Härri fragte eine schwarze Frau, die zuschaute und die er für eine Einheimische hielt, nach dem Grund für den Aufmarsch.
«Sie demonstrieren wieder für Palästina», sagte diese. «Die Behörden haben nach den letzten Krawallen versprochen, sich in Zukunft zurückzuhalten und verhältnismässig zu reagieren. Jetzt wollen wir mal sehen ...»
Was sie meine, ob er über die Brücke auf die andere Seite nach Brooklyn gehen könne, wollte Härri wissen.
«Dann würde ich mich aber sputen, Sir. Gleich wird es hier eng werden, man hört sie schon kommen.»
Tatsächlich konnte man nun die rhythmischen Rufe der Demonstranten hören, dazwischen eine plärrende Megaphon-Stimme. Zu verstehen war nichts. Härri machte sich auf den Weg nach drüben.

Er war früh aufgestanden am nächsten Morgen, um den Zug kurz nach acht Uhr nicht zu verpassen. Er kam mit leichter Verspätung in Norwalk an, so dass den Anschluss nach Dunbury gerade noch erwischte. Am Bahnhof nahm er ein Taxi, das ihn zur Federal Correctional Institution brachte. Als er vor dem Hauptportal ausstieg, überfiel ihn die Erinnerung an den Tag, als er Sofia mit Ashleys Hilfe hierhergebracht hatte, noch mitten im Winter. Sein Herz klopfte wild, als er durch die Drehtür ging. Er musste sich zuerst einen Becher Wasser von einem der Spender holen, bevor er sich beim Empfang melden konnte. Es lag ein Geruch nach Kantine-Küche in der Luft, von dem ihm übel wurde.
Man war auf ihn vorbereitet. «You’re the father?», fragte die dunkelhäutige Beamtin hinter der Theke, als er Sofias Namen genannt hatte. Dann begann ein Verfahren, das an die Abfertigung an einem internationalen Flughafen erinnerte. Er musste seine Sachen in eine Plastikschale legen und in einem Schliessfach zurücklassen, wobei er freundlich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er dreissig Dollars in bar für den Konsum aus den Automaten mitnehmen dürfe. Nach dem Durchschreiten eines Detektorportals wurde er abgetastet. Man informierte ihn mündlich und durch Abgabe eines Merkblatts über die Regeln während seines Besuchs. «Handshaking, embracing and kissing will be permitted ONLY at the beginning and at the end of the visit.»
Dann wurde er in den Besuchsraum geführt, in dem sich schon einige Besucher und Insassen an Tischen gegenübersassen. Noch bevor er sich setzen konnte, sah er, wie Sofia von einer Wächterin hereingeführt wurde und sich auf ihn zu bewegte. Sie hatte die Haare sehr kurz geschnitten und trug die khakifarbene Anstaltskluft, Hose und Jacke, beides etwas zu gross. An den Füssen Gummi-Clogs in gleicher Farbe. Nun stand sie vor ihm, und er hatte weiche Knie.
«Hallo, Papa», sagte sie mit fester, klarer Stimme. «Ist dir nicht gut? Komm, setz dich.»
Sie fasste ihn am Arm und wollte ihn zu seinem Stuhl führen wie einen alten Mann. Er riss sich zusammen, stellte sich ihr in den Weg und breitete die Arme aus. Ohne ein Wort zu sagen, umarmten sie sich. Sofia roch nach einem billigen Dusch-Gel.
Als sie sich gegenübersassen, hatte er sich wieder in der Hand. Und wenn er sie nun so sah und sprechen hörte – ruhig und gefasst, selbstsicher –, schämte er sich für seine Schwäche, die sie ihm offenbar ansah.
«Du siehst müde aus. Warst du krank? Schaust du zu dir?»
«Sie haben mich rausgeschmissen ...», brachte er heraus.
Sofia konnte es nicht glauben.
«Was? Wo? Aus der Akademie?»
Er erzählte ihr die ganze Geschichte ohne Punkt und Komma, es musste aus ihm heraus. Als er allzu eifrig wurde, kam ein Beamter in ihre Nähe.
«Would you please speak more quietly, Sir?»
Erst nach mehr als einer Stunde merkte Härri, dass er Sofia noch gar nicht gefragt hatte, wie es ihr gehe. Ja, dass er sie noch nicht einmal richtig angeschaut hatte. Er wollte ihre Hände ergreifen, aber sie zog sie zurück.
«Das dürfen wir nicht, Papa.», sagte sie sanft. Sie sprach wie zu einem Kind.
«Du lässt dich hängen, ich habe dich noch nie so gesehen. Was ist es? Trauerst du wirklich deinem Job als Lehrer nach? Damit hast du doch immer wieder gehadert. Vielleicht hättest du nie mehr den Mut gefunden, wieder ganz auf die Kunst zu setzen Jetzt musst du, oder?»
Härri gab zu, dass da was dran war.
«Du scheinst eine Riesenwut auf diese Frau zu haben», fuhr Sofia fort. «Aus ihrer Sicht hat sie aber sicher recht und musste dich entlassen. Du hast es ihr einfach gemacht, indem du abgehauen bist.»
Härri schluckte und schaute zum Fenster.
«Ich musste», sagte er dann. «Ich hätte sonst etwas Dummes angestellt. Ich hänge an ihr ...
Der letzte Satz war ihm herausgerutscht.
Sofia hielt den Kopf schräg und musterte ihn aufmerksam.
«Was heisst das: Du hängst an ihr?», fragte sie. «Bist du verliebt in sie? Ich habe gemeint, du hasst sie?
«Ja, ich ... Nein! Ich weiss es nicht, es ist kompliziert. Und es tut mir so weh, dich hier zu wissen, und ...»
Sein Ton war klagend. Sofia unterbrach ihn.
«Entschuldige, Papa, aber ich brauche dein Mitleid nicht. Du kannst mich da nicht herausholen, und Mitgefühl zu zeigen, ohne dass man für den anderen etwas tun kann, ohne dass man Macht hat, schadet mehr als dass es hilft. Ich erlebe hier viele Frauen, die sich selbst bedauern. Wenn man sie fragt, warum sie hier seien, sind alle unschuldig verurteilt worden, grässlich! Oder ihr Lover war schuld, die schlimme Kindheit. Selbst wenn es stimmen würde, es bringt nichts, weil du dich so zum Opfer machst. Ich will kein verdammtes Opfer sein, Papa! Ich habe Scheisse gebaut und stehe dazu. Jetzt will ich was aus dieser Erfahrung machen. Der Sinn steckt nicht von selbst im Leben drin, den muss man hineinkneten.»
Härri sperrte Augen und Ohren auf. Wie redete sein Kind mit ihm?
«Ich hole mir einen Caffè Latte vom Automaten. Nimmst du auch einen?», sagte sie und erhob sich. Er gab ihr Geld und sah ihr dann nach. Ihr Gang war völlig anders als während der Zeit der Schlussverhandlung.
«Bist du schon ganz freigekommen von dem ganzen Zeug, das du genommen hast?», fragte er, als sie zurückkam und die Becher abstellte.
«Medizinisch gesehen, ja. Wobei ich noch zwei Medikamente nehmen muss, die jetzt langsam heruntergefahren werden. Aber im Körper steckt diese Erinnerung, die wird noch lange bleiben, vielleicht für immer. Es ist wie bei den Alkis, nur so ein bisschen trocken geht nicht. Ich werde mich fernhalten müssen von Situationen, auch von Menschen, die das Bedürfnis triggern. Yoga ist super!»
Die Wächterin, welche Sofia hergebracht hatte, stand plötzlich neben ihrem Tisch. Es seien bald zwei Stunden um, sagte sie. Ob Sofia den Besuch verlängern wolle. Das habe aber weitere zwei Besuchspunkte zur Folge.
«Ich glaube, es ist gut, oder?» sagte Sofia und sah dabei ihren Vater fragend an.
Härri nickte. Beide tranken ihre Becher leer und standen auf.
«Jetzt dürfen wir nochmal, oder?» fragte Härri und als Sofia ihn anlachte, nahm er sie in die Arme.

Als der Zug in der Abendsonne dem Long Island Sound entlangschaukelte, dachte Härri beschämt an ihren Satz zurück: «Ich brauche dein Mitleid nicht!» Er ergänzte, was sie vielleicht gedacht, aber nicht ausgesprochen hatte: « ... und dein Selbstmitleid schon gar nicht!» Er versuchte sich an das zu erinnern, was Sofia über Mitgefühl gesagt hatte, wenn man keine Macht darüber habe, etwas zu verändern. Ein Satz aus seiner Schulzeit kam ihm in den Sinn:
«Jedes Ding hat zwei Griffe. An dem einen kann man es tragen, an dem andern nicht.»
Er wusste nicht mehr, von welchem antiken Philosophen dieser Satz stammte und auch nicht, wie er auf seine Situation anzuwenden war. Er hatte keine Lust, auf dem kleinen Bildschirm seines Handys nachzuschauen und verschob es auf später. Er schloss die Augen und holte das Bild hervor, wie Sofia zum Automaten gegangen war. Daran wollte er sich halten.

22.5.24

Wo ist Härri?

DA-RA – Solche Vorfälle sind sehr ärgerlich. Wir mussten die zwei Prüfungsanlässe wiederholen, weil Lukas im einen Fall davongelaufen ist und im zweiten abgebrochen hat. So fehlte auch bei beiden Protokollen seine Unterschrift. Zum Glück hat er zwei sorgfältig abgefasste Berichte hinterlassen, denn für die Situation, in der er sich befindet – es sollte ja mit dem Abschluss der Prüfungen auch über die Beendigung seiner Probezeit beschlossen werden – ist es nicht gerade förderlich, dass er nach den spektakulären Auftritten verschwunden ist. Niemand weiss, wo er sich aufhält, und er beantwortet keinerlei Nachrichten, von niemandem. Otto Ulich kennt seine Frau und hat sie kontaktiert. Sie meinte, wir müssten uns keine Sorgen machen und sie hat auch nicht vor, eine Vermisstenmeldung aufzugeben. Ich konnte die Direktorin bisher davon abhalten, die Kündigung auszusprechen. Lukas’ Berichte habe ich gelesen und mit den Beteiligten gesprochen, auch mit den zwei Inspektoren. Es ergab ein zwiespältiges Bild der Situationen. Aurelia und Ksenjia beharrten darauf, dass bei der Befragung des russischen Studenten alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Als ich aber diesen fragte, ob er verstanden habe, warum der Dozent davongelaufen sei, antwortete er mit verblüffender Offenheit, fast ein bisschen frech, er und «die beiden Ladies» – so nannte er sie – hätten ein bisschen geschäkert. Vielleicht habe der Professor ja etwas mit denen und sei eifersüchtig geworden. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass ein solches «Geschäker», falls es denn stattgefunden habe, unangebracht sei in einem Aufnahmeverfahren, ja überhaupt im Umgang zwischen Dozentinnen und Studenten. Er nahm das zu Kenntnis, fand aber, die Atmosphäre sei von den beiden Frauen definiert worden. Sie hätten ihn zum Beispiel nach seiner sexuellen Orientierung gefragt, auf eine Art, die nichts mit Kunst zu tun gehabt habe. Kurz zusammengefasst kann ich sagen, dass hier wohl Lukas’ Bericht der Wahrheit nahekommt.
Zur Präsentation der zwei Studenten, bei der Xenjia, Arjeta und die beiden Herren der Aufsicht dabei waren, hat Lukas ebenfalls einen Bericht abgegeben, in dem er seine Äusserungen und die der andern wörtlich wiedergegeben hat. Ich habe das überprüft, es deckt sich mit den Aussagen derer, die dabei waren. Hier teile ich deren Einschätzung, Lukas habe überreagiert. Er hat die Phantasie des Studenten, sich mit Benzin zu übergiessen, anzuzünden und auf die Leinwand zu stürzen, um «das ultimative Bild» zu malen, wörtlich genommen. Als ob es sich dabei um die Ankündigung eines Suizids gehandelt hätte. Ich habe mit dem jungen Mann gesprochen und nicht den Eindruck gehabt, dass er sich und seine Äusserung in der Präsentation wirklich ernst nahm. Er sagte, er habe nach der Frage der Dozentin, wie weit sie gehen würden für die Kunst, und nach dem lauten Schrei seines Kollegen, das Gefühl gehabt, er müsse nun «etwas Krasses liefern». Von Selbstverletzung in der Kunst ab den 1960er-Jahren, von Günter Brus über Kira O’Reilly bis Marina Abramović, hatte er keine Ahnung. Ich gebe Lukas insofern recht, dass wir keinen Wettbewerbsdruck in diese Richtung aufbauen sollten, dass man sich in selbstzerstörerischer Weise für die Kunst aufopfert. Aber im vorliegenden Fall scheint der Student nur seinem Eindruck gefolgt zu sein, er müsse etwas Sensationelles sagen, ohne dass es für ihn eine reale Bedeutung hatte. Das gibt uns sicher Gelegenheit, über die Form solcher Befragungen nochmals nachzudenken, auch über konkrete Fragestellungen und ihren Sinn. Aber wie gesagt, Lukas’ Reaktion mit dem dramatischen Abbruch der Übung war unnötig, übertrieben und vor allem ärgerlich in den Folgen. Er hat Glück gehabt, dass die zwei Inspektoren durch den unvermittelten Schrei des anderen Studenten so erschreckt wurden. Sie haben nämlich deshalb die Veranstaltung als «etwas fragwürdig» bezeichnet, was wiederum mir im Gespräch mit der Direktorin half, Lukas zu verteidigen. Ich habe beschlossen, ihn zu beurlauben, zumindest bis wir wissen, wo er steckt und wie es ihm geht. Schliesslich ist da noch die Geschichte mit seiner Tochter, die sicher eine untergründige Rolle spielt. Man wird sehen.

XENJIA – So etwas habe ich noch nie erlebt! Bricht der Typ einfach die Veranstaltung ab, bei der er nur ein Begutachter von dreien ist. Als ob er der Chef wäre. Gut, er ist im Vorstand und damit Teil der Leitung. Aber das ist Aurelia auch, und ich fand es schräg und irgendwie auch beleidigend, dass er da «im Namen des Instituts» eine Entschuldigung ausgesprochen hat, für die es meiner Meinung nach gar keinen Anlass gab. Er hat damit uns andere blossgestellt. Aurelia ist so sauer, dass sie gar nichts mehr dazu sagen will. Härri hat ganz einfach keine Ahnung von Performance. Und genau das sind eben solche Präsentationen. Die Bewerberinnen und Bewerber wissen das sehr genau. Sie schlüpfen in eine Rolle und legen los. Das schützt sie und gibt ihnen die Möglichkeit, über sich hinauszugehen. In jedem Theaterworkshop in den Schulen wird das gelehrt und praktiziert. Ich frage mich, in welcher Welt Härri lebt. Er hat doch, wie man berichtet, selbst als junger Mann auf der Bühne gestanden, in einer Underground-Band. Ich habe nur einen der Filme gesehen, aber da hat er ganz schön herumgeschrien und Faxen gemacht wie ein Schachtelteufel. Warum denn jetzt diese übertriebene Empfindlichkeit, diese kitschige Empathie mit jungen Leuten, die das gar nicht brauchen? Der Schrei war doch gut, ein vitales Zeichen von Energie. Und was der andere Junge von sich gab, die Selbstverbrennung als künstlerischer Akt, na ja ... Nicht wahnsinnig originell, aber irgendwie logisch in der Situation. Vielleicht wollte er unserer etwas pathetischen Frage – wie weit würdest du gehen ...? – auch ironisch entgegentreten. Mich hat es jedenfalls überhaupt nicht erschreckt, weil ich es eben als Äusserung aus einer Rolle heraus verstand, und nicht als authentische Selbstkundgabe.
Die Befragung mit dem einzelnen Studenten, mit diesem Juri, war etwas anderes. Da hat sich Härri daran gestossen, dass wir, Aurelia und ich, mit ihm «geflirtet» hätten, anstatt ihn auf eine neutrale Weise zu interviewen. Das ist natürlich ein starker Vorwurf. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich aber zugeben, dass da etwas in der Luft lag von Anfang an. Schon wie der hereinkam, wie er sich bewegt, sich auf dem Stuhl geräkelt hat. Aurelia hat mir da einen Blick zugeworfen, so dass ich gedacht habe: Ohoh! Aber ich will das nicht auf sie abschieben, ich fand ihn auch scharf. Wir haben uns dann bemüht, neutral zu bleiben und die angemessene Distanz zu wahren. Meine ich jedenfalls. Und die Genderfrage zu stellen, ist doch mittlerweile ganz normal. Aurelia hätte sie offen stellen sollen, ja, und nicht die Zuordnung suggerieren, die ihr am nächsten steht: pansexuell. Das fand ich ungeschickt. Und seine Antwort – «er glaube nicht an Sexualität» – war wohl auch ein Zeichen, dass er nicht weiter darauf eingehen wollte. Sei’s drum.
Jetzt scheint Kollege Härri abgetaucht zu sein. Ich werde nicht schlau aus dem. Einmal ist er offen und an allem interessiert, was um ihn herum läuft. Ist lustig, charmant. Hat gute Ideen und wirkt jünger, als er ist. Dann wieder mimt er den Oppositionellen und kapselt sich ab, wenn ihn die Umgebung ins Unrecht versetzt. Aber ich fänd’s eigentlich schade, wenn er nicht mehr zurückkäme. Irgendwo braucht es auch ihn. Diversity!

OTTO ULICH – Das ist ja eine schöne Aufregung, die da rund um die Aufnahmeverfahren entstanden ist. Und jetzt ist Lukas auch noch spurlos verschwunden, so dass nicht einmal seine Exfrau Carmela weiss, wo er sich aufhält. Nun, grundsätzlich hat er nur von seinem Recht Gebrauch gemacht, dem Abschluss eines Verfahrens die Unterschrift zu verweigern, das nach seinem Dafürhalten nicht nach Vorschrift ablief. Und er hat damit auf einer ordnungsgemässen Wiederholung bestanden. Ob es in Wahrheit zu den von ihm monierten Grenzüberschreitungen gekommen ist, bleibt für mich auch nach Sichtung der Äusserungen aller Beteiligten unentscheidbar. Im ersten Fall handelte es sich um das Hineintragen von unangebrachten, erotisch konnotierten Verhaltensweisen in einen Prozess zur Aufnahme von Kandidaten im Hochschulkontext, was, wenn es so ablief, wie es Lukas schilderte und wie es vom Kandidaten teilweise bestätigt wurde, tatsächlich eine Regelwidrigkeit darstellen würde. Ob man deswegen das ganze Interview für irregulär erklären und wiederholen musste, sei dahingestellt. Im zweiten Fall zeigt sich noch stärker die Interpretationsbedürftigkeit der Situation. Dabei sind die entscheidenden Fragen, ob erstens der junge Mann zu einer Äusserung verführt oder gar genötigt wurde, die er bei gründlichem Nachdenken nicht gemacht hätte. Und zweitens geht es um die Ernsthaftigkeit respektive die Authentizität dieser Aussage. Ob man sich also mit Lukas Sorgen machen musste um den Kandidaten, oder ob das Bild der Selbstverbrennung eher als reine Phantasie oder ironische Reaktion auf die doch provozierende Frage aufzufassen sei. Ich neige zur Ansicht, dass die Art und Weise, wie solche institutionellen Veranstaltungen betrachtet werden, sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verschoben hat, so dass es zwischen älteren und jüngeren Dozenten zu quasi historisch bedingten Konflikten kommen kann. Lukas scheint die Präsentation als Dialog zwischen autonomen, im Idealfall authentisch kommunizierenden Subjekten aufzufassen, in dessen Kontext es nicht zu Verführung und Verstellung kommen sollte, während Xenjia, mit der ich darüber sprach, ganz selbstverständlich von einem performativen Setting ausging, das von spielerischem Rollenverhalten geprägt ist und auch ironisch gebrochen werden kann. Man könnte sagen, dass aus Lukas’ Sicht auf einer Metaebene über Kunst und deren Auffassung gesprochen werden sollte, während Xenjia die Situation selbst als Kunst verstand, was selbstredend viel grössere Freiheiten impliziert. Ein an sich interessanter, potenziell produktiver Konflikt. Ich hoffe, und gehe eigentlich davon aus, dass Lukas ins Institut zurückkehren und man gemeinsam eine Lösung finden wird.

MARIETTE HAYOZ – Ich mache mir grosse Sorgen um Lukas. Ich versuche seit ein paar Tagen, seit jenen Vorfällen, ihn zu erreichen. Zum Glück wusste ich, dass Otto Ulich seine Frau gut kennt, und so konnten wir mit ihr Kontakt aufnehmen. Sie hat uns ein Stück weit beruhigt. Lukas sei nicht einer, der sich was antue. Und auch wenn er sehr aufgebracht sei, besänftige er sich nach kurzer Zeit wieder. Er sei schon früher, als sie noch mit ihm verheiratet war, manchmal für einige Zeit unauffindbar geblieben und dann plötzlich wieder aufgetaucht. Ich bin nicht wirklich beruhigt. Er kam an jenem Abend zu mir in die Loge und hat sich verabschiedet, als sei es endgültig. «Das war’s», hat er gesagt. «Ich habe genug, und sie werden mich sowieso rausschmeissen nach dem, was passiert ist.» Er hat mir erzählt, dass er aus einer Veranstaltung hinausgelaufen sei und eine zweite abgebrochen habe. Dass es ihm sehr leidtue, uns dadurch zusätzliche Arbeit aufzuhalsen. Aber er habe nicht anders gekonnt.
Es war etwas mühsam, die Befragung und die Präsentation zu wiederholen, aber die Kandidaten haben gut kooperiert und wir haben das innerhalb des nächsten Tages hinbekommen. Formell ist also alles in Ordnung. Ob Lukas’ Verhalten die von ihm befürchteten Folgen hat, weiss ich nicht. Frau Baek hat ihm – etwas eigenmächtig, denke ich – einfach unbezahlten Urlaub gewährt auf unbestimmte Zeit. Ich hoffe wirklich sehr, dass es ihm gut geht und dass er sich bald melden wird.

NOAH – Wo ist Härri? Vor zwei Tagen war er noch hier, aber extrem schief drauf wieder mal. Ich habe ihn besucht, um zu sehen wie es ihm geht. Wollte auch schauen, ob er brav zu Stray schaut. Weiss man ja nie, er mag Katzen immer noch nicht. Aber dem ging’s gut. Er hat sich eingenistet, als ob ihm die Bude gehören würde. Härri findet das natürlich nicht so toll, aber er war nicht deswegen schlechter Laune. Hat irgendwas gefaselt von «Jetzt bin ich gefeuert», oder so. Kapier’ ich nicht. Ich hatte das schon vergessen, aber sie haben ihm ja mal ein Dings gestellt, ein Ultimatum. Weil er mit diesem Blödmann von Journi gequatscht hat über den bescheuerten neuen Namen seines Instituts, und der hat das dann gleich an die ganz grosse Glocke gehängt, was nicht so gut ankam bei Härris Chefin. Jetzt ging es um die Aufnahmeprüfungen, wie ich verstanden habe. Er wollte nicht herausrücken, was da genau war. Irgendwas mit zwei seiner Kolleginnen, die sich wie Teenies aufgeführt hätten, und die Show von zwei Neuen, die aus dem Ruder gelaufen sei. Da habe er eingreifen müssen. Und dann sei er abgehauen. Krass, ey! Sowas machen doch eher kleine Jungs, oder solche wie ich, zuerst Scheisse bauen und dann davonrennen. Hab’ ich ihm auch so gesagt. Geh doch hin, entschuldige dich und dann ist alles wieder in Ordnung, wirst sehen. Aber er wollte nichts davon hören. Er fing auf einmal davon an, ob ich nochmals auf das Haus aufpassen könne und auf «das Tier», das sagte er wirklich so. Wo er denn hingehen wolle, fragte ich. Da hat er mich einfach geblockt. Nada, keinen Ton, Alter! Da habe ich gemerkt, dass es ihm echt dreckig geht, das war so strange. Aber wohin sollte er denn gehen? Zu seiner Ex nach Italien? Glaube ich nicht. So wie er von ihr erzählt hat, ist sie nicht die, bei der man sich ausheulen kann. Hat er Freunde? Keine Ahnung. Wenn sie ihn wirklich rausgeschmissen haben, muss er halt wieder Kunst machen wie früher. Er war dort ja mal stark, ein Winner. Vielleicht kann man nicht beides machen, Kunst und dieses ganze Hochschulzeug. Oder man müsste dort der Chef sein, der von niemandem rumkommandiert wird. Vielleicht muss er nur mal für ein paar Wochen auf lonely cowboy machen, ein bisschen rumziehen mit hochgeklapptem Kragen, um sich wieder als Kerl zu fühlen. Kann ja sein. Ich halte hier mal die Stellung, mit Milena und dem Kater natürlich. Warten wir, bis er wieder ankurvt.